Flucht aus der Verantwortung? Mehrere Experten einig — Putin will von Fehlern im Ukraine-Krieg ablenken
VonFelix Durach
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Russlands Fortschritte in der Ukraine stagnieren seit Monaten. Präsident Wladimir Putin versucht nun, die Verantwortung für die Versäumnisse im Krieg von sich zu weisen.
Moskau — Seit fast zehn Monaten befindet sich Russland nun im Ukraine-Krieg. Doch die militärischen Erfolge der russischen Streitkräfte wurden zuletzt rarer. Präsident Wladimir Putin und die russische Militärführung sprachen kurz nach der Invasion im Februar noch von einer kurz andauernden „militärischen Spezialoperation“. Wenige Tage nach dem Einmarsch standen die Truppen des Kremls bereits vor der ukrainischen Hauptstadt Kiew — dann folgte der Bruch.
Ukraine-Krieg: Nach militärischen Versäumnissen — Militärexperten sehen Putin unter Druck
Nach zum Teil großen Gebietsgewinnen im Donbass und an der Schwarzmeerküste wurden die Streitkräfte in den vergangenen Monaten immer mehr in die Defensive gedrängt. So gelang es der ukrainischen Armee in einer Gegenoffensive weite Teile der Gebiete Charkiw und Cherson zurückzuerobern. Der russische Präsident gerät wegen der ausbleibenden militärischen Erfolge weiter unter Druck. Die russische Bevölkerung könnte aufgrund der ausbleibenden Erfolge kriegsmüde werden.
Die Militär-Experten des US-Thinktanks Institute for the Study of War (ISW) sehen in Putins Rhetorik der letzten Wochen einen Versuch, sich aus der Verantwortung für den langwierigen Krieg zu ziehen. Putin habe mehrfach bekräftigt, Russland sei bereit für ein baldiges Ende des Krieges und wolle den Konflikt nicht unnötig in die Länge ziehen. Der Kreml wolle nach Aussagen Putins die Schlagzahl in der ‚militärischen Spezialoperation‘ nicht erhöhen, da dies nur zu „ungerechtfertigte Verlusten“ führe.
Wladimir Putin, Präsident von Russland, während einer Pressekonferenz im Kreml im Anschluss an eine Sitzung des Staatsrates zur Umsetzung der Jugendpolitik.
Die Aussagen sind nach Ansicht der ISW-Experten Teil von weitreichenden Bemühungen des Kremls, den kostspieligen und verlustreichen Krieg im Nachbarland vor der Bevölkerung zu rechtfertigen.
Putin schiebt Verantwortung ab: Nato-Staaten würden Krieg in die Länge ziehen
Putin beschuldigte in der Vergangenheit immer wieder die westlichen Staaten, den Krieg durch die Lieferung von schweren Waffensystemen unnötig in die Länge zu ziehen. Zuletzt bediente sich der russische Präsident dieses Narratives, als die USA die Lieferung eines Patriot-Luftabwehrsystems in die Ukraine bekannt gaben. „Das bedeutet nur eine Verlängerung des Konflikts“, sagte der 70-Jährige am Donnerstag in Jekaterinburg der Nachrichtenagentur Interfax zufolge.
Der ehemalige Bundeswehrgeneral Hans-Lothar Domröse sprach gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschlandmit Blick auf die Aussagen des russischen Präsidenten von „typisch russischer Dialektik“. Domröse sieht neben der Besänftigung der russischen Bevölkerung auch ein weiteres Ziel in der Kommunikationsstrategie des Kremls. Man wolle künftige Lieferungen moderner Waffensysteme durch die Nato-Staaten verhindern. „Natürlich ist Russland beleidigt, weil Patriot wahrscheinlich noch mehr abfängt. Aber das ist nun mal das Schicksal des Angreifers“, sagte der Ex-General und ergänzte: „Das ist wieder mal das typische Verkehren der Tatsachen.“
Putins Rhetorik im Ukraine-Krieg: Präsident spricht sich für baldiges Kriegsende aus
Putin sprach sich am Donnerstagabend in einer Pressekonferenz auch erneut für ein baldiges Ende des Kriegs aus. „Unser Ziel ist es nicht, das Schwungrad des militärischen Konflikts weiterzudrehen, sondern den Krieg zu beenden“, sagte der russische Präsident. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow relativierte die Putins Aussagen am Freitag jedoch und sprach davon, dass Russland die „militärische Spezialoperation“ weiterhin erfolgreich zu Ende bringen wolle.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Putin will Verantwortung abschieben — auch britischer Geheimdienst sieht Anzeichen
Auch das britische Verteidigungsministerium attestierte in seinem täglichen Ukraine-Update auf Twitter wachsende Bemühungen des russischen Präsidenten, die Verantwortung für den Kriegsverlauf abzuwälzen. Ein Indiz in den Augen der Briten: ein Treffen zwischen Putin und mehrerer hochrangiger Militärs am 16. Dezember. An dem Treffen teilgenommen haben unter anderem Verteidigungsminister Sergej Schoigu und der Generalstabschef der russischen Streitkräfte, Waleri Gerassimow.
Der britische Geheimdienst sah in dem Treffen eine Inszenierung des Kreml, um der russischen Bevölkerung zu zeigen, dass Putin nicht alleine für die Versäumnisse im Ukraine-Krieg verantwortlich ist. Vielmehr sollte das Treffen deutlich machen, dass mehrere hochrangige Offizielle an der Planung und Ausführung der „militärischen Spezialoperation“ beteiligt sind.
Druck auf Putin steigt: Nicht nur in der Bevölkerung wird Kritik am Präsidenten laut
In den vergangenen Wochen hatte auch im Dunstkreisen des Kreml die Kritik am sonst nahezu unantastbaren Präsidenten zugenommen. So hatten unter anderem der Präsident der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, und der Gründer der Söldnertruppe „Gruppe Wagner“ Jewgeni Prigoschin die Kriegsführung Putins öffentlich kritisiert.
Die Nachrichtenagentur Nexta verbreitete am Freitag auch ein Video von Igor Girkin, einem militärischen Hardliner aus der Volksrepublik Donezk. Der verurteilte Kriegsverbrecher sagte in Richtung Putin: „Wenn unsere Generäle weiterkämpfen wie in den letzten zehn Monaten, haben wir alle Chancen, diesen Krieg zu verlieren.“
Militärexperten über Ukraine-Krieg: Letzter signifikanter Erfolg Russlands Anfang Juli
Der ISW-Analyse zufolge erlange das russische Militär seinen letzten signifikanten Erfolg auf dem Schlachtfeld am 3. Juli mit der Eroberung der umkämpfte Stadt Lyssytschansk im Norden der Region Luhansk. Seitdem wartet Russland vergeblich auf weitere offensive Errungenschaften in der Ukraine. Die ukrainische Militärführung rechnet jedoch im kommenden Jahr mit einer erneuten russischen Offensive in die Nordukraine. Dann könnte erneut die Hauptstadt Kiew das Ziel der russischen Invasoren sein. (fd)