„Fühlt sich mit etwas nicht wohl“

Krebserkrankung oder nur Spekulationen? Die Welt rätselt um Wladimir Putins Gesundheit

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Mit fortlaufender Dauer des Ukraine-Kriegs rückt der Gesundheitszustand von Wladimir Putin immer mehr in den Mittelpunkt. Ist der Kreml-Machthaber tatsächlich ernsthaft krank?

Moskau/München - Seine Reden strotzen nur vor Giftigkeit, er wirkt bei vielen seiner alltäglichen Bewegungen zappelig, seine Wangen sind angeschwollen - seit dem Ausbruch des Kriegs mit der Ukraine am 24. Februar wirkt Russlands Präsident Wladimir Putin angeschlagen. In den Augen vieler aufmerksamer Beobachter scheint der blutige Konflikt Spuren beim Kriegsherren selbst zu hinterlassen, und das, obwohl der 69-Jährige weit entfernt vom eigentlichen Kriegsgeschehen weilt. Offen ist hingegen, ob die vermuteten „gesundheitlichen Beschwerden“ auch wirklich als solche zu bezeichnen sind.

Ukraine-Russland-Krieg: Wladimir Putins gesundheitliche Veränderung gibt Rätsel auf

Jeffrey Edmonds sieht gegenüber dem Business Insider „nichts wirklich Glaubwürdiges“ an den angeblichen gesundheitlichen Beschwerden des russischen Präsidenten. Der US-Amerikaner ist der ehemalige Direktor für Russland im Nationalen Sicherheitsrat und ehemaliger CIA-Militäranalyst, er beobachtet das Geschehen in der Ukraine genau. Eine Verhaltensveränderung sei allerdings auch ihm aufgefallen, Putin sei „normalerweise die Stimme der Ruhe in Russland“, befindet Edmonds, in der Öffentlichkeit sei er jedoch merklich emotionaler und wütender geworden. Vieles deute darauf hin, dass der 69-Jährige „sich mit etwas nicht wohlfühlt.“

Angesichts der aktuellsten Entwicklungen ist diese Veränderung relativ einfach zu erklären: Seit mehr als drei Monaten befindet sich Russland in einem verlustreichen Krieg mit der Ukraine. Tag für Tag scheint deutlicher zu werden, dass sich Putin bei der Planung des Überfalls massiv verkalkuliert hat, sowohl was den Vormarsch seiner Armee als auch den Widerstand der Ukrainer und der Weltgemeinschaft angeht. Kiew ist noch immer nicht gefallen und auch in der umkämpften Donbass-Region kommen die russischen Streitkräfte schwer voran. Die Sanktionen der westlichen Verbündeten rund um die USA lassen die heimische Wirtschaft im freien Fall abstürzen.

Erst vor wenigen Tagen warnte der Chef der russischen Zentralbank, dass die kommenden Wochen und Monate „sowohl für Unternehmen als auch für Bürger schwierig werden“ würden. Auch wenn sich die Proteste der Anfangstage des Kriegs in Russland gelegt haben, wächst der innere Druck auf den 69 Jahre alten Putin, der sich bisher immer als sportlicher Macho-Politiker darstellen ließ. Der begeisterte Judoka stieg regelmäßig medienwirksam selbst auf die Matte, wagte sich als Eishockey-Spieler auf Eis und ritt oberkörperfrei auf einem Pferd durch die russische Prärie. Das Image des starken Mannes scheint zu bröckeln.

Ukraine-Russland-Krieg: Mehrere Quellen vermuten schwere Erkrankung Wladimir Putins

Aufgeben kommt für den 69-Jährigen nicht in Frage, so aussichtslos sich die Situation auch darstellen mag. Sein Gesundheitszustand rückte daher in den vergangenen Wochen immer mehr in den Mittelpunkt und sorgte reihenweise für Spekulationen. „Wir können bestätigen, dass sich Putin in einem sehr schlechten psychologischen und physischen Zustand befindet“, erklärte beispielsweise Generalmajor Kyrylo Budanow, der Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, vor wenigen Wochen in einem Interview bei Sky News. Budanow sprach sogar von einer möglichen Krebserkrankung des Kreml-Machthabers und brachte gleichzeitig einen inneren Umsturz in Moskau ins Gespräch.

Gerüchte um eine mögliche Krebs-Erkrankung Putins sind nichts Neues: Anfang April berichteten britische und ukrainische Medien, dass der russische Präsident womöglich an Schilddrüsen-Krebs leide und dagegen behandelt werde. Generell sollten diese Gerüchte - wie vieles im Zusammenhang mit dem Geschehen im Ukraine-Konflikt - mit Vorsicht begutachtet werden.

Auch das auffällige Wippen und Zucken, welches bei öffentlichen Auftritten des Präsidenten jüngst beobachtet werden konnte und von einigen Medien auf eine mögliche Parkinson-Erkrankung zurückgeführt wurde, lasse sich kaum bestätigen. „Ich kann keinen Hinweis auf Parkinsonismus bei Putin finden“, unterstrich Ray Chadhuri, Neurologe an der University of London, im April gegenüber der Deutschen Welle.

Wladimir Putin: Tod muss nicht unbedingt das Ende des Ukraine-Kriegs bedeuten

Wie Kevin Ryan, ein pensionierter US-Brigadegeneral und ehemaliger Verteidigungsattaché in Russland, gegenüber dem Business Insider schildert, habe er „keine Beweise“ dafür, dass Putin dem Tod nahe sei und ernsthaft erkrankt wäre. Vielmehr handle es sich bei den Spekulationen um ein Wunschdenken - ein Tod des russischen Präsidenten sei auch nicht gleichbedeutend mit einem Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine: „Sein Tod könnte den Verlauf beeinflussen, aber der herrschende Kreis, der ihn unterstützt hat, wird immer noch da sein“, meint Ryan weiter. (to)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Mikhail Metzel

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