VonJens Kiffmeierschließen
Tausende Söldner in Belarus: Nach der Aufnahme von Prigoschins Wagner-Gruppe sorgt sich die Nato um ihre Ostflanke. Sickern illegale Kämpfer über die Grenze?
Brüssel – Belarus als mögliche Durchgangsstation: Die Aufnahme von tausenden Wagner-Söldnern in Russlands Nachbarstaat hat in den östlichen Nato-Ländern eine große Besorgnis ausgelöst. So warnten Polen, Litauen und Lettland vor einer Durchlässigkeit der Grenzen und einer möglichen „Infiltration“ Europas durch die Kämpfer von Jewgeni Prigoschins Privatarmee. Während diese Länder bereits Maßnahmen zum besseren Grenzschutz verhängten, hielt sich das Nato-Hauptquartier noch mit einer Einschätzung zurück. Doch auch in Berlin nimmt die deutsche Bundesregierung die Entwicklungen sehr ernst.
Wagner-Söldner in Belarus: Nato-Länder verstärken Grenzkontrollen
„Wir müssen ein aufmerksames Auge auf alles haben, was in Belarus passiert“, sagte lettische Regierungschef Krisjanis Karins zu der Verlegung der Wagner-Söldner nach Belarus. Die Tatsache, dass dort eine unbekannte Zahl von ausgebildeten Kämpfern stationiert werde, könne zur Bedrohung werden. „Die Bedrohung wäre wahrscheinlich nicht eine frontal militärische, sondern der Versuch der Infiltration Europas für unbekannte Zwecke. Das bedeutet, dass wir den Grenzen besondere Aufmerksamkeit widmen müssen und sicherstellen müssen, dass wir das kontrollieren können.“
Litauen verstärkte bereits am Donnerstag die Kontrollen an seinen Grenzen zu Russland und Belarus. Und auch Polen will wegen der geplanten Verlegung russischer Wagner-Söldner ins Nachbarland Belarus seine Ostgrenze noch stärker sichern. Geplant sei sowohl eine Aufstockung der dort stationierten uniformierten Kräfte als auch eine Erhöhung der Anzahl „verschiedener Arten von Hindernissen und Befestigungen zum Schutz unserer Grenze im Falle eines Angriffs“, sagte Vize-Regierungschef Jaroslaw Kaczynski.
8000 Söldner von Prigoschin stehen jetzt an Nato-Ostflanke
Der Wagner-Aufstand hatte am vergangenen Wochenende für viel Aufregung gesorgt. Nachdem ein monatelanger Streit mit der Militärführung eskaliert war, ließ Söldner-Chef Jewgeni Prigoschin seine Truppen gen Moskau marschieren. Rund 200 Kilometer vor der russischen Hauptstadt wurde der Vorstoß gestoppt – unter anderem auch durch die Vermittlung vom belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko. Als Ausweg wurde Prigoschin und auch vielen seiner Söldner ein Exil in Belarus angeboten. Unbestätigte Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 8000 Kämpfer nun Aufnahme in dem russischen Bruderstaat finden.
Was hat Lukaschenko mit Wagner-Gruppe vor?
Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht. Aber Lukaschenko bestätigte mittlerweile die Ankunft von Prigoschin in Minsk. Außerdem deutete er an, dass er gewillt ist, die Wagner-Söldner in seine reguläre Armee einzugliedern. Durch ihre Kämpfe im Ukraine-Krieg gelten sie als erfahren, auch beim Führen von Großverbänden in den Schlachten. Es sei durchaus denkbar, so hieß es in den vergangenen Tagen, dass die Wagner-Gruppe auch zur Sicherung der belarussischen Grenzen eingesetzt werden könnten.
Illegale Migration: Belarus machte schon einmal Druck auf EU-Außengrenze
In den östlichen Nato-Ländern beobachtet man die Entwicklung mit zunehmender Sorge. Allein Polen hat eine 418 Kilometer lange Grenze zu Belarus. Im Spätsommer und Herbst 2021 war die Situation dort eskaliert – bereits ohne Zutun der Söldner: Tausende Menschen versuchten, illegal in die EU zu gelangen. Die Europäische Union (EU) beschuldigt Lukaschenko, in organisierter Form Migranten aus Krisenregionen an die EU-Außengrenze gebracht zu haben, um Druck auf den Westen auszuüben. Polen hat die Landabschnitte der Grenze seitdem mit einem 5,5 Meter hohen Zaun gesichert.
Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland




Die Nato selber will aktuell keine Prognose über die möglichen sicherheitspolitischen Auswirkungen des Aufstandes von Söldnergruppen-Chef Prigoschin in Russland abgeben. „Es ist zu früh, um endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen – auch weil noch nicht klar ist, wie viele der Wagner-Kräfte in Belarus oder anderswo landen werden“, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Donnerstag am Rande eines Treffens mit den Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten in Brüssel. Bei dem Treffen ging es wohl auch über die Hintergründe des Wagner-Aufstandes. Die Meuterei, die man am Wochenende gesehen habe, zeige aber, dass es Risse und Spaltungen im russischen System gebe.
Olaf Scholz zur Bedrohung durch Wagner-Truppe: „Verteidigen unser Territorium“
„Es ist eine Situation, die wir mit großer Sorge betrachten und genau hinschauen“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bereits am Mittwochabend in einem ARD-Interview über die Verlegung der Wagner-Söldner nach Belarus. „Aggressive Armeen sind bedrohlich, Privatarmeen noch viel mehr“, fügte er hinzu. Zugleich betonte der Kanzler, dass Deutschland und seine Partner der Lage nicht hilflos gegenüberstünden. „Als Nato sind wir in der Lage, unser Territorium zu verteidigen“, betonte Scholz. (jkf/dpa)
Rubriklistenbild: © Artur Reszko/dpa

