VonJonas Nonnenmannschließen
Youtuber und Energiewende-Aktivist Andreas Schmitz über seine Petition für Kleinspeicher, persönliche Drohungen und wie er die Arbeit der Ampel-Koalition sieht.
Herr Schmitz, Ihr Youtube-Kanal zur Energiewende hat inzwischen mehr als 370 000 Abonnentinnen und Abonnenten. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Das ist einfach so passiert. Vor etwa fünf Jahren begann ich, mich für Photovoltaik und Akkus zu interessieren. Zum Beispiel habe ich eine Solaranlage für unser Haus selbst zusammengebaut und Videos darüber gedreht, nur so aus Spaß. Ich konnte die Themen aus der Perspektive von jemandem beschreiben, der sie selbst neu kennenlernt, auch erstmal mit einer gewissen Skepsis. Mit der Energiekrise 2022 ist das Interesse an den Themen stark gestiegen, das habe ich an den Abrufzahlen der Videos gemerkt. Während der Debatte um das Heizungsgesetz lief ein Video extrem gut, in dem ich zeige, wie man mit kleinen Split-Klimaanlagen ein Haus heizen kann – für mich und meine Familie eine günstige Alternative zur klassischen Wärmepumpe.
Sie sind auch politisch aktiv, zunächst 2023 als Initiator einer Petition zur Entbürokratisierung von Balkon-Solaranlagen.
Das war eine tolle Erfahrung und sehr cool, zu sehen, wie viel man mit einer kleinen Bürgerbewegung erreichen kann. Wir haben durchgesetzt, dass Solaranlagen mit einer Leistung bis 800 Watt ohne komplizierte Anmeldung installiert werden können. Eigentümergemeinschaften dürfen den Mieterinnen und Mietern das Aufstellen von solchen Anlagen jetzt nur noch verbieten, wenn „triftige Gründe“ vorliegen.
„Akkudoktor“ über Petition für Entbürokratisierung von Balkon-Solaranlagen
Wie lief das Prozedere ab?
Im Zuge der Petition wurden wir Initiatorinnen und Initiatoren nach Berlin in den Bundestag eingeladen. Im Petitionsausschuss haben wir mit Abgeordneten über unsere Vorschläge gesprochen; bis auf die AfD wurden sie von allen sehr positiv aufgenommen. Die CDU hat sogar versucht, das Thema mit einem eigenen Antrag zu kapern. Dafür wären wir auch offen gewesen. Es wurde aber nichts daraus, weil die einen Vermerk eingebaut hatten, der bei der Frage der Privilegierung für Mieterinnen und Mieter viel offen gelassen hätte. Damit wäre das Recht infrage gestellt, eine Balkonsolaranlage zu installieren, ohne dass ein Eigentümer oder eine Vermieterin das aus willkürlichen Gründen verbieten kann.
Sie sammeln aktuell Stimmen für eine weitere Petition, diesmal geht es um Kleinspeicher für Solaranlagen. Wie kam es dazu?
Im Sommer kommt es bedingt durch den Solar-Boom vor, dass mittags mehr Photovoltaik-Strom ins Netz eingespeist wird, als zu dem Zeitpunkt verbraucht wird. Teils geht der Strompreis auf 0 Cent runter. Was es vor diesem Hintergrund dringend braucht, sind mehr Speicher. Mit Akkus kann man den Strom einkaufen, wenn er günstig ist, und verbrauchen oder verkaufen, wenn er hoch ist. Dabei verhält man sich automatisch netzdienlich! Eine Win-Win Situation. Aktuell aber hauptsächlich für große Energiekonzerne zugänglich.
PV-Module für Mieterinnen und Mieter: Bürgerbewegung sammelt Stimmen – „Bevölkerung mitnehmen“
Das soll sich ändern?
Ich dachte mir, dass es doch cool wäre, wenn wir hier die Bevölkerung mitnehmen könnten. Mieterinnen und Mieter zum Beispiel, die vielleicht nicht einmal einen Balkon haben, um PV-Module aufzustellen. Sie könnten auch ohne eine Solaranlage kleine Speicher für den Eigenverbrauch kaufen – die sind im Moment sehr günstig. Solch eine Investition könnte sich nach drei bis fünf Jahren ab einem bestimmten Verbrauch amortisieren. Leider stimmen dafür die Rahmenbedingungen noch nicht.
Was wollen Sie mit der Petition erreichen?
Damit sich so ein Kleinspeicher lohnt und auch dem Netz etwas bringt, müssen die Strompreise stark genug schwanken. Aktuell machen allerdings Netzentgelte einen Großteil des Strompreises aus. Wenn die Netzentgelte aber zum Beispiel im Sommer mittags auf 0 Cent runtergehen würden, und abends, wenn alle kochen, wieder steigen, dann könnte es plötzlich einen Unterschied von 30 Cent machen, ob ich den Strom jetzt oder später verbrauche.
Stromversorger müssen ab April Tarife mit variablen Netzentgelten anbieten, aber nur für größere Verbraucher wie Wallboxen oder Wärmepumpen. Voraussetzung ist ein intelligentes Messsystem (Smart Meter). Bräuchte das dann jeder und jede mit einem kleinen Speicher?
Nicht unbedingt. Eine weitere Forderung der Petition ist die Einführung eines „Smart Meter Light“. Klassische Smart Meter sind ziemlich kompliziert und teuer. Das hat damit zu tun, dass sie eine Zwei-Wege-Kommunikation ermöglichen; der Betreiber erhält die Möglichkeit, eine Wallbox oder PV-Anlage fernzusteuern und bei Bedarf auszuschalten. Für einen kleinen Speicher in der Wohnung braucht man das nicht. Es gibt einfachere und günstigere Lösungen– zum Beispiel ein Infrarot-Lesekopf, der am Stromkasten angebracht wird und nur wenige Euro kostet. Wir hoffen, dass die Bundesnetzagentur das ermöglicht.
„Akkudoktor“-Kanal und neue Petition
Auf Youtube und anderen sozialen Plattformen ist Andreas Schmitz einfach als der „Akkudoktor“ bekannt. Der Name rührt von seiner Leidenschaft, Batterien zu untersuchen und daran zu basteln.
Einen 22 Kilowatt starken Akku hat er zum Beispiel für die eigene Solaranlage aus günstigen Komponenten selbst zusammengebaut. In einem anderen Video zeigt er, wie sich ein E-Bike-Akku als Speicher für die PV-Anlage verwenden lässt.
Auch Batterien für E-Autos hat er getestet, samt Analysen zum Wirkungsgrad. Teilweise ist das ziemlich kompliziert; viele schauen die Videos wohl einfach aus Faszination.
Auch klassischere DIY-Videos veröffentlichen der „Akkudoktor“ und sein Team immer wieder – Projekte, die jeder oder jede ziemlich einfach nachmachen kann.
Isolierende Folie an alte Fenster anzubringen, beispielsweise. Oder er zeigt, was es bei Balkonkraftwerken zu beachten gibt.
Auf der Seite „akkudoktor.net“ finden Sie weitere Infos. Dort tauscht sich eine große Community über Themen zur Energiewende aus, zum Beispiel über die Installation von Wärmepumpen und PV-Anlagen.
Die Petition für Kleinspeicher wird laut Schmitz in Kürze freigeschaltet. Die FR hält Sie bei dem Thema auf dem Laufenden. jon
Weshalb wird so ein Tarif nicht schon längst für alle angeboten?
Ich denke, das liegt daran, dass nur Wenige aktuell intelligente Stromzähler haben. Die Politik hat da lange geschlafen, jetzt muss alles sehr schnell gehen und die Netzbetreiber kommen mit dem Einbau der Smart Meter nicht hinterher sowie der Steuerboxen, die es bisher für größere PV-Anlagen oder Wallboxen auch braucht. Der schnelle Ausbau bei der Solarenergie ist toll, sorgt aber auch dafür, dass viel Druck im Kessel ist.
Video über Klima im Bundestagswahlkampf: „Akkudoktor“ will drängendste Probleme behandeln
Sie planen ein Video über die Klima-Wahlprogramme der Parteien und haben dafür die Community aufgerufen, die drängendsten Fragen und Probleme zu beschreiben. Was kam da zurück?
Die Strompreise beschäftigen viele. Außerdem kamen einige Fragen zu Heizungstechnologien und E-Autos. Viele fragen sich, weshalb „bidirektionales Laden“ (Anm. d. Red.: Die Batterie des Elektroautos wird als Akku benutzt. Mit dem Strom kann dann das eigene Haus versorgt werden.) noch nicht möglich ist. Fehlende öffentliche Ladesäulen beschäftigen sehr viele und die teils hohen und intransparenten Preise, die da abgerufen werden.
Bilanz der Ampel-Energiewende: „Beim Thema Photovoltaik einiges richtig gemacht“
In wenigen Wochen ist Bundestagswahl. Wie bewerten Sie die Arbeit der Ampel-Koalition in puncto Energiewende?
Ich finde, die Koalition hat gerade beim Thema Photovoltaik einiges richtig gemacht. Vieles wurde da vereinfacht und entbürokratisiert, wobei der Hauptgrund für den Boom einfach der ist, dass die Preise stark gefallen sind. Das abrupte Ende der Förderung von E-Autos war sicher keine gute Idee. Was das Heizungsgesetz angeht, sehe ich den Fehler nicht so sehr bei der Regierung, sondern bei den Medien. Da wurden Dinge teils völlig falsch berichtet, das hat viele Menschen verunsichert. Regelmäßig sprechen mich Leute, an, fragen: Andreas, was soll ich denn machen? Manchmal zucke ich dann selbst mit den Schultern, wenn mir jemand erklärt, dass er oder sie zum Beispiel nicht das Geld für eine Wärmepumpe hat.
Wärmepumpen sind im Moment trotz Förderung oft ziemlich teuer.
Mir kommt es manchmal so vor, dass der Preis für Wärmepumpen mit Einbau doppelt so hoch ist, wie er eigentlich sein sollte. Ich habe schon häufiger mit Freunden selbst welche eingebaut und finde, dass der Arbeitsaufwand bei den meisten Häusern, wie ich das erlebt habe, nicht so wahnsinnig hoch ist. Wer eine Wärmepumpe von Profis einbauen lässt, zahlt häufig 30- bis 40 000 Euro. Das kann ich teils nicht nachvollziehen, weil ich weiß, die Geräte selbst kosten nur einen Bruchteil.
In Ihrem „Akkudoktor“-Forum wird viel über diese Themen debattiert. Erster Eindruck: Es geht sehr zivilisiert zu. Wie oft müssen Sie löschen?
Eher wenig. Manchmal kommt auch Kritik, aber insgesamt empfinde ich die Rückmeldungen als sehr positiv. Allerdings kommen jetzt häufiger Kommentare aus dem rechtspopulistischen Bereich. Teils wird der Klimawandel geleugnet oder gefordert, erneuerbare Energien müssten abgeschaltet werden. Was für ein Irrsinn. Ich habe mich immer gefragt, wo das herkommt – bis ich das AfD-Wahlprogramm gelesen habe.
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Die Titel von Ihren Videos sind teils ziemlich zugespitzt, tragen Überschriften wie „Preis-Wahnsinn“. Wie groß ist die Versuchung, auf Kosten der Regierung noch einen draufzulegen?
Was das Thema betrifft, hat das „Akkudoktor“-Team einen klaren Clickbait-Kodex, den wir auch veröffentlicht haben. Einerseits stellen wir uns die Frage: Wie kriegen wir zum Beispiel Leute auf unsere Videos, die sonst die „Bild“ lesen würden. Mit sachlichen Titeln hätten wir da wohl keine Chance; was darüber steht, ist deshalb oft frech – das machen wir ganz bewusst. Gleichzeitig steht in unseren Regeln, dass wir nicht polarisieren und unberechtigte Angst erzeugen.
Angst vor dem Klimawandel: „Von den meisten immer noch extrem unterschätzt“
Macht Ihnen der Klimawandel persönlich eigentlich Angst, auch mit Blick auf die Kinder?
Ja. Im Hinblick auf meine Kinder macht mir das sogar sehr Angst. Über das Thema spreche ich auch immer mit meiner Frau. Ich denke, dass die Gefahr durch den Klimawandel von den meisten immer noch extrem unterschätzt wird und befürchte, dass wir bei zunehmenden Problemen als Menschheit nicht schlauer reagieren, sondern eher emotional und getrieben.
Im vergangenen Jahr waren Sie kurz davor, den Youtube-Kanal einzustellen. Was war passiert?
Ich habe neben dem Kanal in Vollzeit als Wissenschaftler gearbeitet und bin Vater von zwei kleinen Kindern. Irgendwann war ich einfach völlig überlastet. Dann kamen noch Drohungen gegen mich und meine Familie, von Leuten, die an wirre Verschwörungstheorien über den Klimawandel glauben. Ich habe mich dann entschieden, meine Arbeit als Wissenschaftler stark zu reduzieren und arbeite jetzt mit einer Agentur zusammen, die mir hilft, Werbung zu schalten. Das hat es möglich gemacht, einen Kollegen fest für den Kanal anzustellen, und weitere freie Mitarbeiter zu bezahlen. Die Drohungen haben nicht aufgehört, aber ich habe gelernt, damit besser umzugehen. Die Community hilft: Bei persönlichen Angriffen erfahre ich in den Kommentaren Unterstützung, das schützt mich.
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