Todesfälle lösen Proteste aus

Tausende demonstrieren in Polen gegen Abtreibungsrecht: „Alle schwangeren Frauen sind in Gefahr“

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Eine Frau ist tot - weil ihr in einem polnischen Krankenhaus nicht geholfen wurde. Die Abtreibungsgesetze stecken dahinter. Es gibt massive Proteste.

Warschau - Ein Tod einer Schwangeren entfacht in Polen den Funken des Protests: Nach dem Ableben einer Frau bei einer Krankenhausbehandlung in Polen sind tausende Menschen im ganzen Land gegen das rigide Abtreibungsrecht auf die Straße gegangen. In der Hauptstadt Warschau versammelten sich am Mittwoch (14. Juni 2023) viele Demonstranten im Stadtzentrum. Sie trugen Bilder der Verstorbenen und Plakate mit der Aufschrift „Wir wollen gebären, nicht sterben“ und „Wir wollen Ärzte, keine Missionare“. Proteste unter dem Motto „Keine weitere mehr. Hört auf, uns zu töten“ gab es auch in Krakau, Posen (Poznan), Lodz und mehreren anderen Städten des deutschen Nachbarlandes.

Dorota Lalik stirbt: „Niemand hat uns gesagt, dass ihr Leben in Gefahr ist“

Eine 33 Jahre alte Schwangere namens Dorota Lalik war im Johannes-Paul-II.-Krankenhaus im südpolnischen Nowy Targ am 24. Mai an einer Sepsis verstorben. Drei Tage zuvor war sie in der 20. Schwangerschaftswoche in die Klinik eingeliefert worden, nachdem das Fruchtwasser ausgelaufen war. Obwohl sich der Gesundheitszustand der Schwangeren ständig verschlechterte, blieben die behandelnden Ärzte untätig. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt mittlerweile in dem Fall.

In Polen protestieren Tausende gegen die Abtreibungsgesetze.

„Niemand hat uns gesagt, dass wir praktisch keine Chance auf ein gesundes Baby haben … Die ganze Zeit haben sie uns falsche Hoffnungen gemacht, dass alles gut wird … dass das Kind [im schlimmsten Fall] eine Frühgeburt sein wird“, sagte Laliks Ehemann gegenüber polnischen Medien. „Niemand hat uns die Wahl oder Chance gegeben, Dorota zu retten, weil uns niemand gesagt hat, dass ihr Leben in Gefahr ist.“

Dorota ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren hatte es in Polen mehrfach ähnliche Fälle gegeben, bei denen schwangere Frauen gestorben waren, nachdem sich die Ärzte trotz Komplikationen nicht für eine Abtreibung entschieden hatten. Im Jahr 2021 starb eine 30-Jährige namens Izabela in der südlichen Stadt Pszczyna unter ähnlichen Umständen, nachdem ihr eine Abtreibung verweigert worden war.

Polen: Auch keine Abtreibung möglich, wenn das Kind schwere Fehlbildungen aufweist

Frauenorganisationen erheben schwere Vorwürfe gegen Laliks Mediziner. Demnach hätten diese wegen des strengen Abtreibungsgesetzes in dem mehrheitlich katholischen Land nicht gewagt, das Leben der Frau durch einen Schwangerschaftsabbruch zu retten. 2021 war in Polen nach einem umstrittenen Urteil des Verfassungsgerichts ein verschärftes Abtreibungsrecht in Kraft getreten. Seitdem dürfen Frauen keine Abtreibung vornehmen. Dies gilt selbst dann, wenn das ungeborene Kind schwere Fehlbildungen aufweist.

Marta Lempart, Gründerin des Allpolnischen Frauenstreiks, der viele der Proteste organisierte, sagte: „Alle schwangeren Frauen sind in Gefahr, sobald sie in ein polnisches Krankenhaus überwiesen werden. Frauen haben „Angst vor allen Ärzten, weil wir nicht wissen, welche Maßnahmen ergriffen werden, um den Tod ihrer Patienten zu verhindern.“ Lempart sprach von einem weiteren Krankenhaustod, der durch die Entscheidung der Ärzte verursacht wurde, den Zugang zu einer legalen Abtreibung zu verweigern. „Wir sahen wieder, wie die Ärzte die Familie logen und täuschten und passiv abwarteten, während die Patientin an einer Sepsis starb“, sagte sie.

Proteste in Polen: „Wenn Sie schwanger sind, könnte Ihnen das passieren“

„Seit den Protesten im Jahr 2020 kennt jeder in Polen die Zahl von Abtreibung ohne Grenzen (einer Organisation, die Abtreibungspillen anbietet, d. Red.)“, sagte Lempart. „Aber nicht allen war klar, dass man, wenn man schwanger ist und in ein polnisches Krankenhaus geht, das Krankenhaus möglicherweise nicht lebend verlässt.“ Und weiter äußerte sie: „Deshalb protestieren wir. Wir wollen Alarm schlagen: Wenn Sie schwanger sind, könnte Ihnen das passieren, wenn Sie nicht bereit sind, um Ihr Leben zu kämpfen.“

Polens Patientenbeauftragter Bartlomiej Chmielowiec sagte, das Krankenhauspersonal habe im Fall Dorota Lalik mehrere Rechte der Patientin ignoriert, unter anderem das Recht auf Information über den Gesundheitszustand und das Recht auf Zugang zu aktuellem medizinischem Wissen. Im Jahr 2005 kündigte der damalige Direktor des Krankenhauses dem Guardian zufolge an, dass das Krankenhaus keine Abtreibungen durchführen werde, da das Verfahren „Gottes Gesetz und der Lehre des Papstes“ widerspreche. Das polnische Medienunternehmen Gazeta Wyborcza berichtete, dass im Krankenhaus seit mindestens 2018 keine Abtreibung mehr stattgefunden habe. Das Krankenhaus bestreitet, dass Wierzbas politische Loyalität oder die päpstliche Schirmherrschaft zu Dorota Laliks Tod beigetragen haben. (cgsc mit dpa)

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