Russland

Unentschieden mit Fragezeichen

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Beklatschte „Wagner“-Einheiten bereiten am Samstag den ausgehandelten Rückzug aus Rostow am Don vor. dpa
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Jewgenij Prigoschins mutmaßlicher Umsturzversuch endet für ihn und seine Meuterer ähnlich glimpflich wie für Wladimir Putin und die Staatsmacht. Hinterher wirken alle wie Verlierer.

Am russischen Verteidigungsministerium war Samstagnachmittag nicht viel von Putsch zu spüren. Vor dem langen neoklassizistischen Stalin-Bau am Ufer der Moskwa promenierten in Scharen Spaziergängerinnen und Spaziergänger. Besorgnis hörte man nur von einem Mann, der in sein Handy schimpfte: „Militärs … sind auch noch bewaffnet …“

Ein paar Hundert Meter weiter standen drei Studenten vor dem Ausgang der Metro-Station Park Kultury und unterhielten sich lachend. „Ja, Prigoschins Putsch finden wir auch sehr interessant …“, grinste Alexei, künftiger Betriebswirt. „Nein, Angst, dass hier in Moskau gekämpft werden könnte, haben wir nicht. Die verhandeln bestimmt schon, am Ende werden sie sich einigen.“ Aber die Stadt sei ziemlich leer, viele Leute säßen doch aus Angst zu Hause.

Drei Stunden später war wirklich alles vorbei. Jewgenij Prigoschin, der meuternde Chef der „Wagner“-Söldnertruppe, gab um 20.25 Uhr auf Telegram bekannt, er ziehe seine Kolonnen wieder zurück. Die hatten sich den ganzen Tag auf Moskau zubewegt, standen laut Prigoschin schon 200 Kilometer vor der Hauptstadt.

Der blutige Machtkampf, der tagsüber unvermeidlich schien, blieb Moskau erspart. Prigoschins seltsamer Umsturzversuch endete für ihn und seine Kämpfer ebenso glimpflich wie für Wladimir Putin und sein Regime. Aber hinterher wirken alle wie Verlierer.

Prigoschin hatte dreist verlangt, ihm Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow auszuliefern und angekündigt, andernfalls würde ein Teil seiner 25 000 Söldner nach Moskau vordringen. „Alle, die sich uns entgegenstellen, machen gemeinsame Sache mit Schweinehunden!“ Wladimir Putin aber hatte in einer TV-Ansprache Prigoschins Vorgehen als „Verrat an Land und Volk“ getadelt und der Geheimdienst FSB schon Freitagabend ein Strafverfahren wegen Aufwiegelung zur Meuterei gegen den „Wagner“-Chef eröffnet. Ein Szenario für einen Bürgerkrieg.

Aber offenbar gab es parallel zum „Marsch der Gerechtigkeit“ auf Moskau den ganzen Tag emsige Verhandlungen. Unklar, wer alles daran beteiligt war, aber schon kurz vor Prigoschins Kehrtwende meldete der Pressedienst des belarussischen Staatschefs Alexander Lukaschenko, dieser habe sich mit dem früheren Putin-Intimus auf eine Deeskalation geeinigt.

Die Ergebnisse bestätigte der Kreml: Die Staatsmacht annulliert das Strafverfahren gegen Prigoschin, der reist nach Belarus aus. Seine Söldner ziehen sich in ihre Lager zurück, auch sie werden nicht verfolgt. Einzelheiten sind unbekannt. „Niemand kennt die Abmachungen“, räsoniert der FSB-Veteran und Kriegsblogger Igor Strelkow auf Telegram. „Man hat im Geheimen gefeilscht, irgendetwas ausgehandelt.“

Es gibt auch offensichtliche, aber nicht bestätigte Ergebnisse: Die meuternden „Wagner“-Soldaten behalten ihre Waffen, ihre Einheiten werden nicht aufgelöst, die Werbebüros der Söldner-Truppe arbeiteten am Sonntag laut dem TV-Kanal RTVI wieder. Andererseits steht eine Absetzung oder gar Auslieferung von Schoigu und Gerassimow nicht zur Debatte.

Ein fragwürdiges Unentschieden, angefangen mit Prigoschins persönlichem Schicksal. Er verließ das von ihm besetzte Hauptquartier in Rostow am Don unter dem Beifall der Zuschauenden in einem Geländewagen. Aber wohin er fuhr, war unklar. „Welche Garantie es gibt, dass Prigoschin nach Belarus ausreisen kann? Das Wort des Präsidenten Russlands“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Prigoschin wird in Belarus jedenfalls von der Masse seiner Söldner, seinem besten Schutz, getrennt sein. Offenbar fühlt er sich nicht als Triumphator, sein gewohnter Schwall von Telegram-Kommentaren ist am Samstagabend versiegt.

Aber auch der Kreml sieht wenig sieghaft aus. Schoigu und Gerassimow sind abgetaucht und ihr Staatschef zeigte gegenüber dem „Verräter“ Prigoschin und seinen Rebellen wenig Konsequenz. Erst konnte Putin nicht verhindern, dass Prigoschin, der Jahrzehnte als sein Mann für die schmutzigen Jobs galt, offen gegen ihn rebellierte. Und dann ließen er und seine Sicherheitsorgane den Abtrünnigen ohne strafrechtliche Konsequenzen davonkommen. Ebenso die „Wagner“-Krieger, die mehrere Hubschrauber und Flugzeuge der russischen Luftwaffe abschossen und dabei nach Angaben staatsnaher Telegramkanäle 13 bis 20 Mann töteten. Der russische Staat gibt sein Gewaltmonopol auch im Inland verloren. „Und wenn dieses Monopol weg ist“, grault sich das kremlnahe Blatt Moskowskij Komsomoljez, „gerät die Existenz des Staates selbst in Gefahr.“

Statt Erleichterung hängen schon wieder Unruhe und Angst über dem politischen Moskau. „Diesmal ist der Putsch gescheitert“, schreibt der regimetreue Politologe Sergej Markow auf Telegram. „Aber ein Putsch hat immer fundamentale Gründe. Und wenn diese Gründe bleiben, wiederholt sich der Putsch. Und ist vielleicht erfolgreich.“ Putin-Anhänger wie Putin-Feinde reden über Gesichts- oder Imageverlust für den Präsidenten, die Online-Zeitung Medusa spricht schon über einen „Kaiser ohne Kleider“.

Und laut dem Portal Agenstwo stellten sich am Samstag nur fünf der zwölf Mitglieder des russischen Sicherheitsrates öffentlich hinter Putin. Alle übrigen sollen geschwiegen haben, darunter der Premier, der FSB-Chef und der Kommandeur der Nationalgarde. Auch die meisten Menschen in Moskau, die man gestern auf den Putsch ansprach, vermieden es, Position zu beziehen. „Dafür interessieren wir uns nicht“, sagt Rostislaw, der in seinem Laden Handy-Zubehör verkauft. „Das ist eine Angelegenheit für Experten.“ Moskau bemüht sich zusehends um Distanz zu allem, was mit Putins Politik zu tun hat.

Funkt er bald aus dem Exil? Jewgenij Prigoschin. dpa

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