Notre-Dame

Pariser Kathedrale Notre-Dame öffnet wieder

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Brigitte und Emmanuel Macron beim Rundgang am Freitagvormittag.
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Fünf Jahre nach dem Brand eröffnet die Pariser Kathedrale Notre-Dame wieder. Ein Kraftakt, über den Frankreich staunt – und mit dem sich Präsident Macron profilieren will.

Emmanuel tönt wieder – und wie! Die größte, so benannte Glocke von Notre-Dame, 13 Tonnen schwer, hat am 8. November erstmals seit dem verheerenden Brand der Kathedrale wieder angeschlagen. Zwar nur zu Testzwecken, aber in Paris sorgte das vibrierende Geläute der acht wuchtigen Glocken für „Freude, Dank und Ungeduld“, wie der Pariser Erzbischof Laurent Ulrich später kommentierte.

Ja, auch Kirchenleute, denen Demut und Geduld sonst besser zu Gesicht steht, können das Kommende bisweilen gar nicht mehr erwarten. „Es wird Zeit, dass Notre-Dame ihre Pforten wieder weit öffnet für die 14 Millionen Gläubigen und Besucher:innen, die wir unterschiedslos erwarten und empfangen werden, damit sie sich vor so viel Schönheit verneigen können“, sagt Ulrich, um nach kurzer Überlegung auszurufen: „Heute merken wir, wie sehr eine Kathedrale ein Ort der Hoffnung ist!“

Staat mit und ohne Kirche

In Frankreich sind Staat und Religion streng getrennt – und auf paradoxe Weise in mancher Hinsicht doch enger verbunden als anderswo. Das Gesetz zum Laizismus beendete 1905 einen jahrelangen Machtkampf zwischen den Verfechtern der Republik und der katholischen Kirche. Es zielte vor allem auf Roms Einfluss ab, bezog aus Gründen der Neutralität aber auch andere Religionsgemeinschaften ein.

Im ersten Artikel des Gesetzes zur Trennung von Kirche und Staat sind Glaubensfreiheit wie auch das Recht auf freie Ausübung der Religion festgeschrieben. Die während der Französischen Revolution nach 1789 beschlagnahmten Kirchen und Klöster verbleiben im Besitz des Staates. Dieser verpflichtet sich zu deren Unterhalt, stellt die Gebäude aber den Kirchen kostenfrei zur Verfügung. Diese haben fortan eine Art Vereinsstatus und bekommen keinerlei staatliche Subventionen.

Dies erklärt, warum die Restaurierung von Notre-Dame in Frankreich eine reine Staatsangelegenheit war, bei der die Kirche so gut wie nichts zu sagen hatte. Macron hatte die Leitung zunächst einem ehemaligen General, später einem hochrangigen Beamten des Verteidigungsministeriums anvertraut. Paris’ Erzbischof Laurent Ulrich konnte lediglich über die Innenausstattung entscheiden und den neuen Altar und die Stühle auswählen. afp

Es stimmt, das Volk von Paris hat den Glauben an seine Schutzheilige – „Unsere liebe Frau von Paris“ - „Notre-Dame de Paris“ – nie verloren. Erschüttert, oft wortlos verfolgte die Einwohnerschaft der Stadt des Lichts – und Millionen am Fernsehen –, wie Notre-Dame an jenem 15. April 2019 loderte und vom Dach her ausbrannte, bis der schmale Giebelreiter in erschreckendem Zeitlupentempo in das Flammenmeer stürzte.

Nach dem ersten Schock und nachdem der Brand gelöscht war, zeigte sich, dass die Marienstatue aus weißem Kalkstein im rußgeschwärzten, von Wasser triefenden Kirchenschiff völlig unversehrt geblieben war. Ein Wunder? Ein Wunder war es sicherlich, dass aus 150 Ländern blitzschnell kleine wie große Spenden für die Restauration eintrafen und sich bald auf 850 Millionen Euro anhäuften gebraucht wurden 700 Millionen. Der andere Emmanuel – Macron mit Namen – versprach noch im verkohlten Kirchenschiff, in fünf Jahren werde Notre-Dame wieder stehen.

Restauration der Notre-Dame: Präsident Macron hält Wort

Und tatsächlich hielt der französische Präsident dabei Wort. Ein Wuseln und Werkeln, das den Bauprojekten der Pharaonen zur Ehre gereicht hätte, setzte noch im gleichen Jahr ein. Das 250 Tonnen schwere Eisengerüst jener Dacharbeiten, durch die es zu dem Brand gekommen war, war geschmolzen oder eingestürzt.

Das Eisenwirrwarr traute man sich zuerst gar nicht anzufassen: Niemand vermochte zu sagen, ob es nicht die letzte Stütze der teils 900 Jahre alten Steinmauern darstellte. Mit Computer-Scans konnten Ingenieursgruppen dann schließlich die Schäden genauestens bemessen. Mit riesigen Kränen wurden vorsichtig die Reste des Dachgebälks entfernt, Roboter befreiten das einsturzgefährdete Kirchenschiff von Trümmerschutt und von Bleipartikeln des verbrannten Dachs.

Dann erst begann die Restauration. Einer Parade gleich gaben sich 250 Handwerksbetriebe die sprichwörtliche Klinke der ihres Daches beraubten Basilika in die Hand: Männer und Frauen aus Tischlereien, Kunstschmieden Goldwerkstätten und Malerbetrieben, Zimmerleute und Steinmetze, das Personal von Dachdecker- und Maurerbetrieben, Glasmaler und Tapeziererinnen. Frankreich entdeckte fast verwundert, dass es noch über all diese traditionellen Berufe verfügt. Im September stellten sie ihre Arbeit auf dem Vorplatz der Kathedrale vor. Arnaud Monrançais etwa, Steinhauer aus dem Norden von Paris, zeigte, wie er mit Werkzeugen arbeitet, die schon die Kathedralenbauer im Mittelalter verwendet hatten. Die Steinmetzin Mathilde Bretz präzisierte, dass heute aber „millimetergenau“ gearbeitet wird. Sie behaute weißen Stein aus Frankreich und schwarzen Marmor aus Portugal, bis der Schachbrettboden im Altarraum ersetzt war.

Der Brand im Dachstuhl des Gotteshauses frisst sich in den filigranen Vierungsturm.

Uralte Werkzeuge paarten sich in diesem spätgotischen Bau mit modernstem Hightech-Apparaten: 3D-Baupläne, Laserreinigungen und zum Schluss auch KI-Techniken kamen fast überall zur Anwendung. Und nicht nur in der Pariser Baustelle: Die Hälfte der Arbeiten fand weit entfernt in der Provinz statt. Drei Wälder spendeten – unter Wahrung der Nachhaltigkeit – 1300 Eichen für den Dachstuhl. In Lothringen präparierten Dachdeckerbetriebe 14 Meter lange Balken und den fein ziselierten Vierungsturm; Extremkletterer setzen ihn dann in Paris auf das neue Bleidach auf.

In Montpellier und im Burgund reinigten Spezialunternehmen die 8000 Teile der zerlegten Orgel. In Chartres, und auch in Deutschland und Italien restaurierten andere jede einzelne Scheibe der 3000 Quadratmeter messenden Kirchenfenster und Rosetten. Skulpturen und Gemälde – nichts davon war bei dem Brand verloren gegangen – wurden aufgefrischt und repariert. Ein Steinbruch bei Paris lieferte 1300 Kubikmeter an Quadern für das Mauerwerk. Dank des hellen Kalksteins erscheine die Kathedrale „wie in neues Licht getaucht“, berichtete Erzbischof Ulrich von der hermetisch abgeriegelten Baustelle.

Bald öffnet die Kathedrale wieder.

Nicht alle Wünsche für die Rettung von Notre-Dame erfüllten sich – und nicht wenige werden sagen: Zum Glück. So überlegte Präsident Macron, ob es nicht besser wäre, den von Eugène Violet-Le-Duc 1859 geschaffenen Vierungsturm, auch „flèche“ (Pfeil) genannt, „zeitgenössisch“ neu zu gestalten. Das ging so wenig durch wie die Pläne kreativer Geister, die auf dem Kathedralendach ein Schwimmbad, ein Treibhaus oder einen Leuchtturm-Scheinwerfer installieren wollten.

Macron, als oberster Kirchenbauherr des laizistischen französischen Staates, setzte sich dann mit sechs „zeitgenössischen“ Kirchenfenstern durch, im Stil der Chagall-Fenster in der Königskathedrale von Reims. Eine Ausschreibung unter Künstlern ist offenbar abgeschlossen; für die Einweihung sind die modernen Scheibenfenster aber nicht bereit. Paris steht der Sinn momentan nicht nach Revolutionärem. „Unsere liebe Frau“ soll so aussehen, als wäre ihr nie etwas zugestoßen.

Ein Neues will man aber: Notre-Dame soll nie mehr brennen. Der Staat hat das versprochen. Und so ist im Dachgebälk ein hochmodernes Sprinklersystem eingebaut. Der über lange Leitungen ausströmende Dampf soll wirksamer sein als jede Schlauchspritze, da er auch die Temperatur senkt. Wie ein Besucher des berühmtesten Dachstocks der Welt scherzte, ist Notre-Dame „ab sofort fähig zur Selbstverteidigung“.

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