- VonJan Opielkaschließen
Auch 85 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen ist das Verhältnis beider Länder schwierig. Das Deutsch-Polnische Haus in Berlin soll neue Formen des Erinnerns ermöglichen.
Es ist ein weiterer Jahrestag im Kontext von Krieg, ein weiteres blutgetränktes Erinnerungsdatum, dessen offizielles Begehen in Polen aber durchaus Unbehagen wecken kann. Denn der 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen steht im Schatten des Krieges Russlands in der Ukraine – und der polnischen Ängste vor einem Krieg an der Weichsel. Auch daher gibt Polen derzeit mit mehr als vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts so viel für Rüstung und Verteidigung aus wie kein anderer Nato-Staat. Das Land will die Nato-Zielvorgabe von zwei Prozent dauerhaft übertreffen – ganz so, als wäre es im etwaigen Kriegsfall auf sich allein gestellt und könnte nicht auf den vertraglich zugesicherten Beistand seiner Bündnispartner zählen.
Ganz so, als könnte es verraten werden, wie einst nach dem 1. September 1939, als Frankreich und Großbritannien trotz vorheriger Sicherheitszusagen Polen nicht zu Hilfe kamen. Der „Verrat des Westens“, als den viele Menschen in Polen den damaligen „Sitzkrieg“ an der deutschen Westfront und das Nicht-Eingreifen westlicher Staaten immer noch bezeichnen, habe auch dem sowjetischen Überfall auf Polen am 17. September 1939 den Weg geebnet, schreibt etwa der polnische Historiker Wojciech Wlodarkiewicz.
In Berlin indes könnten dieser große Kontext und die folgenden Verbrechen der Deutschen (und der Sowjets) in Polen, aber auch die bis heute belastenden Traumata in den kommenden Jahren eine neue und wirkmächtige Plattform finden. Denn im Herzen der deutschen Hauptstadt wird ein „Deutsch-Polnisches Haus“ (DPH) entstehen, ein Erinnerungs- und Begegnungsort samt einem großen symbolhaften Denkmal.
Das Bundeskabinett billigte im Juni den von einem Fachteam erstellten Umsetzungsplan für das DPH, das schon seit vielen Jahren im Gespräch ist. Der deutsche Bundestag dürfte in den kommenden Monaten seinen Segen geben. Das Deutsch-Polnische Haus soll sowohl einen physischen Raum in Berlin erhalten – in Form eines Erinnerungs- und Gedenkortes für die Verbrechen der Deutschen; es soll aber auch die weiter gefasste, deutsch-polnische Geschichte zeigen und ein Koordinierungsort für Projekte jenseits der deutschen Hauptstadt werden, in Deutschland und auch in Polen.
Der österreichische Historiker Robert Parzer ist einer der Verantwortlichen für das Konzept. Gemeinsam mit der polnischstämmigen Historikerin Agnieszka Wierzcholska arbeitet er in der Stabsstelle des DPH, die bislang bei der Stiftung für die ermordeten Juden Europas angesiedelt ist. Parzer, der viele Jahre zur Geschichte des Nationalsozialismus gearbeitet hat, wirkt voller Tatendrang. Womöglich daher, weil er an einem Projekt arbeitet, das von Dauer sein dürfte, auch wenn die Eröffnung des Hauses erst für 2033 angepeilt und der genaue Standort in Berlin noch nicht klar ist.
Im Gespräch erläutert Parzer: „Die Grundidee des Hauses heißt ‚Erinnern – Begegnen – Verstehen‘. Letzteres vor allem auch deshalb, weil das Wissen in Deutschland ob der deutsch-polnischen Geschichte sowie der Verbrechen der Deutschen in Polen während des Zweiten Weltkrieges relativ gering ist.“ Bereits jetzt bestehe eine Partnerschaft mit der Polnischen Akademie der Wissenschaften, an sechs thematischen Expertenforen hätten etwa 60 Fachleute mitgewirkt – zu gleichen Teilen aus Polen und Deutschland. Wichtiger Partner in Deutschland ist das Deutsche Polen-Institut (DPI) in Darmstadt.
Die Idee eines Deutsch-Polnischen Hauses entstand trotz oder auch wegen der Eiszeit, die zwischen beiden Staaten in der Zeit der Regierung der rechtskonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in Polen zwischen 2015 und 2023 fast durchgehend herrschte. Diese war nicht nur durch unterschiedliche politische Interessen oder durch die Attacken der PiS auf den polnischen Rechtsstaat sowie die EU bedingt. Streit schwelte auch mit Blick auf die Geschichte – vor allem die Frage von Reparationszahlungen, die die PiS auf Basis der Arbeit einer von ihr eingesetzten Kommission von Berlin forderte.
Umgerechnet rund 1,3 Billionen Euro wollte Warschau von Deutschland erhalten. Es war zwar ein unrealistischer Schachzug – doch die geschätzte Summe an Schäden – Todesopfer, Zwangsarbeit, Zerstörung des Landes, Raub von Kulturgütern – war als solche keineswegs abwegig. Berlins Nein zu Reparationsforderungen beruhte letztlich einzig darauf, dass Polen noch als kommunistische Volksrepublik in den 1950er Jahren auf Reparationen verzichtet habe. Damit sei die Frage juristisch abgeschlossen.
Mit der Machtübernahme durch die proeuropäische Regierung von Donald Tusk im Dezember 2023 sind diese Forderungen zwar ad acta gelegt. Warschau verzichtet auf Reparationen, wünscht sich aber irgendeine Form der Wiedergutmachung. Bei einem Treffen mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Berlin im März dieses Jahres sagte Tusk, in der Frage der moralischen und materiellen Wiedergutmachung „habe Deutschland noch etwas zu tun“. Dies solle aber nicht so geschehen, dass es „in Zukunft zum Verhängnis“ werde.
Anfang Juli sicherte Scholz in Warschau zu, einen Fonds für die noch lebenden Opfer der Deutschen aufzulegen – doch die später Warschau in offiziellen Gesprächen zugesagte Summe von insgesamt 200 Millionen Euro soll Tusk laut Medienberichten zurückgewiesen haben. Sie sei zu gering, auch angesichts der deutschen Zahlungen an Israel. Wie es mit dieser Entschädigungsleistung weitergehen wird, ist bislang offen.
Aus Berliner Sicht ist daher auch das Deutsche-Polnische Haus ein Teil der Wiedergutmachung, auch wenn etwa Nyke Slawik, Bundestagsabgeordnete der Grünen und stellvertretende Vorsitzende der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe, es nicht als zentrales Projekt davon sieht. „Es geht eher darum, hier in Deutschland darüber zu informieren, was damals in Polen geschehen ist. Denn die Deutschen sind relativ gut über den Holocaust informiert, aber wie brutal die Besatzung in Polen war, darüber wissen viele nicht Bescheid.“
Die 30-jährige Politikerin mit polnischen Wurzeln beobachtet, dass die jüngere Generation es leichter habe, sich mit diesem Teil der Geschichte „ehrlicher und offener“ auseinanderzusetzen als ältere Menschen. „Wir sind uns stärker bewusst darüber, dass in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg viel zu wenig an Wiedergutmachung gegenüber Polen passiert ist.“
Dass das DPH ein Instrument der Wiedergutmachung sei, verneint Historiker Robert Parzer noch deutlicher. „Wiedergutmachung ist unmöglich. Es geht vielmehr um Anerkennung. Ich erlebe es, dass viele Menschen in Polen sich wünschen, dass die Deutschen endlich anerkennen, wie die Polen und Polinnen gelitten, wofür sie gekämpft und was sie erreicht haben.“ Damit meint er etwa die polnische Solidarnosc-Bewegung, die 1980 als Gewerkschaft entstand und den Weg auch für den späteren deutschen Mauerfall geebnet habe.
Dass die deutschen Verbrechen in Polen während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland wenig präsent sind, darüber berichten auch andere in Berlin wohnende Polinnen und Polen. Anna Krenz aus dem westpolnischen Poznan etwa lebt seit 2003 in Berlin. Die freie Künstlerin, Architektin und Autorin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den polnisch-deutschen Beziehungen und setzt sich für die Erinnerungskultur ein, organisiert aber auch politische Protestaktionen.
Eines ihrer neuesten Projekte ist die temporäre Ausstellung „Freiheit, Gleichheit, Solidarnosc. Polnische Standpunkte in Berlin“ im Berliner Humboldt Forum. Sie zeigt Berlin als Schauplatz polnischer Freiheitskämpfe und des Widerstands gegen Diskriminierung. Die Idee des Deutsch-Polnischen Hauses sieht Krenz positiv: „Es ist gut, dass eine solche öffentliche Institution entsteht, die unsere Arbeit an der Erinnerungskultur um das Gedenken an polnische Opfer in Berlin bereichern kann.“ Denn in Deutschland gebe es große Wissenslücken, was Polen und die deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs betreffe. „Das neue Haus könnte uns helfen, einen Teil dieser Lücke zu schließen“, hofft Krenz.
„Was die Initiatoren des Hauses planen, machen wir Künstlerinnen und Aktivistinnen schon seit langem – kulturelle Aktivitäten, die an die polnischen Opfer des NS-Regimes und auch an die Heldinnen des Widerstands erinnern“, sagt Krenz. „Wir bemühen uns jedoch, die Geschichte lebendig zu halten und sie mit der Gegenwart zu verknüpfen, damit sie nicht nur ein weiteres historisches Werk für geschlossene wissenschaftliche Kreise wird.“
Krenz bezieht sich auf eines ihrer Projekte der vergangenen Jahre: das Gedenken an die polnische Dichterin und Widerstandskämpferin Irena Bobowska aus Poznan, die im Alter von 22 Jahren von den Nazis für ihre konspirative Tätigkeit während des Zweiten Weltkriegs enthauptet wurde. Doch laut Krenz sollte die Erinnerungskultur, die über Jahre von der regierenden PiS-Partei vereinnahmt wurde, nun nicht von deutschen wissenschaftlichen, historischen oder politischen Institutionen von oben herab gesteuert werden. Sie setzt auf basisnahe und künstlerische Projekte. Denn, so sagt sie, „die Geschichte gehört uns allen“. In der offiziellen deutschen Erzählung über den Zweiten Weltkrieg sollte die Stimme der Polinnen und Polen – einschließlich polnischer Migrant:innen – zu hören sein.
Viele Polinnen und Polen – und auch Deutsche – wirken in Berlin auch in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft (DPG) mit, einer von knapp 50 solcher Gesellschaften, die es in vielen deutschen Städten gibt. Anita Baranowska-Koch, Vorsitzende der DGP in Berlin, initiierte zuletzt etwa gemeinsam mit Jakob Reinhold das Projekt „Jenseits der Mauern, Geschichten verbinden“, bei dem Jugendliche und junge Erwachsene aus Warschau und Berlin an der Spree in Workshops eine Ausstellung mitentwickelt haben, die an den Warschauer Aufstand von 1944 erinnern soll.
Das Deutsch-Polnische Haus sieht Baranowska-Koch sehr positiv. „Wiedergutmachung im ethischen Sinne bedeutet, sich vor den Opfern zu verneigen. Die Verantwortung für die deutschen Verbrechen liegt natürlich nicht bei der heutigen jüngeren Generation des Landes, aber die Verantwortung für das historische Bewusstsein sehr wohl. Wenn die jungen Deutschen jetzt darüber reden, heißt das vor allem, dass sie die Verantwortung dafür übernehmen, dass dies nicht vergessen wird und nie wieder geschieht.“ Auch das geplante Denkmal sei wichtig, auch für sie persönlich. „Mein Großvater ist 1941 in Auschwitz als polnischer Offizier ums Leben gekommen – ich würde gerne hier, in Berlin, für ihn einen Kranz niederlegen, denn er hat kein Grab. Wie so ungezählt viele Andere auch.“