VonMarcus Giebelschließen
In seiner Zeit als KGB-Agent war Wladimir Putin einst in Deutschland stationiert. Doch diese Karriere war laut eines Weggefährten zum Scheitern verurteilt.
München - So abscheulich sich der Ukraine-Krieg auch entwickelt und zumindest Europa und seine Verbündeten in Atem hält, stellt sich auch eine ganz rationale Frage: Was bezweckt Wladimir Putin mit dieser Eskalation, die offenbar keine Grenzen kennt? Geht es ihm wirklich um das Wohl des Landes auch über seine Amtszeit hinaus? Oder ist ihm Russlands Zukunft doch eher gleichgültig und der Kreml-Chef will vor allem an seiner Legende stricken?
Sergey Jirnov glaubt eher daran, dass der Angriff auf die Ukraine für Putin nur seinem Ansehen in der Welt dient. „Ich denke, dass er in die Geschichte eingehen will, (...) und sei es als größter Mistkerl und schlimmster Diktator“, mutmaßt der russische Journalist, dessen Wege sich früh mit denen Putins kreuzten, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur afp.
Ex-KGB-Mann über Putin: „Verkörpert Zynismus, Verlogenheit und Brutalität“
Um das Zitat einzuordnen: Der 61-Jährige gilt als einer der größten Kritiker Putins. In dem vor wenigen Wochen in seiner Wahlheimat Frankreich erschienenen Buch „L‘engrenage“ (auf deutsch: Verstrickung) beschreibt Jirnov den russischen Staatschef so: „Er ist Russe wie ich, aber er verkörpert alles, was ich nicht mag: Zynismus, Verlogenheit, fehlendes Mitgefühl, Brutalität.“ Für ihn sei die am 24. Februar begonnene Invasion eine „Kamikaze-Aktion“.
Die Abneigung Putin gegenüber entwickelte sich bereits beim ersten Aufeinandertreffen. Am Rande der Olympischen Spiele 1980 in Moskau habe ihn der damalige KGB-Agent „psychologisch gefoltert“, weil Jirnov - damals noch Student - mit einem Ausländer in Putins Augen zu lange französisch gesprochen habe. „Er war ein kleiner Mann, der mich als Spion Frankreichs oder Dissident darstellen wollte, weil es seiner eigenen Karriere nützlich sein würde“, wettert Jirnov.
Letztes Treffen mit Putin: Jirnov lässt kein gutes Haar am gescheiterten KGB-Agenten
Wie es der Zufall wollte, begegneten sich beide einige Jahre später als Kollegen beim Geheimdienst wieder. Auf einer Eliteschule des KGB. Der aus einer Familie von Wissenschaftlern stammende Jirnov galt als brillanter Schüler. Für Putin ging es derweil 1985 in die DDR, jedoch wurde er fünf Jahre später in die Sowjetunion zurückbeordert.
Etwa zu jener Zeit trafen Jirnov und Putin ein letztes Mal direkt aufeinander. In besagtem Buch heißt es dazu: „Ich hatte einen Mann vor mir, der in seiner Karriere als Geheimagent gescheitert war, weil er nicht intelligent genug war, zudem übertrieben ehrgeizig und verblendet.“
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Putins Ende beim KGB: Jirnov nennt Wendezeit und Folgen „Glück meines Lebens“
Jirnovs Laufbahn fand dagegen ihre Fortsetzung fernab des Heimatlandes, in Frankreich. Dort schaffte er 1991 als erster Sowjetbürger die Aufnahme an der Eliteschule der ENA. Offenbar hatte sich der französische Geheimdienst nicht genug mit der Vergangenheit des jungen Manns befasst.
Jene Wendezeit, als die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang fielen, brachte das Ende des KGB, der kommunistischen Partei und schließlich der ganzen Sowjetunion mit sich. Für Jirnov war dies rückblickend „das Glück meines Lebens“.
Er kündigte nach einem Jahr beim neuen russischen Geheimdienst und machte Karriere als Berater, Dozent und Journalist. Diesen Schritt erklärt er so: „Meinen Eid habe ich in einer Organisation geleistet, die nicht mehr existiert.“
Putins Ex-KGB-Kollege lebt heute in Frankreich: Vorkehrungen via Facebook getroffen
Dennoch begleitet ihn diese Zeit noch immer, in Russland fühle er sich seines Lebens nicht sicher, betont Jirnov. 2002 ging er nach Frankreich ins Exil - nachdem der Putin-Kritiker nach eigenen Angaben Opfer eines Vergiftungsversuchs geworden war. Doch auch in der neuen Heimat habe es Versuche gegeben, ihn einzuschüchtern und zu entführen. Verweise auf den langen Arm des Kreml.
In der Folge veröffentlichte Jirnov eine ungewöhnliche Warnung auf Facebook: „Falls meine Leiche mit Hinweisen auf Selbstmord entdeckt werden sollte, dann bitte ich die Behörden, davon auszugehen, dass es sich um vorsätzlichen Mord handelt.“
Ex-KGB-Kollege nennt Putin abwertend „Opi“ und warnt: Kreml-Herrscher bloß nicht abschreiben
Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine ist Jirnov ein häufiger Gesprächspartner für die französischen Medien. Gegen diese Bühne hat er trotz der damit einhergehenden Gefahr, auch für Putin sichtbar zu sein, nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Das Licht der Öffentlichkeit sei für ihn der beste Schutz.
Den einstigen Kollegen, der abseits des KGB dann doch Karriere machte, bezeichnet Jirnov abwertend als „Opi“ - immerhin beendet Putin in wenigen Monaten sein 70. Lebensjahr. Doch eines würde er nicht machen: den Kreml-Herrscher trotz der Gerüchte um dessen schlechten Gesundheitszustand in irgendeiner Form abschreiben.
Denn auch wenn Jirnov Putin ausschließlich negativ umschreibt, sollte ihm bewusst sein, wie zielstrebig Russlands Präsident ist. Rückschläge - das hat auch die Vergangenheit gezeigt - stacheln ihn da nur noch mehr an. (mg)

