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Wenn dich die „Pandemie der Einsamkeit“ betrifft, helfen diese 7 Tipps

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Junge Menschen sind nicht einsam, weil sie „nur am Handy hängen“, sagt eine Psychologin. Was wirklich dahintersteckt – und was du dagegen tun kannst.

Das Bild einer alten Frau, die nur mit ihren Katzen zusammenlebt, kennen wir alle. Doch so einfach ist es nicht: Auch du warst sicherlich schon einsam, zum Beispiel während der Feiertage. Wenn der Winter nicht zu Ende gehen will und es dir schwerfällt, Freund:innen zu treffen. Vielleicht bist du es gerade in diesem Moment. Dieses Gefühl ist nicht nur persönlich, sondern hat eine gesellschaftliche Dimension.

Wenn es draußen ungemütlich ist, vermeiden wir es gerne, viel zu unternehmen. Das kann einsam machen. (Symbolbild)

Einsamkeit vs. Alleinsein

In der Psychologie wird Einsamkeit als „empfundener Mangel“ definiert, sagt Mareike Ernst. Sie forscht zum Thema an der Universität Klagenfurt. Mit anderen Worten: Du bist dann einsam, wenn Freundschaften oder Beziehungen, die du gerne hättest, fehlen. Du musst nicht komplett alleine sein, um diese Abwesenheit zu empfinden. „Ich kann inmitten von Menschen sein und mich trotzdem nicht verbunden fühlen. Bei der Einsamkeit geht es um das innere Gefühl, nicht die äußere Situation“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland.

Weil die Einsamkeit zunimmt, ergreift die Bundesregierung Maßnahmen

Die Psychologin nennt Zeiten im Leben, in denen das Risiko einsam zu werden, besonders hoch ist: Ab dem Renteneintritt, wenn Freund:innen versterben oder schwer krank werden. Oder zwischen der Pubertät und dem 30. Lebensjahr. Bisher hatte die Gesellschaft meistens die erste Gruppe auf dem Schirm, die zweite ging unter. Doch dann kam die Pandemie, die Kinder und Jugendliche langfristig psychisch belastet hat.

Weltweit ist die Zahl junger, einsamer Menschen seitdem gestiegen. Eine Studie im Auftrag der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen zeigte im Herbst 2023, dass rund 16 bis 18 Prozent der Einwohner:innen im Alter von 16 und 20 Jahren sehr einsam sind. Bei den 13- bis 15-Jährigen waren es knapp 4 bis 11 Prozent. Nach einer Untersuchung der Deutschen Depressionshilfe ist jeder vierte Mensch in Deutschland einsam (bei anderen Studien kann die Zahl laut Ernst abweichen).

Um das Problem anzugehen, entwickelt Familienministerin Lisa Paus (Grüne) für Deutschland eine Strategie gegen Einsamkeit. Maßnahmen, um Betroffene zu unterstützen, sollen genauso gefördert werden, wie Forschung. Wissenschaftler:innen arbeiten beispielsweise an einem „Einsamkeitsbarometer“, der das Ausmaß des Phänomens in bestimmten Gesellschaftsschichten dokumentiert.

Warum ist die Gen Z besonders einsam?

Die US-amerikanische YouTuberin Mina Le spricht in einem Video (siehe unten) davon, dass wir gerade eine „Epidemie der Einsamkeit“ erleben. Ein Grund: Die Digitalisierung. Die Generation Z scheint mehr Freund:innen auf Social Media zu haben, als in real life. Auch manche Forscher:innen sehen den Grund ihrer Einsamkeit darin, dass junge Menschen „zu oft am Handy hängen“. Das sei nach Angaben von Ernst aber nicht wissenschaftlich belegt, es sei wahrscheinlich, dass noch viele andere Einflüsse eine Rolle spielen.

Stattdessen sieht sie den Ursprung woanders: „In der Pubertät sind Kinder besonders sensibel für Mobbing oder andere negative Erfahrungen mit Beziehungen. Viele haben das erste Mal Liebeskummer.“ Wenn wir erwachsen werden, müssen wir mit vielen Veränderungen umgehen. Wir ziehen zum Beispiel in eine neue Stadt, müssen einen neuen Freundeskreis aufbauen. „Wenn junge Erwachsene aus ihrem Elternhaus ausziehen, ist das ein wichtiger Entwicklungsschritt. Trotzdem kann so ein Umbruch einsam machen.“

Menschen ziehen heutzutage häufiger um, als noch im 19. Jahrhundert. Auch das könnte unser Zeitalter in Les Analyse besonders anfällig für Einsamkeit machen. (Symbolbild)

Psychologin gibt 7 Tipps gegen Einsamkeit

Nein, eine Tasse Tee hilft nicht, wenn du dich von allen verlassen fühlst. Bei BuzzFeed News Deutschland erzählten bereits mehrere Personen, was ihnen hilft, sich weniger einsam zu fühlen. Nun haben wir die Psychologin Ernst nach ihren Tipps gefragt. Hier sind ihre Antworten:

1. Vergegenwärtige dir, dass Einsamkeit ein normales Gefühl ist

Betroffenen kann es sehr unangenehm sein, dass sie sich einsam fühlen. Ältere Menschen haben dabei einen Vorteil, sagt Ernst: Sie haben schon mehr Erfahrungen mit Einsamkeit und gingen somit oftmals besser damit um.

Junge Menschen schämen sich besonders dafür, dass sie sich einsam fühlen. Sie beziehen das negativ auf sich, statt gelassener zu sagen: Das ist nur ein vorübergehendes Gefühl und das Signal, dass mir gerade etwas fehlt. Das heißt nicht, dass ich ein schlechter Mensch bin.

Mareike Ernst, Psychologin und Psychotherapeutin

Wenn du dir das klarmachst, kann das Einsam-sein an Gewicht verlieren.

2. Stelle dir am besten folgende Frage, die uns die Psychologin formuliert hat: „Welche sozialen Beziehungen tun mir gut, welche Freundschaften sind vielleicht ein bisschen eingeschlafen, welche möchte ich wieder aufnehmen?“

3. Gehe konkret auf die Leute zu, die du vermisst, oder suche dir neue Hobbys oder Aktivitäten.

4. Suche dir dritte Orte, die du gerne besuchst

Nach der Definition des Soziologen Ray Oldenburg ist der erste Ort dein Zuhause. Dein zweiter Ort ist dein Arbeitsort. (In der Pandemie und durch Home-Office sind diese beiden Orte heutzutage manchmal verschmolzen.)

Dagegen sind dritte Orte diejenigen, an denen du dich in deiner Freizeit aufhältst: Parks, Bibliotheken, Cafés oder ein Handball-Verein. Dritte Orte sind Ernst zufolge wichtig, damit du Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und halten kannst. Im Winter sei das schwieriger, weil manche dritte Orte, etwa Parks, wegfallen. Deshalb ist es sinnvoll, sich in dieser Zeit, besonders um Anlaufstellen zu bemühen.

5. Online ist völlig fine

Eine weitere Option, wenn es draußen ungemütlich ist: Einfach zu Hause bleiben und chatten. Mit dem Vorwurf im Hinterkopf, dass wir „zu oft am Handy hängen“, klingt das nach einer schlechten Idee. Nach Aussagen der Psychologin hat die Pandemie jedoch gezeigt, dass virtuelle Kommunikation gegen Einsamkeit helfen kann – auch, wenn sie kein reales Treffen ersetzt.

6. Trau dich, zu fragen.

Die Hemmschwelle, sich bei Freund:innen nach längerer Funkstille wieder zu melden, ist hoch. Was, wenn das jetzt komisch kommt? – ist ein typischer Gedanke „Aus psychotherapeutischer Sicht bestätigen sich diese negativen Erwartungen nicht“, sagt Ernst. Im Gegenteil: „In den allermeisten Fällen kommt etwas Freundliches zurück“

8. Du bist nicht alleine

„Einsamkeit betrifft eigentlich jeden Menschen mindestens einmal im Leben“, sagt Ernst. „Deshalb ist es wichtig, darüber zu sprechen.“ Die Bundesregierung gehe mit ihrer Strategie gegen Einsamkeit einen ersten, richtigen Schritt.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Cavan Images

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