Gastbeitrag

Pfas ersetzen

Die EU muss die chemischen Einzelsubstanzen einschränken, weil sie krank machen. Der Gastbeitrag von Jutta Paulus und Armin Grau.

Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (Pfas) umfassen rund 10 000 Einzelsubstanzen. Sie finden sich in vielen Alltagsgegenständen, aber auch komplexen technischen Geräten wie Elektrolyseuren oder Wärmepumpen .

Pfas reichern sich zunehmend in unserer Umwelt an, vor allem in Gewässern und Böden. Einmal in die Natur gelangt, sind sie nicht oder nur mit größtem Aufwand wieder zurückzuholen. Sie stellen eine ernste Gefahr für die menschliche Gesundheit und die Umwelt dar; negative Effekte treten aufgrund ihrer Persistenz, ihrer hohen Mobilität und ihrer Akkumulation in Lebewesen auf.

Sie können in unser Hormonsystem eingreifen und zu Krankheiten wie Fruchtbarkeitsstörungen, Diabetes oder Adipositas führen, aber auch zu Krebs beitragen. Europäische Studien zeigen, dass bestimmte Pfas im Blut von Kindern und Jugendlichen zum Teil in Mengen vorkommen, die die Warnschwelle überschreiten. Es wird geschätzt, dass sich die gesundheitlichen Folgeschäden EU-weit auf mehr als 50 Milliarden Euro pro Jahr belaufen.

In einigen Wärmepumpen sind die gesunheitsschädlichen Pfas-Substanzen bereits ersetzt. Diesem Beispiel sollen weitere zahlreiche Produkte folgen. (Felix Hörhager/dpa)

Die Produktion der Ewigkeits-chemikalien entpuppt sich für viele Firmen als Milliardenfalle. Der Konzern 3M bezahlt zwölf Milliarden US-Dollar an Wasserwerke in den USA und hat den Ausstieg aus der Pfas-Produktion im Jahr 2025 beschlossen. BASF wird in den USA in über 2000 Fällen verklagt. In Belgien bereiten Betroffene einer Pfas-Verschmutzung in der Umgebung einer 3M-Fabrik eine Sammelklage vor. In der öffentlichen Debatte über ihre geplante Regulierung wird oft von einem „Totalverbot“ gesprochen und das Menetekel gravierender Konsequenzen für die klimaneutrale Transformation unserer Wirtschaft an die Wand gemalt. Es lohnt sich indes, die Vorschläge zum Ausstieg aus der Substanzgruppe genauer anzusehen.

Einzelne Pfas wurden wegen ihrer gesundheitsschädlichen Eigenschaften bereits verboten – und dann durch ähnliche Pfas ersetzt. Im Januar haben deutsche Umweltbehörden mit Ämtern aus vier weiteren europäischen Staaten einen Regulierungsantrag bei der Europäischen Chemikalien-Agentur (ECHA) gestellt, der für die Gruppe gelten soll.

Der Vorschlag ist evidenzbasiert und sieht viele Ausnahmen in wichtigen Bereichen vor. Ein Verbot innerhalb von 1,5 Jahren betrifft nur Anwendungen, für die Alternativen bereits breit verfügbar sind. Die Frist verlängert sich um fünf Jahre, wo Alternativen existieren, aber nicht ausreichend marktreif sind, und um zwölf Jahre, wo noch keine Alternativen bestehen. Vielen Menschen und Umweltverbänden erscheinen diese Fristen zu lang. Aber sie sind wichtig, denn die Entwicklung von Alternativen benötigt Zeit.

Für verbrauchernahe Produkte wie Spielzeug, Essgeschirr und Outdoorjacken gibt es Alternativen. Viele Anwender am Ende der Produktionskette wünschen sich von ihren Zulieferern sichere und nachhaltige Ausgangsstoffe. Über 100 Firmen, von Levi’s, über H&M bis zur Supermarktkette Coop, haben ihren Wunsch nach Pfas-freien Ausgangsstoffen bereits bekundet.

Wir sollten auch bei den industriellen Anwendungen zu einer sachlichen Debatte kommen und dafür sorgen, dass bessere Alternativen auf den Markt gelangen und die Energiewende ohne Belastung von Umwelt und Gesundheit umgesetzt wird. Pfas sind ein Hauptproblem, das in allen Bereichen angepackt werden sollte. Auch langkettige Pfas und Fluor-Polymere stellen vor allem bei Produktion und Entsorgung oft große Umweltprobleme dar.

Selbst wenn dieser Ausstiegsplan schnellstmöglich vorgestellt und beschlossen würde, wären letzte Verwendungen dann noch bis rund 2040 möglich. Bei Ausnahmen und essenziellen Verwendungen kann in diesem transparenten Prozess nachgesteuert werden, etwa wenn die bisherigen Fristen nicht ausreichen sollten. Die Behauptung, es stünde ein Totalverbot zur Debatte, hilft im ehrlichen Ringen um die beste Lösung nicht weiter.

Wahr ist aber auch: Der Umstieg wird kein Pappenstiel. Im Gespräch mit Herstellern hochtechnisierter Produkte wird klar, dass die Suche nach Alternativen vielerorts noch nicht einmal begonnen hat. Im Schulterschluss von Wirtschaft und Politik müssen wir daher unsere Anstrengungen deutlich intensivieren und die Erforschung von Alternativen zu Pfas beschleunigen.

Das Beispiel Pfas-freier Wärmepumpen von deutschen Herstellern zeigt, dass sich der Umstieg lohnt und sich so aussichtsreiche Positionen auf dem Weltmarkt erobern lassen. Die notwendige Transformation unserer Wirtschaft muss den Klimaschutz in den Fokus nehmen, aber auch den Schutz von Natur und Gesundheit durch den sukzessiven Verzicht auf giftige Substanzen wie Pfas.

Jutta Paulus ist Grünen-Europaabgeordnete und Mitglied im Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.

Armin Grau ist Grünen-Bundestagsabgeordneter und im Gesundheits- und Umweltausschuss.

Rubriklistenbild: © Felix Hörhager/dpa

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