VonStefan Schollschließen
Kim Jong-un und Wladimir Putin führen Geheimgespräche auf dem Weltraumbahnhof. Heraus kommt erstmal nur Verwirrung. Vielleicht auch Artilleriegranaten und Drohgebärden.
Ort und Zeit wurden bis zur letzten Minute geheimgehalten. Gegen 14 Uhr am Mittwoch hielt Kim Jong-uns Panzerzug auf den Gleisen des neuen russischen Weltraumbahnhofs Wostotschnyj in der Amur-Region. Nur wenige Minuten vorher meldete der Staats-TV-Journalist Pawel Sarubin, der als einer der Leibreporter des Kremlherrschers gilt, jetzt sei es klar, dass Putin und Kim sich in Wostotschnyj treffen. Die erste zumindest offiziöse Bestätigung.
Vor laufenden Kameras tauschten die beiden Staatschefs die üblichen protokollarischen Höflichkeiten aus. Putin nannte „ökonomische Zusammenarbeit, Fragen humanitären Charakters und die Lage in der Region“ als Themen der gemeinsamen Gespräche, Kim wählte ein pathetischeres Vokabular: „Russland hat sich zum heiligen Kampf zur Verteidigung seiner staatlichen Souveränität und seiner Sicherheit erhoben.“ Man werde immer alle Entscheidungen Wladimir Putins unterstützen. „Auch hoffe ich, dass wir immer gemeinsam gegen den Imperialismus kämpfen werden.“
Danach besichtigte man Teile des Kosmodroms, es folgte eine Verhandlungsrunde in Anwesenheit beider Delegationen. Nach einem Vieraugengespräch der beiden endete das Treffen mit einem Festessen. Laut der Agentur Tass verbrachten Putin und Kim insgesamt fünf Stunden zusammen, davon aber nur zwei am Verhandlungstisch. Es gab weder eine Pressekonferenz noch gemeinsame Erklärungen.
Wer das Treffen auf welche Weise auch immer verfolgt hatte, blieb hinterher nur, Einzelsätze der beiden Staatschefs zu deuten. So bejahte Putin am Rande der Veranstaltung eine Journalistenfrage, ob Russland Nordkorea beim Bau von Satelliten helfen werde. „Deshalb sind wir ja ins Kosmodrom Wostotschnyj gekommen.“ Und man werde auch kriegstechnische Themen besprechen. „Wir reden über alle Fragen. Die Zeit haben wir.“ Das Oppositionsportal „Agenstwo“ schließt daraus Putins Bereitschaft, Kim mit Knowhow für Militärsatelliten zu helfen.
Der Nordkoreaner selbst erklärte hinterher beim Bankett, er habe mit dem Genossen Putin die militärisch-politische Lage auf der koreanischen Halbinsel und in Europa besprochen. „Wir sind zu der zufriedenstellenden und gleichen Meinung gelangt, die strategische und taktische Zusammenarbeit künftig zu verstärken.“ Das klingt fast so, als seien sich Kim und Putin über die Lieferung nordkoreanischer Artilleriegranaten an Russland einig geworden, die nach Angaben des Wirtschaftsdienstes „Bloomberg“ und der „New York Times“ geplant war.
Kremlsprecher Dmitri Peskow verlautbarte hinterher sehr vage, die nordkoreanische Seite zeige Interesse „an allen Infrastrukturbereichen, die mit der bilateralen Kooperation verbunden sind“. Auch er ließ offen, ob tatsächlich etwas vereinbart wurde. Und Außenminister Sergej Lawrow riet einem Reporter auf dessen Frage hin, ob Russland die Sanktionen gegen Nordkorea aufheben könnte, man möge sich an den UN-Sicherheitsrat wenden. Der und nicht Russland habe diese Sanktionen verhängt.
Nach Ansicht vieler mit der Lage Vertrauter sind so mauernde Antworten Bestandteil der extensiven Geheimniskrämerei um den Gipfel: Putins Gefolge wolle verhindern, dass die Lieferung russischer Satelliten- oder gar Raketentechnologie an Pjöngjang öffentlich bekannt wird. Denn damit würde Russland die UN-Sanktionen gegen Nordkorea verletzen, die es selbst im Sicherheitsrat mit verabschiedet hat.
Aber es gilt aber auch als möglich, dass das Schweigen im Gegenteil die Aufmerksamkeit noch weiter steigern soll. Fjodor Tertizkij von der Seouler Kookmin-Universität hält die Wahl Wostotschnyjs als Treffpunkt für einen spektakulären Wink Richtung Westen und vor allem der USA: Russland könnte Nordkorea mit ballistischen Raketen ausrüsten.
Ähnliches glaubt auch der Moskauer Politologe Boris Meschujew. „Moskau signalisiert, dass es mit Nordkorea einen Stellvertreter-Verbündeten besitzt, der ohne direkte russische Teilnahme den USA und ihren Verbündeten Japan und Südkorea enorme Probleme bereiten mag.“ Und Moskau signalisiere überdies, dass es bereit sein könnte, seine eigenen Sanktionen gegen Kim aufzukündigen. „Niemand weiß, ob Russland wirklich Fakten schafft, bisher ist es eher die Politik unseres Staates, einzuschüchtern.“ Auf jeden Fall winkt Moskau mit dem nordkoreanischen Zaunpfahl. (Stefan Scholl)
