Tragödie in Polen

Polnische Staatsmedien und PiS-Partei nach Suizid von 15-Jährigem in der Kritik

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Der Selbstmord des Sohnes einer polnischen Oppositionspolitikerin wirft Fragen zu den Umständen auf. Welche Rolle haben staatlich kontrollierte Medien gespielt?

Szczecin – Der Facebook-Post von Magdalena Filiks, Abgeordnete der oppositionellen liberalen Bürgerplattform PO, zeugt von einer Tragödie, Rückschlüsse auf die Umstände des Geschilderten lässt er indes nicht zu: „Am 17. Februar schied mein Sohn Mikolaj Filiks aus dem Leben. Am 8. März wäre Miki 16 geworden“, so die Abgeordnete des polnischen Parlaments in den sozialen Medien. Kurz zuvor hatte sich ihr fünfzehnjähriger Sohn Mikolaj das Leben genommen.

Über die Umstände ist in Polen eine Debatte entbrannt – viele geben staatsnahen Medien eine Mitschuld am Tod des Jugendlichen. Der ehemalige Ministerpräsident des Landes, Donald Tusk, findet deutliche Worte in Richtung der regierenden PiS-Partei.

15-Jähriger stirbt nach Veröffentlichungen staatsnaher Medien über Missbrauchsfall

Die Umstände des Todes von Mikolaj Filiks sorgen in Polen für massive Kritik an polnischen Staatsmedien. Es geht um die Veröffentlichung von Details in einem Missbrauchsfall, die einen 15-jährigen Jungen offenbar in den Selbstmord getrieben haben. Dabei handelt es sich um den Fall des Sohnes einer oppositionellen Abgeordneten. Er war im Alter von 13 Jahren von einem Mitarbeiter des Woiwodschaftsamtes Westpommern sexuell missbraucht worden.

Der Beschuldigte hatte zudem Drogen an eine 16-Jährige gegeben, er wurde im Dezember 2021 zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Das Verfahren lief unter Ausschluss der Öffentlichkeit, um die minderjährigen Opfer zu schützen.

Donald Tusk, Vorsitzender der liberalen Bürgerplattform PO, kritisiert die PiS-Partei scharf. (Symbolbild)

Im Dezember schalteten sich dann staatsnahe Medien ein: Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders Radio Stettin, Tomasz Duklanowski, berichtete plötzlich über den Fall, unter dem Vorwurf, die Opposition würde das Geschehene totschweigen. Auch andere staatsnahe Medien begannen die Berichterstattung, flankiert von rechten Politikern.

Die Meldungen von Radio Stettin ließen Rückschlüsse auf die Identität von Mikolaj Filiks zu: Der Radiosender veröffentlichte unter anderem das Alter der Opfer, mit dem Beisatz, einer der Betroffenen sei das Kind einer lokalen Abgeordneten. Aus dem Kontext der Berichte ließ sich die Identität des Opfers leicht ermitteln.

Politische Instrumentalisierung des Missbrauchsfalls

Die Mutter des verstorbenen Jungen, Magdalena Filiks, ist selbst Abgeordnete der oppositionellen liberalen Bürgerplattform PO. Filiks gilt als entschiedene Gegnerin des Regierungsbündnisses Vereinigte Rechte unter Führung der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Auch der Täter im Missbrauchsfall ihres Sohnes ist ehemaliges Mitglied der liberalen Bürgerplattform PO. Radio Stettin betont in seinem Bericht aus dem Dezember zudem, der Täter sei Aktivist für LGBT-Rechte. Gegen letztere kämpft das rechte Regierungsbündnis seit langem – und versuchte den Fall offenbar politisch zu instrumentalisieren.

Der Journalist nutzte die Tatsache, dass sowohl der Marschall (vergleichbar mit dem Ministerpräsidenten eines Landes), als auch der Täter Krzysztof F. der Bürgerplattform angehörten. Duklanowski unterstellt der Partei, den Fall totzuschweigen. Der Marschall der Woiwodschaft Westpommern, Olgierd Geblowicz – das eigentliche Ziel der Kampagne – erklärte gegenüber der Gazeta Wyborcza: „Sie wollten mich diffamieren und die Mutter leiden lassen. Stattdessen haben sie den Tod eines Kindes verursacht.“

Laut Gazeta Wyborcza griffen PiS-Politiker auch die Mutter des Opfers in den sozialen Medien an – nach Meldungen über den Tod ihres Sohnes, löschten einige ihre Beiträge offenbar. Politische Beobachter sehen im Vorgehen staatsnaher Medien den Versuch, aus dem Missbrauchsfall des Minderjährigen politisches Kapital zu schlagen – auf dessen Rücken. Sie sehen die PiS-Partei als Drahtzieher hinter den Berichten. Politik und Medien suchen die Schuld nach dem Todesfall jeweils auf der Gegenseite, Verantwortung dürften indes beide tragen.

„Zur Rechenschaft ziehen“: Scharfe Kritik von Donald Tusk an Regierungspartei PiS

Der polnische Presserat sieht eine Verletzung ethischer Prinzipien in der Veröffentlichung, die zur Identifikation des minderjährigen Missbrauchsopfers führte. Auch der Chef der staatlichen Kommission zur Verfolgung von Kindesmissbrauch, Blazej Kmiecik, fand laut DW deutliche Worte. Kmiecik erklärte, die Arbeit des Journalisten sei „falsch, nicht ethisch und unwürdig“, wenn „innerhalb von 15 Sekunden die Personalien der missbrauchten Kinder herauszufinden“ seien.

Donald Tusk, Vorsitzender der Bürgerplattform und ehemaliger polnischer Ministerpräsident äußerte auf Twitter das Versprechen, „die PiS für jede Schandtat, für alles menschliche Leid und alle Tragödien, die sie während ihrer Regierungszeit verursacht hat, zur Rechenschaft zu ziehen“. Der polnische Europaabgeordnete Radosław Sikorski erklärte laut Guardian seinerseits, durch den Fall würde das Ausmaß an Zusammenarbeit zwischen Ermittlungsbehörden und staatsnahen Medien deutlich. Sikorski glaubt, solche Operationen seien „geplant ... und werden routinemäßig eingesetzt, um politische Konkurrenten zu zerstören“. (Alexander Eser-Ruperti)

Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bei Depressionen und anderen psychischen Notfall-Situationen gibt es außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de.

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