Der 9. November

85 Jahre nach den Pogromen: Deutschland gedenkt unter Hochsicherheit

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Berlin gedenkt seiner Geschichte: Der Mauerfall wird gefeiert, die Pogrome betrauert. Doch die Bedrohung des Antisemitismus bleibt allgegenwärtig.

Berlin - Die Hauptstadt ist eine große Stadt, aber manchmal liegen die Dinge nahe beieinander. An diesem 9. November 2023 sind Freude und Leiden nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Morgens um zehn steht der Regierende Bürgermeister mit einer kleinen Delegation an der Gedenkstätte Bernauer Straße, um den Mauerfall im Jahr 1989 zu feiern. Polizist:innen haben die Straße kurz abgesperrt, Schulklassen stehen auf der anderen Straßenseite und filmen mit dem Handy. Die Stimmung ist entspannt.

Nur zwei Straßenecken weiter wird es merklich stiller. Auch hier hat die Polizei die Straße gesperrt, allerdings mit Sperrgittern. Alle fünfzig Meter stehen Einsatzkräfte, die jeden Passant:innen in Augenschein nehmen. Durchlass bekommt nur, wer eine Einladung in die Synagoge Beth Zion hat. Direkt vor der Synagoge steht ein Polizeiwagen mit einem auf dem Dach installierten Maschinengewehr.

Bewaffnete Polizisten mit Helm und Kampfausrüstung flankieren das Gefährt. Herzlich willkommen zur zentralen Gedenkfeier der Jüdischen Gemeinde in Deutschland für die November-Pogrome vor 85 Jahren. Das Gedenken ist eine Hochsicherheitsveranstaltung. Es findet in der Synagoge statt, auf die erst vor wenigen Wochen ein Anschlag verübt wurde. Der Antisemitismus war nie weg aus Deutschland, aber er ist jetzt wieder viel sichtbarer.

Bundeskanzler Olaf Scholz spricht während einer Gedenkveranstaltung zum 85. Jahrestag der Pogromnacht in der Synagoge Beth Zion.

Antisemitismus in Deutschland: „Es ist etwas aus den Fugen geraten“

Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, bedankt sich in seiner Rede ausdrücklich für den Schutz, den der Staat der jüdischen Gemeinschaft gewährt. Er hat hochrangige Zuhörerinnen und Zuhörer. Den Bundespräsidenten hat Schuster persönlich begrüßt und zu seinem Platz in der ersten Reihe geführt. Dort sitzen mit dem Bundeskanzler, der Bundestagspräsidentin, der amtierenden Bundesratsvorsitzenden und dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes die ranghöchsten Vertreter:innen des Staates.

Das halbe Kabinett ist da und alle Bundestagsfraktionsvorsitzenden – mit Ausnahme der AfD. Wo noch Platz in der kleinen Synagoge ist, sitzen Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Auf der Empore gegenüber den Journalist:innen haben Angehörige der israelischen Geiseln Platz genommen. Kurz vor Beginn der Feier war Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck noch schnell nach oben gekommen, um sie zu begrüßen und ein Gruppenfoto mit ihnen zu machen.

9. November - Schicksalstag der Deutschen

Freiheit, Repression und Völkerfrühling. Der 9. November gilt als Schicksalstag der Deutschen. Auf diesen Tag fallen das Scheitern der Revolution 1848, die Ausrufung der Republik 1918, der Hitler-Putsch 1923, die Reichspogromnacht 1938 und der Fall der Berliner Mauer 1989. Lesen Sie dazu unser Online-Dossier.

In seiner Rede schlägt Schuster schnell den Bogen von 1938 zu heute. Er erkenne dieses Land zuweilen nicht wieder, sagt er. „Es wurde zugelassen, dass es sagbar erscheint, öffentlich die Vernichtung Israels und die Auslöschung aller Juden zu fordern.“ Er spricht vom Terror der Hamas und den weltweiten Reaktionen darauf, die Solidarität mit Israel, aber auch den Hass gegen Jüdinnen und Juden.

In Dagestan habe ein Mob auf dem Flughafen Jagd auf jüdische Reisende gemacht, so Schuster. Das erscheine weit weg. „Aber ist es nicht denkbar, dass eine solche Jagd auf Juden in einem solchen Rahmen auch in Deutschland stattfindet?“, fragt er. „Es ist etwas aus den Fugen geraten in diesem Land. Es ist noch zu reparieren. Aber dafür muss man sich auch eingestehen, was hier gerade vorgeht.“

Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern 

Vor 60. Gründungstag von Israel
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen entschied 1947 über die Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Im Teilungsplan wurde auch festgelegt, dass die Briten ihr Mandat für Palästina bis August 1948 niederlegen. Großbritannien hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Gebiet besetzt und war 1922 offiziell mit dem Mandat über Palästina beauftragt worden. Am 14. Mai 1948 wurde auf Grundlage des UN-Beschlusses der jüdische Staat gegründet. © dpa
Proklamation des Staates Israel
Nach der Unterzeichnung der Proklamationsurkunde am 14. Mai 1948 im Stadtmuseum von Tel Aviv hält eine nicht identifizierte Person das Schriftstück mit den Unterschriften in die Höhe. Links ist David Ben Gurion zu sehen, der erste Ministerpräsident Israels. © dpa
Israelischer Unabhängigkeitskrieg
Ein historisches Datum für den Staat Israel. Doch die arabischen Staaten Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten und Irak erkannten die Gründung nicht an und überschritten nur einen Tag später mit ihren Armeen die Grenzen. So begann der Palästina-Krieg, der im Januar 1949 mit dem Sieg Israels endete. Das Foto zeigt israelische Mitglieder der paramilitärischen Organisation Haganah im August 1948.  © AFP
Operation Yoav
Die israelische Armee konnte während des Krieges 40 Prozent des Gebiets erobern, das eigentlich laut dem ursprünglichen UN-Plan zur Teilung für die arabische Bevölkerung vorgesehen war. So wurde auch der westliche Teil von Jerusalem von Israel besetzt.  © Imago
Waffenstillstand Israel Palästina 1949
Die Vereinten Nationen vermittelten zwischen Israel und Ägypten, und so kam es zwischen den beiden Ländern am 24. Februar 1949 zu einem Waffenstillstandsvertrag. Andere arabische Kriegsgegner folgten mit Waffenstillständen bis Juli 1949. Laut Schätzungen starben bei dem Krieg, den die arabischen Länder gestartet hatten, mehr als 6000 Israelis und 6000 Araber.  © ACME Newspictures/afp
Arafat. Geschichte des Krieges in Israel
Jassir Arafat gründete 1959 die Fatah, eine Partei in den palästinensischen Autonomiegebieten. Laut ihrer Verfassung war ihr Ziel, auch mit terroristischen Mitteln die Israelis aus Palästina zu vertreiben und Jerusalem als Hauptstadt zu installieren. Ebenfalls als Ziel rief die Fatah die „Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz des Zionismus“ aus.  © PPO/afp
Arafat
1993 erkannte die Fatah mit ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat das Existenzrecht Israels im Osloer-Friedensprozess an, und wollte den Terror als Waffe nicht mehr nutzen. Allerdings gab es immer wieder Bombenattentate in Israel. 2011 suchte Arafat den Schulterschluss mit der Hamas. Gemeinsam planten sie, eine Übergangsregierung zu bilden, was bis heute nicht umgesetzt wurde. Innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ist die Fatah die stärkste Fraktion. © Aleksander Nordahl/Imago
1974 Arafat vor UN
Im Oktober 1974 erkannte die Vollversammlung der Vereinten Nationen die PLO als Befreiungsbewegung an. Daraufhin wurde Arafat als Vertreter eingeladen. Am 13. November 1974 eröffnete Arafat die Debatte in der Vollversammlung. Er beendete die Rede mit dem Satz: „Ich bin mit einem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr des Revolutionärs in der anderen Hand hierhergekommen. Lasst nicht zu, dass der grüne Zweig aus meiner Hand fällt!“ © dpa
Kampfflugzeug im Sechs-Tage Krieg
Vom 5. Juni bis 10. Juni 1967 fand der Sechstagekrieg zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien und Syrien auf der anderen Seite statt. Auslöser war die ägyptische Blockade der Seestraße von Tiran für die Israelis, die so abgeschnitten waren. Außerdem hatte der ägyptische Präsident den Abzug der Blauhelme erzwungen, die die nördliche Grenze Israels sicherten. Als Drohung schickte Ägypten dann 1000 Panzer und 100.000 Soldaten an die Grenzen zu Israel. Als Reaktion auf die Bedrohung flogen die Israelis einen Präventiv-Schlag. Auf dem Foto sieht man ein ägyptisches Kampfflugzeug. Während des Krieges konnte Israel die Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem erlangen. Weil Israel seine Angreifer besiegen konnte, machte der Staat am 19. Juni 1967, neun Tage nach seinem Sieg, Ägypten und Syrien ein Friedensangebot. Darin enthalten die Aufforderung, Israel als Staat anzuerkennen. © AP/dpa
Arabisch-israelischer Krieg
Am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, startete eine arabische Militärkoalition unter Führung Ägyptens und Syriens einen Überraschungsangriff, gleichzeitig auf die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen. Nach anfänglichem Erfolg der arabischen Kriegsparteien gelang es Israel, sich zu behaupten. Erst mit dem Friedensvertrag sechs Jahre später am 26. März 1979, normalisierten sich die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel. Ägypten war der erste arabische Staat, der das Existenzrecht Israels anerkannte. © afp
Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten, Jimmy Carter schüttelt dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat die Hand.
Das Friedensabkommen vom 26. März. 1979 war ein wichtiger Meilenstein. US-Präsident Jimmy Carter gratulierte damals dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat und dem israelischen Premierminister Menachem Begin vor dem Weißen Haus. Nach den Camp-David-Verhandlungen unterzeichneten sie den Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern dort. © Consolidated News Pictures/afp
Beschuss im Libanonkrieg
1982 begann mit dem Libanonkrieg der erste große israelisch-arabische Konflikt, der von Israel gestartet wurde. Die Kriegsparteien waren die israelische Armee und verbündete Milizen auf der einen, die PLO und Syrien auf der anderen Seite. Israel besetzte im Rahmen des Krieges zwischen 1982 und 1985 den Süden Libanons. Später richtete Israel daraufhin dort eine „Sicherheitszone“ ein, die aber Angriffe der Hisbollah aus dem Libanon auf nordisraelische Städte nicht verhindern konnte. Am 25. Mai 2000 zog die israelische Armee aus dem Südlibanon ab.  © Dominique Faget/afp
Soldaten und Kinder bei der Intifada 1987
Am 8. Dezember 1987 brach im Westjordanland und im Gazastreifen ein gewaltsamer Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung aus. Diesen Aufstand nennt man Intifada. Auf dem Foto ist zu sehen, wie israelische Soldaten Kinder anweisen, das Gebiet zu verlassen, als Hunderte von Demonstranten Steine und Flaschen schleudern.  © Esaias Baitel/afp
Hamas-Kundgebung im Gaza-Streifen
Die PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation), die ihre Zentrale in Tunis hatte, wollte einen eigenen palästinensischen Staat ausrufen, hatte aber keine Kontrolle über die entsprechenden Gebiete. Im Zuge dessen kam es zu einem Gewaltausbruch, der erst 1991 abnahm. 1993 wurde schließlich mit dem Osloer Abkommen die erste Intifada beendet. © Ali Ali/dpa
Der PLO-Führer Yasser Arafat und der israelischen Premierminister Yitzahk Rabin schütteln sich 1993 die Hände.
Nach Jahrzehnten von Gewalt und Konflikten unterschrieben am 13. September 1993 Israels Außenminister Shimon Peres und Mahmoud Abbas, Verhandlungsführer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), unter Aufsicht der russischen und amerikanischen Außenminister die „Osloer Verträge“. Das Foto des Händedrucks zwischen Palästinenservertreter Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsident Yitzhak Rabin und US-Präsident Bill Clinton wurde weltberühmt. © J. David Ake/afp
Yasir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin erhalten den Friedensnobelpreis
Nach der Unterzeichnung der Osloer Verträge bekamen Jassir Arafat, Schimon Peres und Yitzhak Rabin den Friedensnobelpreis für 1994. Hier die Preisträger zusammen mit ihrer Medaille und ihrem Diplom im Osloer Rathaus. Die Friedensverträge wurden damals als wichtiger Startpunkt für Frieden in der Region gesehen. © Aleksander Nordahl/Imago
Bill Clinton, König Hussein und Rabin bei der Friedenssitzung
1994 folgten Friedensverhandlungen zwischen Jordanien und Israel 1994 im Weißen Haus. Auf dem Foto ist zu sehen, wie der jordanische König Hussein und der israelische Premierminister Yitzahk Rabin bei der Friedenssitzung sich die Hände schütteln. © Imago/ ZUMA Press
Sarg von Yitzhak Rabin, Geschichte des Kriegs in Israel
Mit der Hoffnung auf Frieden in der Region wurde der Hass von israelischen Extremisten größer. Diese wollten Abkommen mit den arabischen Staaten und der PLO nicht akzeptieren. So wurde Yitzhak Rabin zur Zielscheibe und wurde 1995 im Anschluss an eine große Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem rechtsextremen Juden ermordet. Das Foto zeigt den Sarg des Premierministers in Jerusalem bei seiner Beerdigung.  © Jim Hollander/dpa
Junge schießt mit Katapult bei der zweiten Intifada, Geschichte des Krieges in Israel
Obwohl es in den 1990er Jahren mit den Osloer Verträgen große Hoffnung auf Frieden gab, hatte sich die Situation nach der Ermordung von Yitzhak Rabin massiv aufgeheizt. 2000 kam es zur zweiten Intifada, dem gewaltvollen Aufstand der Palästinenser mit Straßenschlachten. Die zweite Intifada dauerte bis 2005. © Imago/UPI Photo
Israelische Soldaten 2006, Geschichte des Krieges in Israel
2006 kam es wieder zwischen Israel und dem Libanon zum Krieg. Die Auseinandersetzung wird auch 33-Tage-Krieg oder zweiter Libanon-Krieg genannt, weil sie nach gut einem Monat am 14. August 2006 mit einem Waffenstillstand endete. Das Foto zeigt einen israelischen Soldaten im Libanon-Krieg im Jahr 2006. Eine israelische Artillerieeinheit hatte soeben an der libanesisch-israelischen Grenze in den Libanon gefeuert. Fast 10.000 israelische Soldaten kämpften in der Nähe von etwa einem Dutzend Dörfern im Südlibanon gegen Hisbollah-Kämpfer.  © Menahem Kahana/afp
Israelisches Militär feuert auf Ziele im Libanon
Auslöser des Libanon-Kriegs waren anhaltende Konflikte zwischen der Terrororganisation Hisbollah und der israelischen Armee. Um die Angriffe zu stoppen, bombardierte die israelische Luftwaffe die Miliz aus der Luft und verhängte eine Seeblockade. Die Hisbollah antwortete mit Raketenbeschuss auf den Norden Israels. Später schickte Israel auch Bodentruppen in den Süden von Libanon.  © Atef Safadi/dpa
Angriff im Süden von Beirut
Die libanesische Regierung verurteilte die Angriffe der Hisbollah und forderte internationale Friedenstruppen, um den Konflikt zu beenden. Am 14. August 2006 stimmten schließlich nach einer UN-Resolution die Konfliktparteien einem Waffenstillstand zu. Sowohl die Hisbollah als auch Israel sahen sich als Sieger.  © Wael Hamzeh/dpa
Krieg in Israel
2014 startete die israelische Armee (IDF) mit der Operation Protective Edge am 8. Juli eine Militäroperation, weil die Hamas aus dem Gazastreifen immer wieder Israel beschoss. Ab dem 26. Juli 2014 folgte eine unbefristete Waffenruhe, die kanpp neun jahre währte.  © Abir Sultan/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Am 7. Oktober 2023 startete die Hamas einen Überraschungsangriff auf Israel mit Raketenbeschuss und Bodeninfiltrationen aus dem Gazastreifen, was zu schweren Verlusten und der Entführung zahlreicher Geiseln führte. Hier ist eine Gesamtansicht der zerstörten Polizeistation in Sderot nach den Angriffen der Hamas-Terroristen zu sehen.  © Ilia Yefimovich/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Bei dem Überfall der Hamas und anderer extremistischer Gruppierungen auf Israel wurden rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 Israelis als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Seitdem wurden laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen Zehntausende Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Minderjährige. © Ilia Yefimovich/dpa

Scholz wendet sich an die Bevölkerung – und betont das „Nie wieder“

Dann ist der Bundeskanzler an der Reihe. Olaf Scholz bleibt in seiner Rede länger beim Geschehen von 1938 und den Gräueltaten an den Juden. Vielleicht weil das der Teil der Geschichte ist, den die Bundesrepublik ganz gut aufgearbeitet hat. Sicheres Terrain also. Dann kommt auch er in die Gegenwart. Er ruft die Menschen in Deutschland dazu auf, sich aktiv gegen die Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden zu stellen. Ausgrenzung treffe sie seit Jahrhunderten besonders und trotz des Zivilisationsbruchs des Holocausts auch heute noch, sagt Scholz. „Das ist eine Schande. Mich empört und beschämt das zutiefst.“

Die Festlegung des Grundgesetzartikels „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sei keine bloße Feststellung, „das ist unsere Aufgabe“, sagte er. „Wenn 85 Jahre nach der Pogromnacht ein Anschlag wie dieser auf die Synagoge verübt wird, dann gerät in der Tat etwas aus den Fugen“, sagt er und geht damit direkt auf seinen Vorredner ein. Dann geht es zurück ins Manuskript. Scholz bekräftigt das „nie wieder“, auf dem das demokratische Deutschland gründe. Und es fehlt auch nicht der Hinweis, dass in Deutschland kein Platz für Antisemitismus ist.

Olaf Scholz ist kein großer Redner. Er spricht leise, das tut er immer, aber heute wirkt es so, als sei ihm selber klar, dass das, was er sagt, zu wenig ist. Kein Platz für Antisemitismus in Deutschland? In Berlin war dafür jüngst sogar vor dem Brandenburger Tor Platz, als im Oktober während einer pro-palästinensischen Demo Hass und Hetze gegen Israel laut wurden. Stunden später wurde der Brandsatz auf die Synagoge in der Brunnenstraße geworfen.

Genügt was Scholz sagt, an Tagen, an denen jüdische Kinder nicht in Schule und Kita gehen, wenn in einem Berliner Stadtteil ein „Tag des Zorns“ zur Unterstützung Palästinas ausgerufen wird? Der Publizist Michel Friedman überlegt nach der Veranstaltung lange, was er auf die Frage antworten soll, wie er die Rede des Kanzlers fand. „Was heißt denn ‚nie wieder‘, wenn wir längst im ‚wieder‘ sind?“, fragt er dann. „Diese Aussage ist nicht mehr hinterlegt.“

Die Politiker müssten sich fragen, was sie getan oder unterlassen haben, wenn Deutschland wieder in einer Situation wie heute stehe. Der Verweis von Scholz auf Artikel Eins des Grundgesetzes empört ihn. „Unsere Würde wird angetastet, wenn Anzeigen gegen Antisemitismus wieder und wieder eingestellt werden“, sagt er. Auf dem Hof umarmen sich die Gemeindemitglieder und reden leise.

Auf der Empore der Synagoge sprechen die Familienangehörigen der Geiseln noch mit den Journalist:innen. Es sind meist junge Männer und Frauen. Die meisten sprechen englisch, vermutlich haben sie die Reden von Schuster und Scholz gar nicht verstanden. Eine junge Frau weint, als der Rabbiner das Abschlussgebet singt. Am frühen Nachmittag werden die Straßensperrungen aufgehoben. Der grüne Polizeipanzer fährt weg, die bewaffneten Einsatzkräfte ziehen ab. Auch an der Mauergedenkstätte gleich um die Ecke ist längst wieder Normalbetrieb.

Rubriklistenbild: © John Macdougall/dpa/AFP Pool

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