Gemeinsame Vergangenheit? Warum Putin den Tiergartenmörder befreite
VonNils Thomas Hinsberger
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Wladimir Putin hat mit einem Gefangenenaustausch den Tiergartenmörder Vadim Krassikow befreit. Das könnte auch mit Putins Vergangenheit zu tun haben.
Moskau – Es sind Bilder, die mehr an einen Staatsbesuch als einen Gefangenenaustausch erinnern. Doch statt eines Länderchefs steigen verurteilte Straftäter aus der Passagiermaschine, die nachts in Moskau landet. Ein von Russland veröffentlichtes Video zeigt die Ankunft russischer Staatsbürger, die durch einen Gefangenenaustausch mit westlichen Ländern zurückgebracht wurden. Ebenfalls an Bord: Der in Deutschland zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder Vadim Krassikow – auch bekannt als der Tiergartenmörder.
Flankiert von russischen Militärs, wird den Häftlingen der buchstäbliche rote Teppich ausgerollt. Doch damit nicht genug – Der russische Präsident Wladimir Putin nimmt die Häftlinge höchstpersönlich in Empfang. Jedem von ihnen schüttelt er die Hand. Doch für den Tiergartenmörder Krassikow lässt der russische Autokrat alle Förmlichkeit fallen. Ihn begrüßt Putin mit einer Umarmung.
Russlands Auftragsmörder zurück in Moskau – Wieso Putin der Tiergartenmörder so wichtig ist
Es war 2019, als Krassikow in der Berliner Parkanlage „Kleiner Tiergarten“ den Tschetschenen Selimchan Changoschwili mit zwei Schüssen hinrichtet. Zwei Passanten beobachteten den Mörder, wie er sich nach seiner Tat in einem Gebüsch umzog und alarmierten die Polizei. In der nahe gelegenen Spree fanden Beamte ein Fahrrad, die Kleidung des Täters und die Tatwaffe – eine Pistole mit Schalldämpfer vom Hersteller Glock.
Der Grund für den Mord an Changoschwili soll seine Beteiligung im zweiten Tschetschenienkrieg sein. Dort habe der georgische Staatsbürger gegen russische Soldaten gekämpft und soll an einem brutalen Überfall auf eine Polizeistation in Nasran, eine Stadt in der russischen Teilrepublik Inguschetien, beteiligt gewesen sein. Bei dem Überfall im Jahr 2004 starben etwa 78 Personen. Über 100 weitere Menschen sollen verletzt worden sein.
Mit einem feierlichen Empfang begrüßt Putin höchstpersönlich den in Deutschland zu lebenslanger Haft verurteilten Wadim Krassikow, aka den „Tiergartenmörder“.
Das Gericht in Berlin verurteilte Krassikow im Dezember 2021 wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Die Richterinnen und Richter stellten darüber hinaus die besondere Schwere der Schuld fest. „Die Richterinnen und Richter waren in der 14 Monate währenden Hauptverhandlung zu dem Ergebnis gekommen, dass der Angeklagte den als Asylbewerber in Berlin lebenden Tornike K. am 23. August 2019 im Auftrag staatlicher russischer Stellen in der Parkanlage ‚Kleiner Tiergarten‘ erschossen hatte, um Vergeltung für dessen Einsatz im Zweiten Tschetschenienkrieg zu üben“, hieß es in einer Pressemitteilung. In den folgenden Jahren wird Putin mehrfach versuchen, den Tiergartenmörder aus seiner Gefangenschaft in Deutschland zu befreien.
Gefangenenaustausch mit Russland – Tiergartenmörder ist Geheimagent im russischen FSB
Aber warum ist Putin die Freiheit eines in Deutschland verurteilten Mörders so wichtig? Die Antwort könnte der Kreml nun selbst geliefert haben. „Krassikow ist ein Mitglied des FSB“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Freitag in Moskau. Er soll zudem der Eliteeinheit „Alpha“ des russischen Geheimdienstes angehört haben. „Er hat mit mehreren (derzeitigen) Beschäftigten für den Sicherheitsdienst des Präsidenten gearbeitet“, so Peskow weiter.
Damit besteht eine direkte Verbindung zum russischen Präsidenten, der seine Karriere in Russland ebenfalls als Mitarbeiter des Sowjet-Geheimdienstes KGB begann. Wie die Berliner Morgenpost berichtete, gebe es in Geheimdienstkreisen auf der ganzen Welt ein Versprechen – einen im Ausland aufgeflogenen und inhaftierten Kollegen lässt man nicht im Stich.
Putin drängte auf Gefangenenaustausch – Präsident nennt Tiergartenmörder „patriotisch“
Es ist also möglich, dass Putin den Tiergartenmörder aus Kollegialität unter Geheimdienstlern aus der Haft befreit hat. Doch in einem Interview mit dem ehemaligen Fox News-Journalisten Tucker Carlson nannte der Autokrat einen weiteren Grund, warum er Krassikow unbedingt befreien wollte.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Im Gespräch mit Carlson nannte Putin zwar keine direkten Namen, sprach aber davon, dass er eine Person mit einem Gefangenenaustausch befreien wolle, die in einem „mit den USA verbündeten Land“ im Gefängnis sitze. Der Grund für die Haft sei, dass er einen „Banditen“ in einer „europäischen Hauptstadt liquidiert“ habe.
Putins neuer Patriotismus – Gefangenenaustausch als Beweis eines wehrhaften Russlands
Dass Putin so sehr auf den Patriotismus von Krassikow pocht, könnte ebenfalls einem Plan des Kreml-Chefs entsprungen sein. Wie der Deutschlandfunk berichtete, habe in Russland mit dem Ukraine-Krieg ein neuer Nationalismus Einzug gehalten, der das Land als umzingelt von ausländischen Feinden beschreibt. Die Botschaft Putins: Russland weiß sich gegen seine Feinde zu wehren.
Ein Beispiel dafür sei die Inszenierung der russischen Streitkräfte mit Kreml-Chef Wladimir Putin. „Von heute an werden sich stets insgesamt 20 Flugzeuge in dauernder Kampfbereitschaft befinden“, hieß es in einer russischen Propaganda-Inszenierung. Putin gab dieses Versprechen als Reaktion auf ein vermeintliches „Sicherheitsproblem“ durch ausländische Flugzeuge.
In dieses Bild passt auch der Fall des Tiergartenmörders. Wenn Putin ihn als Patrioten bezeichnet, der einen ausländischen Feind „liquidierte“, könnte der Kreml-Chef damit die Erzählung eines wehrhaften Russlands befeuern. Und in der russischen Gesellschaft kommen solche Machtdemonstrationen mittlerweile gut an, wie der Politologe Leonid Radzichovskij im Deutschlandfunk bestätigt: „Die Gesellschaft ist von oben bis unten von dieser Ideologie genauso infiziert wie die Macht!“
Wieso hat Deutschland den Tiergartenmörder freigelassen? Ein Paragraf liefert wohl die Antwort
Dass Deutschland den Tiergartenmörder mit dem Gefangenenaustausch vorzeitig aus der Haft entlassen hat, sorgte unter den Angehörigen von Changoschwili für Unverständnis. „Das war eine niederschmetternde Nachricht für uns Angehörige“, teilten diese über ihre Anwältin Inga Schulz der Deutschen-Presseagentur (dpa) mit. Daran ändert auch die Freilassung von mehreren politischen Gefangenen aus Russland, wie den US-Journalisten Evan Gershkovich, nichts. „Einerseits sind wir froh, dass jemandes Leben gerettet wurde. Gleichzeitig sind wir sehr enttäuscht darüber, dass es in der Welt anscheinend kein Gesetz gibt, selbst in Ländern, in denen das Gesetz als oberste Instanz gilt.“
Weshalb der Paragraf dieses Vorgehen zulasse, sei dem Professor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder nicht gänzlich klar. „Vermutlich steht dahinter die Idee, dass Gefangene nach ihrer Abschiebung ins Ausland keine Gefahr mehr für die hiesige Bevölkerung darstellen und dass die mit jeder Haft verbundenen hohen Kosten für den Fiskus an anderer Stelle sinnvoller investiert sind.“
Tiergartenmörder nicht der einzige befreite Geheimdienstmitarbeiter – Putins Spione wieder frei
Krassikow ist zwar sicherlich der prominenteste Gefangene, den Putin mit dem Gefangenenaustausch befreit. Der einzige Geheimdienstmitarbeiter ist er aber nicht. Ebenfalls an Bord der Maschine waren Artjom Dulzew und Anna Dulzewa. Bei dem Paar handelt es sich laut der Zeit um zwei russische Spione, die unter falscher Identität in Slowenien lebten. Dort wurden beide auch verhaftet.
Der Hacker Roman Selesnjow wurde ebenfalls von Putin in Empfang genommen. Mit dem Diebstahl von Kreditkartendaten soll er einen Schaden in Höhe von etwa 169 Millionen US-Dollar verursacht haben. US-Beamte sollen ihn bei einem Urlaub auf den Malediven festgenommen haben, so die Zeit.
Putin sicherte allen Befreiten staatliche Auszeichnungen zu. „Ich werde Sie wiedersehen und wir werden über Ihre Zukunft sprechen“, zitiert die Berliner Morgenpost den Autokraten. Umarmt hat er aber nur einen von ihnen. (nhi)
Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt am Main liegen würde. Das ist falsch. Die Universität liegt in Frankfurt an der Oder.