„Projekt Cessna“: Ukraine jagt Putin jetzt mit Kleinflugzeugen
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Mit Billigfliegern tief nach Russland hinein: Die Ukraine entwickelt ein neues Drohnenkonzept aus Selbstbau-Sportflugzeugen, an die sie Bomben klemmt.
Kiew – „Das Flugzeug ist gut und stabil“, sagt Tabor Coates. „Ich vermute, und das ist nur eine Vermutung, dass es wie ein großes ferngesteuertes Flugzeug gesteuert wurde“, so der Betreiber eines in den USA ansässigen Vertriebs von Leichtflugzeugen. Das Magazin The War Zone hat den Unternehmer um eine Expertise gebeten, weil die Ukraine der Invasionsarmee Wladimir Putins offenbar mit innovativen Kampfjets zu Leibe rückt: mit Leichtflugzeugen, die zu Bombern umfunktioniert worden sein sollen.
Putins neuer Gegner: Eine Aeroprakt A-22, wie sie jetzt in der Ukraine neben anderen Typen an Leichtflugzeugen umgebaut und ferngesteuert als Kamikaze-Drohnen verwendet werden.
Den Beweis liefert offenbar ein auf Telegram aufgetauchtes Foto eines auf dem Dach liegenden Kleinflugzeugs, das sowohl eine Optik unter der Nase trägt als auch eine Bombe am Bauch. Das Magazin Defense Express spricht vom „Projekt Cessna“ und spielt an auf den US-amerikanischen Hersteller von ein- und zweimotorigen kleinen Propellermaschinen sowie Strahlflugzeugen, beziehungsweise Privat- und Geschäftsreiseflugzeugen. Bewegtbilder eines zum Bomber umfunktionierten Leichtflugzeugs bot eine Video-Präsentation während eines Kongresses des ukrainischen Thinktanks We Build Ukraine.
Ukraine-Krieg greift nach Russland hinein: Über 1.200 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt
Allerdings zeigte das Video lediglich das Abheben einer Maschine in der Nacht und bewies wenig über die Praxistauglichkeit der Maschine. Dennoch hatten verschiedene Medien bereits vor rund einem Jahr gemeldet, dass die Ukraine wohl mit Leichtflugzeugen als Kamikaze-Drohnen experimentiere. Die Idee wird also offenbar schon länger verfolgt. Laut Army Recognition hätten russische Medien Anfang April dieses Jahres berichtet „über den Einsatz zweier von ukrainischen Streitkräften zu Kamikaze-Drohnen umgebauter Aeroprakt A-22 Foxbat-Flugzeuge für zwei Angriffe in der Republik Tatarstan, über 1.200 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt“, wie das Magazin schrieb.
„Die Ukraine ist in den letzten Jahren und insbesondere seit Beginn des Krieges zu einer Drohnenmacht geworden. Es ist wahrscheinlich, dass die Ukraine aus diesem Krieg als wichtiges Drohnenherstellerland hervorgehen wird.“
Der Angriff habe einer Produktionsanlage für Shahed-136-Drohnen sowie einer Ölraffinerie gegolten, wurde jedoch nicht verifiziert. Anschließend in sozialen Medien aufgetauchte Hinweise sollen belegen, dass genau dieser Flugzeugtyp die Angriffe geflogen habe sowie dabei ferngesteuert gewesen sei. Sollte das zutreffen, soll das der erste Angriff einer solchen Drohne seit Beginn des Ukraine-Kriegs gewesen sein – und gleichzeitig der erste Versuch in einer Reihe weiterer Operationen.
Vermutungen zufolge sei der Sprengstoff innerhalb des Rumpfes dieses zweisitzigen Hochdecker-Flugzeuges transportiert worden. Die neuen Bilder vom abgestürzten Flieger zeigen ein Leichtflugzeug, an dem eine 120 Kilogramm schwere Gleitbombe außen unter dem Rumpf befestigt worden ist – wie an einem regulären Kampfflugzeug.
Schon vor einem Jahr hatte Army Recognition gemutmaßt, dass an dem Flugzeugtyp erhebliche Modifikationen erforderlich gewesen waren. Beispielsweise hatte die verunglückte Maschine offenbar eine doppelte Reichweite zurückgelegt – was nur mit mehr Kerosin möglich gewesen sein kann und strukturelle Anpassungen an der Konstruktion des Fliegers beziehungsweise Verstärkungen einzelner Flugzeugteile wie Rumpf und Tragflächen nach sich gezogen haben muss. Mit all dem wird die Ukraine jetzt ihre Erfahrungen gesammelt haben.
Selenskyjs neue Waffe: Ähnlich einer First-Person-View-Drohne von einem Piloten am Boden ferngesteuert
Das Magazin The War Zone (TWZ) zitiert den Telegram-Kanal Warhistoryalconafter, demzufolge Fotos aufgetaucht seien, „die die Theorie, dass die Ukraine begonnen hat, leichte Flugzeuge für Angriffe auf Russland einzusetzen, zu 100 Prozent bestätigen“, so der Blogger. „Wie man sehen kann, ist dieses Flugzeug mit Optik ausgestattet und mit einer hochexplosiven Flugzeugbombe ausgestattet. Der für die Piloten vorgesehene Raum wurde umgebaut und enthält nun Elektronik.“ Wie TWZ berichtet, soll die abgestürzte Maschine ein Leichtflugzeug vom Typ Skyranger Swift 2 der britischen Firma Flylight Airsports sein. Über Absturzstelle beziehungsweise die Ursache des Crashs bestehen keine Informationen.
Wie auch schon im Fall der Aeroprakt A-22 Foxbat-Flugzeuge, sei auch die Skyranger wahrscheinlich umfangreich modifiziert worden, lässt sich TWZ ein und stützt sich auf die Expertise vom Leichtflugzeugbauer Trevor Coates. Dem zufolge seien große Trimmklappen an den Steuerflächen des Flugzeugs ein Ausweis der Tatsache, dass die Querruder, Höhenruder und Seitenruder der Maschine ähnlich einer First-Person-View-Drohne von einem Piloten am Boden ferngesteuert gewesen sein könnten.
Billig-Offensive gegen Putin: Die Maschine wird als Bausatz für etwas mehr als 50.000 US-Dollar angeboten
Die Maschine werde als Bausatz für etwas mehr als 50.000 US-Dollar angeboten und soll eine Nutzlast von mehr als 300 Kilo über drei Stunden hinweg mit 160 Kilometern pro Stunde bewegen können, so TWZ. Die Bilder, die der Blogger Warhistoryalconafter auf seinem Kanal veröffentlichte, zeigen das auf dem Dach gelandete Flugzeuge mit einer zwischen den drei Rädern angebrachten Sprengbombe vom Typ OFAB-100-120.
Die Bombe wird standardmäßig an Kampfjets wie der MIG-29 befestigt und eingesetzt gegen leicht gepanzerte Ausrüstung oder militärisch-industrielle Einrichtungen, genauso wie gegen Truppen-Konzentrationen entweder in Bewegung oder in befestigten Unterständen. Die bulgarische Rüstungsfirma Armaco gibt an, dass die Waffe aus einer Höhe zwischen 500 Metern bis 15 Kilometern eingesetzt werden könne.
Für das Magazin TWZ könne die Kombination mit dem möglicherweise neuen Drohnentyp eine neue Gefechtslage bedeuten, wie dessen Autor Howard Altman mutmaßt: „Ein wiederverwendbares, aber dennoch einsatzfähiges ferngesteuertes Flugzeug, das standardmäßige hochexplosive Luft-Boden-Kampfmittel abwerfen kann, würde die Fähigkeiten der Ukraine deutlich stärken“, schreibt der Autor und geht davon aus, dass die größte Stärke der Maschine im günstigen Preis liege. Nach eigenen Worten hält Altman den Einsatz dieses Waffentyps für sinnvoll über kürzere Distanzen in Grenzgebieten oder entlang der Hauptkampflinie. Ihm zufolge solle sich die Waffe aber auch über größere Distanzen bewähren können, wenn sie beispielsweise manuell in die Nähe des Ziels gesteuert würde und dann ihren Kurs autonom fortsetze.
Putins neuer Schreck: Offenbar verfügt die Ukraine über einen neuen Typ eines leichten Bombers
Das soll mindestens zweimal geklappt haben. Wie Defense Express Anfang April berichtet hat, habe die Ukraine einen schweren Angriff mit konventionellen Drohnen auf Russland geführt und damit den Aggressor einer seiner Produktionsanlagen für Rüstungsgüter beraubt: „Zu den Hauptzielen gehörte das Werk Optikovolokonnye Sistemy, Russlands einziger Hersteller von Glasfaserkabeln für Drohnen und andere Anwendungen“, schrieb das Magazin. Die Angriffsdrohnen sollen dabei um die 1.500 Kilometer zurückgelegt haben. Attraktiv war das Ziel wohl vor allem deshalb, weil Russland auf dem ukrainischen Schlachtfeld zunehmend Drohnen mit Glasfaser einsetzt, um so die Störungen durch die elektronische Kriegsführung auszuhebeln.
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Obwohl bislang unveröffentlicht geblieben war, mit welch einer Drohne die Fabrik neutralisiert worden sei, schreibt The War Zone jetzt davon, dass diesen Angriff offenbar auch eine umgebaute Aeroprakt A-22 geflogen haben soll. Bemerkenswert erscheint Autor Altman, „dass für diesen autonomen Angriff keine externe Bombe montiert wurde“, wie er schreibt. Laut TWZ hätte zudem am 17. April ein Drohnen-Angriff im russischen Tatarstan eine Fabrik für Bomber beschädigt. Wie Kyiv Independent berichtete, habe die Ukraine keine Angaben gemacht, welcher Drohnentyp den Angriff geflogen habe, verwies jedoch auf russische Medien, denen zufolge keine klassische Drohne angegriffen habe, sondern ein umgebautes Leichtflugzeug vom Typ Aeroprakt A-22 Foxbat aus ukrainischer Produktion.
Insofern verfügt die Ukraine offenbar über einen neuen Typ eines leichten Bombers, der möglicherweise ganz eigene Vorteile auf dem Schlachtfeld präsentiert. „Die Ukraine ist in den letzten Jahren und insbesondere seit Beginn des Krieges zu einer Drohnenmacht geworden“, sagte Ulrike Franke, vom European Council on Foreign Relations gegenüber dem ZDF. Und sie ist sich ziemlich sicher: „Es ist wahrscheinlich, dass die Ukraine aus diesem Krieg als wichtiges Drohnenherstellerland hervorgehen wird.“