Interview

Politologe Hillje: „Andere Parteien können AfD-Anhänger kaum noch erreichen“

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Eine Demo der AfD vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. (Archivbild)
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Der Politologe Johannes Hillje über Strategien der Rechten, Identitätspolitik, einen vermeintlich deutschen Lebensstil – und Sahra Wagenknecht. Ein Interview.

Herr Hillje, in einem neuen Video beschimpft Sahra Wagenknecht die Grünen, sympathisiert mit Putin, verurteilt den angeblichen Wirtschaftskrieg auf Kosten der Deutschen. Das klingt stark nach AfD. Und prompt fürchtet AfD-Chefin Alice Weidel, dass die Frau von der Linkspartei der AfD das Wasser abgraben könnte. Muss Weidel sich Sorgen machen?
Ja, AfD und Wagenknecht sprechen zum Teil das gleiche Milieu an. Aber Weidels Sorgen sagen mehr über Sahra Wagenknecht aus als über die AfD. Wagenknechts Behauptungen decken sich mittlerweile stark mit den Narrativen der AfD. Bei Putin-Nähe, Antiamerikanismus und Grünen-Bashing ist Wagenknecht von der AfD kaum mehr zu unterscheiden.
Und das wird von AfD-Fans honoriert?
Und ob. Bei Demonstrationen des rechtsradikalen Milieus, die wir insbesondere in Ostdeutschland beobachten können, wird Sahra Wagenknecht wie ein Popstar gefeiert, selbst wenn sie nicht anwesend ist. Ihr Name wird skandiert. Sie ist zu einer Ikone im rechtsradikalen Milieu geworden – das kommt nicht von ungefähr.
Warum erzählt Weidel öffentlich, dass sie Angst vor einer neugegründeten Wagenknecht-Partei hätte? Damit schädigt sie doch das Alleinstellungsmerkmal der AfD.
Der Verfassungsschutz bewertet die AfD als rechtsextremen Verdachtsfall. Deshalb ist es für sie von strategischem Nutzen, wenn Protagonisten der sogenannten etablierten Parteien auch Positionen der AfD vertreten. Wagenknecht wird also zur Kronzeugin dafür, dass die Einstellungen der AfD angeblich gar nicht so radikal seien, da sie sich eben auch bei den etablierten Parteien wiederfänden.
Und Wagenknecht unterstützt das noch, indem sie argumentiert, eine Wahrheit bleibe selbst dann die Wahrheit, wenn sie von der AfD vertreten werde ...
Sahra Wagenknecht stellt sich in den Dienst einer extrem rechten Partei. Sie behauptet auch, die Grünen seien die gefährlichste Partei im Bundestag – was im Umkehrschluss heißt, dass dies nicht die AfD ist. Eine krasse Verharmlosung.
Deutschsein à la AfD: Fleisch gehöre unbedingt dazu, sagt Johannes Hillje.

Politologe Hillje: „Der Anteil an wechselbereiten Wählern ist bei der AfD am geringsten“

In Ihren Analysen stellen Sie fest, dass die AfD sehr treue Anhänger:innen hat. Dann könnte sich Alice Weidel doch beruhigt zurücklehnen.
Tatsächlich belegen Studien, dass der Anteil an wechselbereiten Wählern bei der AfD am geringsten ist – von allen Parteien im Bundestag. Die AfD hat die treueste Wählerschaft, weil sich die meisten ihrer Anhänger nicht vorstellen können, anders zu wählen. Bedeutet auch: Andere Parteien können AfD-Anhänger kaum noch erreichen. Friedrich Merz wollte die AfD halbieren, das ist vollkommen unrealistisch. AfD-Wähler lassen sich nicht wegmobilisieren, höchstens demobilisieren, also dass sie gar nicht wählen.
Bei der Landtagswahl in Niedersachsen hat die AfD erschreckend erfolgreich abgeschnitten. In den Kommentaren wurde dann gern auf den großen Anteil an Protestwähler:innen hingewiesen.
Aber das ist ein Trugschluss! Die Mehrheit der AfD-Wähler entscheidet sich nicht nur deshalb für diese Partei, weil sie mit allen anderen unzufrieden ist. Bei der AfD lässt sich Protest und Überzeugung politisch nicht auseinanderhalten. Meinungsforscher fragen die Wähler nach einer Wahl, ob sie eine Partei aus Überzeugung oder aus Protest gewählt haben. Bei der AfD kommt dann regelmäßig heraus, dass die vermeintlichen Protestwähler in der Mehrheit sind. Dabei wird aber übersehen, dass bei der AfD der Protest die Überzeugung ist, der Protest ist Programm …
… und gehört zur Identität der Partei?
Das ist der Wesenskern von Populismus: die Gegenüberstellung von einfachem Volk und Eliten. Die AfD sortiert alle anderen Parteien bei den sogenannten schädlichen Eliten ein, die das Volk betrügen. Deswegen gehört der Protest gegen andere Parteien wie auch die Delegitimierung unserer demokratischen Institutionen bei der AfD zum Programm.
Community-Building gehörte schon immer zum Erfolgsrezept von Parteien. Die AfD hat es nach ihrer Gründung rasend schnell geschafft, eine Gemeinschaft aufzubauen. Wie konnte das gelingen?
Parteien sind aus bestimmten Milieus heraus entstanden. Die SPD aus dem Arbeitermilieu, die CDU aus dem christlichen, die Grünen aus der Umweltbewegung. Bei der AfD ist das anders. Sie wurde in einer Zeit gegründet, als die sozialen Milieus schwächer wurden. Das hat die AfD erkannt und ihre Anhängerschaft über digitale Kommunikation in den sozialen Netzwerken aufgebaut. Das gesellschaftliche Milieu, in dem die AfD verankert ist, ist die rechtspopulistische Echokammer. Dort hat sie ihre Kernwählerschaft geschaffen und eine kollektive Identität ausgebildet, die die Partei mit ihrer Anhängerschaft verbindet.
Der Politologe Johannes Hillje.

Politologe Hillje: „Die AfD setzt stark auf Exklusionsstrategien“

Identitätspolitik basiert auf Aus- und Abgrenzung, auf Ingroups und Outgroups. Wir und die Anderen. Was ist das Besondere bei der AfD?
Die AfD setzt stark auf Exklusionsstrategien. Sie definiert ihr „Wir“ hauptsächlich durch die Ausgrenzung anderer. Die sogenannten Outgroups der AfD sind zum einen Eliten – wodurch sie das „Volk“ nach oben abgrenzt. Zum anderen ethnische Minderheiten und politisch Andersdenkende – damit schafft ist eine kulturelle Abgrenzung von innen und außen, zwischen kulturellen „Bewahrern“ und „Verrätern“.
Welche Rolle spielt dabei die Ideologie der Ungleichwertigkeit?
Eine zentrale Rolle. Diejenigen, die nicht zur AfD gehören, werden als ungleichwertig betrachtet. Nicht nur ethnischen Minderheiten, sondern auch Transgender oder Klimaaktivisten, die auf entmenschlichende Weise beschimpft werden, weil sie angeblich die eigene Kultur bedrohen. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist der Kern der Identitätspolitik der AfD. Und sie ist die Brücke zum Rechtsextremismus.
Zur Identitätsstiftung gehört nicht nur, welche Inhalte vermittelt werden, sondern auch, wie sie vermittelt werden – also in welchen Deutungsrahmen sie auftauchen. Wie funktioniert das Framing bei der AfD?
Das Identitätsframing der AfD beruht auf einer speziellen Weltanschauung. Die Partei unterteilt die Gesellschaft in kulturelle Insider und kulturelle Outsider. Deutschstämmige gehören zu den Insidern, Migranten gehören zu den Outsidern. Christen zu den Insidern, Muslime zu den Outsidern. Aber neben Ethnie, Herkunft und Religion geht es auch um Fragen des Lebensstils ...
... einen typisch deutschen?
Ja. Die AfD propagiert einen vermeintlich kulturtypischen deutschen Lebensstil. Bei der Mobilität zeichnet sich dieser durch den Diesel aus. In der Ernährung durch den Fleischkonsum. Produziert ein traditionsreicher deutscher Fleischkonzern neuerdings halal, dann wird er von der AfD als Feind markiert, denn das sei ja nicht typisch deutsch. Weitere lebensweltliche Kategorien sind Urlaub mit dem Billigflug oder die Frage des Genderns. Hier geht es also nicht mehr darum, ob jemand deutsch ist, sondern ob er deutsch lebt. Die Trennung wird mitten durch die Gesellschaft gezogen.

Zur Person

Johannes Hillje, Jahrgang 1985, ist selbstständiger Politik- und Kommunikationsberater und Autor mehrerer Sachbücher. Der promovierte Politik- und Kommunikationswissenschaftler studierte unter anderem an der London School of Economics.

Kürzlich erschien sein Buch „Das ‚Wir‘ der AfD“ im Campus-Verlag.

Politologe Hillje: „Die AfD kulturalisiert soziale und ökonomische Konflikte“

Diesel, Fleisch, Billigflug als Identitätsrepertoire? Das klingt doch arg schlicht.
Wir dürfen nicht vergessen, dass der Lebensstil identitätsstiftend ist und gegenwärtig auf den Menschen nicht nur ein ökonomischer Druck lastet, sondern auch ein Veränderungsdruck. In der Politik und den öffentlichen Debatten wird gewarnt, dass wir unser Leben ändern müssen, damit wir nicht in der Dauerkrise landen. Das macht AfD-Anhängern Angst. Der Abschied von Putins Gas ist auch der Abschied von einem Lebensstil, der von fossiler Energie angetrieben wird. Diesen Lebensstil hat die AfD zur Identität erhoben. Deshalb kann sie die derzeitige Energie- und Wirtschaftskrise in eine Identitätskrise umdeuten.
Kulturelle Faktoren sollen bei der Identitätsstiftung à la AfD tatsächlich eine größere Rolle spielen als soziale und ökonomische?
Die AfD kulturalisiert soziale und ökonomische Konflikte. Natürlich geht es den Menschen momentan vorrangig um wirtschaftliche Probleme, um ihr finanzielles Auskommen. Sie sind sozial verunsichert. Aber die AfD überführt die soziale in eine kulturelle Verunsicherung. Sie hat weder in der Sozial- noch in der Wirtschaftspolitik ein Angebot. Sie gewinnt derzeit hinzu, weil der soziale Konflikt von anderen Parteien nicht scharf gestellt wird. Die Kulturalisierung sozioökonomischer Themen gelingt, wenn es an Materialisierung dieser Fragen mangelt.
Aber das stimmt doch so nicht. Neben dem aktuellen Kriegsgeschehen sind dessen soziale Folgen ein Dauerthema für Regierung und Opposition. Oder geht es um den Output, um das, was tatsächlich für die Bevölkerung herauskommt?
Es geht um Vertrauen, ob die Maßnahmen ausreichen werden. Die AfD nutzt das Misstrauen gegenüber der Bundesregierung und den demokratischen Institutionen, um Ängste zu bewirtschaften und für Proteste zu mobilisieren. Dabei können wir uns in Deutschland noch glücklich schätzen, dass das Vertrauen der Mehrheit in die Demokratie grundsätzlich hoch ist ...
Wobei alle Umfragen zeigen, dass die Unzufriedenheit und das Misstrauen deutlich gewachsen sind ...
Die Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie ist zuletzt gestiegen. Diese Unzufriedenen sind nicht überzeugt von den Entlastungspaketen der Bundesregierung. Diese Gruppe spricht die AfD neben ihrer Stammwählerschaft heute an und behauptet, dass die Bundesregierung einen Wirtschaftskrieg gegen die eigene Bevölkerung führt. Dass sie die Härten bewusst herbeiführt, um eine kulturelle Veränderung und den Abschied vom gewohnten Lebensstil zu erzwingen. Entscheidend wird sein, welche Deutung überzeugender ist.

Das Buch

Johannes Hillje: Das „Wir“ der AfD – Kommunikation und kollektive Identität im Rechtspopulismus. Campus-Verlag 2022. 279 Seiten, 32 Euro.

Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel

Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle.
Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle. Anders als jahrelang üblich, gab es bei ihrem Bundesparteitag im Januar 2025 in Riesa kaum große Streitthemen. Auch die Mitglieder des AfD-Bundesvorstands verbreiteten Harmonie (von links nach rechts): Carsten Hütter, Alice Weidel, Tino Chrupalla, Peter Boehringer und Heiko Scholz. In Riesa beschloss die AfD ihr Wahlprogramm.  © Sebastian Kahnert/dpa
Auf dem Parteitag wurde Parteichefin Alice Weidel zur Kanzlerkandidatin gekürt.
Im Mittelpunkt des Parteitags stand Alice Weidel, die die AfD mit einer schrillen Rede auf den Wahlkampf einschwor. Vor allem mit ihrer rigorosen Wortwahl schien sie den Nerv der Partei zu treffen. So forderte sie Rückführungen im großen Stil: „Wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Remigration.“ Zuvor hatte sie diesen Begriff vermieden.  © Jens Schlüter/AFP
AfD-Bundesparteitag in Riesa
Tatsächlich ist nach Riesa rhetorisch kein Unterschied mehr zwischen Weidel und den Rechtsextremen auszumachen. Immer wieder gelang es ihr, die düstere AfD-Seele mit ihrer scharfen Wortwahl zu massieren. So prägte sie auch den irren Begriff ,,Windmühlen der Schande“.  © Sebastian Kahnert/dpa
AfD Parteitag 2013 in Berlin
Wie aber kam es zum Aufstieg der AfD? Los ging alles am 6. Februar 2013, als 18 Menschen im hessischen Oberursel (Taunus) die Partei „Alternative für Deutschland“ gründeten. Der erste AfD-Parteitag fand bereits am 14. April 2013 statt (im Bild). Bei der Bundestagswahl im selben Jahr erzielte die neue Partei aus dem rechten Spektrum auf Anhieb 4,7 Prozent – das beste Ergebnis, das eine neu gegründete Partei jemals bei ihrer ersten Bundestagswahl erzielen konnte.  © imago
Landesparteitag der AfD am 11. Januar 2014 in Gießen
Nahezu von Anfang begleiten Gegendemonstrationen die AfD-Veranstaltungen - wie hier der Landesparteitag am 11. Januar 2014 in Gießen. Der rechtspopulistischen Partei werden immer wieder Demokratie- und Europafeindlichkeit vorgeworfen. © imago stock&people
Dr. Konrad Adam, Journalist und Mitgebründer der Alternative für Deutschland (AfD)
Als einer der Gründungsväter der AfD gilt Konrad Adam. Der 1942 in Wuppertal geborene Journalist arbeitete für die Tageszeitungen FAZ und Welt. Zunächst war er Gründungsmitglied der eurokritischen Wahlalternative 2013 und wurde noch im selben Jahr einer von drei Bundessprechern der neu gegründeten AfD. Wie viele andere war Adam ursprünglich CDU-Mitglied, ehe er – vermutlich aus Enttäuschung über die als linksliberal wahrgenommene Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – eine neue Heimat in der AfD fand. Zwei Jahre blieb Adam Bundessprecher, doch bereits im Dezember 2015 begann er, sich von der Partei zu distanzieren. 2020 kündigte er seinen Austritt aus der AfD an, der am 1. Januar 2021 in Kraft trat. © imago
Konrad Adam, Bernd Lucke und Alexander Gauland auf dem ersten Parteitag der AfD in Berlin.
Das bekannteste Gesicht der AfD-Gründungsphase gehört dem Mann mit erhobenen Armen: Bernd Lucke. Geboren 1962 in West-Berlin und aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, studierte Lucke Volkswirtschaftslehre und wurde später in Hamburg Professor. Mit 14 Jahren trat Lucke in die CDU ein und verließ die Union 33 Jahre später, weil er mit der Eurorettungspolitik nicht einverstanden war. Der Euro und die EU wurden zu den zentralen Kritikpunkten, die Lucke in den folgenden Jahren bezogen auf die Bundespolitik äußerte. Ergebnis dieser Kritik war zunächst die eurokritische Wahlalternative 2013, aus der am 14. April 2013 die AfD hervorging. © imago
rof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD
Bereits im September 2013 engagierte sich Prof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD, wie hier auf einer Veranstaltung in Magdeburg. © IMAGO/Zoonar.com/Axel Kammerer
Bernd Lucke als Vorsitzender der AfD auf einem Parteitag
Auch Bernd Luckes Zeit in der AfD war nur eine kurze. 2014 ging er noch als Spitzenkandidat der „Alternative für Deutschland“ in den Wahlkampf für die anstehende Europawahl. Bis 2019 war Lucke im Anschluss Mitglied im Europäischen Parlament. Doch bereits 2015 deutete sich an, dass Lucke im internen Machtkampf in der AfD den Kürzeren ziehen könnte. Führende Köpfe der AfD wie Björn Höcke gerieten in Konflikt mit dem Vorsitzenden. Lucke ging und trat 2015 aus der AfD aus. Er gründete die nächste Partei: die Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA). © imago
Olaf Henkel GER Berlin 20150112 Alternative für Deutschland Prof Hans Olaf Henkel Veranstaltun
Anfang 2014 wurde die AfD-Mitgliedschaft von Professor Hans-Olaf Henkel bekannt. Einen Namen machte sich Henkel als erfolgreicher Manager bei IBM. Später wechselte er auf die Verbandsebene und wurde Präsident des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie). 2014 zog er für die AfD ins Europaparlament ein. Für ein Jahr war Henkel sogar stellvertretender Bundessprecher der „Alternative für Deutschland“. 2015 trat Hans-Olaf Henkel wieder aus der AfD aus. © imago
Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut
Seinen Bruch mit der AfD begründete Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut beim Bundespresseball 2019, mit dem Rechtsruck der Partei. Gegenüber dem WDR bezeichnete Henkel die AfD im Jahr 2015 als „eine Art NPD-light, vielleicht sogar identisch mit der NPD“. Sein Engagement bei der AfD sieht Henkel mittlerweile offenbar kritisch: „Wir haben ein Monster erschaffen.“ © VISTAPRESS / G. Chlebarov via www.imago-images.de
Deutschland Essen Grugahalle 4 Ausserordentlicher AfD Parteitag Bernd Lucke nach der Wahl von F
Auf Bernd Lucke folgte an der Parteispitze der AfD Frauke Petry. Die studierte Chemikerin wurde 1975 in Dresden geboren. 2013 war sie bereits neben Lucke eine der drei Parteisprecherinnen der AfD. Außerdem wurde sie im selben Jahr zur Vorsitzenden der AfD Sachsen gewählt.  © imago
Frauke Petry AfD
Im Juli 2015 schließlich kam es zum internen Machtkampf in der AfD, den Petry für sich entscheiden konnte. Doch schon zwei Jahre später war auch für sie wieder Schluss. Ende September 2017 trat sie aus der AfD aus und gründete wie Lucke ihre eigene kleine Partei: Petry nannte sie „Die blaue Partei“. © Michael Kappeler/dpa
Prof. Dr. Jörg Meuthen (M.), Bundessprecher der AfD, Deutschland, Berlin, Bundespressekonferenz, Thema: AfD - Zu den Bu
Ein ähnliches Schicksal wie Petry und Lucke ereilte auch Jörg Meuthen (Mitte). Der 1961 in Essen geborene studierte Volkswirt wurde 2015 zu einem der zwei Bundessprecher der AfD gewählt. 2019 gelang ihm der Sieg bei der Wahl zum ersten Bundesvorsitzenden der AfD. Doch schon 2021 erklärte Meuthen, nicht erneut für den Vorsitz kandidieren zu wollen. 2022 folgte dann der endgültige Austritt aus der Partei. Der ließ sich auf seine Niederlage im Machtkampf mit Björn Höcke und den rechtsextremen Kräften innerhalb der AfD zurückführen. © M. Popow/Imago
Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA)
Auftrieb erhielt die AfD auch durch ihre Nähe zur Pegida-Bewegung. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) demonstrierten ab 2014 in Dresden und später in weiteren Städten. Immer wieder schlossen sich AfD-Leute den Demonstrationen an, darunter 2018 in Chemnitz auch Björn Höcke. © Ralf Hirschberger/dpa
Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg
Auch Adel findet sich unter den Führungspersönlichkeiten der AfD: Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, war einst bei der FDP und gehörte 2013 zu den Gründungsmitgliedern der AfD. Sie war von Dezember 2019 bis Juni 2022 stellvertretende Bundessprecherin ihrer Partei. Seit Oktober 2017 ist sie eine der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. © Moritz Frankenberg/dpa
Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein im Sitzungssaal des schleswig-holsteinischen Landesverfassungsgerichts.
Auch Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein wurde aus der AfD ausgeschlossen. Sayn-Wittgenstein soll für einen rechtsextremistischen Verein geworben haben, der auf der sogenannten Unvereinbarkeitsliste der AfD stand. Doch die 1954 geborene Rechtsanwältin wehrte sich erfolgreich gegen den Parteiausschluss, den ein Bundesschiedsgericht 2019 beschlossen hat. Im April 2021 urteilte das Landgericht Berlin, dass der Ausschluss aufgrund formaler Fehler unwirksam sei. Damit war sie wieder Parteimitglied. Im Februar 2024 zog der AfD-Bundesvorstand seine Berufung beim Berliner Kammergericht zurück, wodurch das Urteil rechtskräftig geworden ist.  © Marcus Brandt/dpa
Alexander Gauland, heute AfD-Mitglied, früher Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung
Ein Urgestein der AfD, das all die personellen Wechsel überstanden hat und immer noch da ist: Alexander Gauland. Geboren 1941 in Chemnitz, war Gauland vor seiner aktiven politischen Karriere Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ). CDU-Mitglied wurde der gelernte Jurist bereits 1973, ab 1987 übernahm er verschiedene politische Ämter, vor allem für die Union in Hessen. CDU-Mitglied blieb Gauland bis 2013, ehe er die AfD mitgründete. Im Jahr 2017 wurde Gauland Bundessprecher der AfD (bis 2019). Von 2017 bis 2021 war er neben Alice Weidel einer von zwei Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. 2021 gab er dieses Amt wieder ab, blieb der Partei aber als Ehrenvorsitzender erhalten. © imago
AfD-Chefin Alice Weidel
Alice Weidels Aufstieg in der AfD begann mit ihrem Parteieintritt im Jahr 2013. Zwei Jahre später wurde sie bereits in den Bundesvorstand gewählt. 2017 ernannte sie die Partei zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. Im selben Jahr wurde Weidel neben Alexander Gauland Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, die sie vier Jahre lang führte. © Sebastian Kahnert/dpa
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard in einer eingetragenen Partnerschaft zusammen. Das Paar hat zwei Söhne. (Archivbild) © Michael Buholzer/dpa
Tino Chrupalla bei der AfD
Neben Alice Weidel machte in den vergangenen Jahren vor allem Tino Chrupalla bei der AfD von sich reden. Einst Mitglied der Jungen Union und nach eigenen Angaben langjähriger CDU-Wähler, trat Chrupalla 2015 in die AfD ein. 2017 zog er für die Rechtspopulisten in den Bundestag ein. Im selben Jahr wurde er zu einem von fünf stellvertretenden Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion gewählt. © imago
Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen
Im Jahr 2019 wurde Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen zum Bundesvorsitzenden der AfD.  © Julian Stratenschulte
Alice Weidel und Tino Chrupalla
In den Wahlkampf für die Bundestagswahl 2021 zog die AfD mit einer Doppelspitze, bestehend aus Alice Weidel und Tino Chrupalla. Beide stehen seitdem als Bundessprecherin und Bundessprecher an der Spitze der Partei.  © Kay Nietfeld/dpa
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD,
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD, gilt aber dennoch als einer der einflussreichsten Personen innerhalb der rechtspopulistischen Partei. Wie Chrupalla gibt auch er an, einst überzeugter Anhänger der CDU und Mitglied der Jungen Union gewesen zu sein. 2013 trat er der AfD bei. © Christoph Soeder/dpa
Björn Höcke den AfD-Landesverband
Ebenfalls 2013 gründete Björn Höcke den AfD-Landesverband in Thüringen. Kurze Zeit später kam es zum Streit mit dem damaligen Bundesvorstand der AfD, der 2017 sogar den Parteiausschluss Höckes beantragte. Den Machtkampf mit der alten Garde der AfD gewann aber Höcke. Er ist weiterhin Parteimitglied, während Widersacher wie Bernd Lucke, Frauke Petry oder Jörg Meuthen die Partei verlassen haben. © Sebastian Kahnert/dpa
André Poggenburg in Leipzig
Anders erging es da einem einstigen Verbündeten von Björn Höcke: André Poggenburg. Gemeinsam mit Höcke hatte der ehemalige Vorsitzende der AfD Sachsen-Anhalt 2015 ein Positionspapier des „AfD-Flügels“ verfasst und damit wie Höcke den Ärger der Parteiführung auf sich gezogen. 2019 plante der AfD-Bundesvorstand, Poggenburg für zwei Jahre von allen Parteiämtern auszuschließen. Dazu kam es nicht, denn Poggenburg trat kurz darauf aus der AfD aus und gründete in alter Tradition ehemaliger AfD-Politiker eine eigene Partei unter dem Namen „Aufbruch deutscher Patrioten – Mitteldeutschland“. Inzwischen ist er parteilos. © Sebastian Willnow/dpa
AfD-Parteitag Riesa - Proteste
Mit dem Aufstieg der AfD zur bundesweiten Größe und dem Einzug in zahlreiche Landesparlamente sowie den Deutschen Bundestag mehrte sich auch der Protest gegen die Rechtspopulisten. Der AfD-Bundesparteitag in Riesa im Januar 2025 wurde von zahlreichen Demonstrationen begleitet. © Daniel Wagner/dpa
AfD-Bundesparteitag in Riesa mit Alice Weidel
Die Proteste hielten die Delegierten auf dem AfD-Bundesparteitag aber nicht davon ab, Alice Weidel zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2025 zu ernennen. Die AfD stellt damit erstmals in ihrer Geschichte eine eigene Kanzlerkandidatin. © Sebastian Kahnert/dpa

Politologe Hillje: „Kulturelle Identitätspolitik der AfD ist thematisch flexibel“

Bedeutet die Kulturalisierung der Konflikte durch die AfD, dass die Partei quasi bei jedem Problem andocken kann, um es zu skandalisieren? Lange Zeit versuchte sie ja mit Themen zu punkten, die bereits ressentimentgeladen waren – wie Migration oder die Pandemieverordnungen.
Die kulturelle Identitätspolitik der AfD ist thematisch flexibel. Bei der Flüchtlingsdebatte hat sie die Konfliktlinie beim „Innen gegen Außen“ gezogen. Die kulturfremden „Bösen“ kommen von außen, die „Guten“ sind drinnen. Der Freund ist innen, der Feind kommt von außen. Heute ist der Freund plötzlich Wladimir Putin ...
... und der sitzt im Kreml.
Putin kann nicht nur den von der AfD propagierten Lebensstil sicherstellen, sondern hat auch im Blick auf Pressefreiheit, Geschlechterpolitik etc. die gleichen Einstellungen. Hier sitzt der Freund also draußen, und der Feind in Gestalt der Bundesregierung drinnen. Die kulturelle Identitätspolitik hat die AfD thematisch unabhängig gemacht. Sie kann deshalb gerade Akteure im Inneren zu Feinden erklären – mal die Klimabewegung, mal die Bundesregierung oder auch Medien und Unternehmen.
Die AfD versucht, ihre Anhängerschaft bei den Gefühlen zu packen. Vergessen die anderen Parteien zu oft, dass zur Vermittlung von Politik nicht nur das Rationale, sondern auch das Emotionale gehört?
Absolut! Bei den anderen Parteien gibt es oft eine falsche Vorstellung von Emotionalität. Sie wird schnell mit Entsachlichung gleichgesetzt. Sigmund Freud hat schon gesagt, dass das Gelingen zwischenmenschlicher Kommunikation zu 80 Prozent auf Emotionen beruht und das gilt auch für politische Überzeugungsarbeit. Politische Emotionen sind keineswegs nur starke Affekte wie Angst und Wut. Emotionales Denken bezieht sich auch auf Werte. Wenn man in der Politik stärker mit Werten und Narrationen kommuniziert, spricht man das emotionale Denken an. Emotionen positiv zu nutzen – im Gegensatz zur AfD, die sie manipulativ einsetzt – sollten andere Parteien stärker beherzigen.

(Interview: Bascha Mika)

„Das Establishment jagen“ will Björn Höcke mit der Thüringer AfD bei der Landtagswahl im Jahr 2024. Als Landeschef wurde er unterdessen wiedergewählt.

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