- VonDenis Trubetskoyschließen
Es sei ein Fehler, die Offensive der ukrainischen Armee nur aufgrund lokaler Geländegewinne zu bewerten, mahnt ein ukrainischer Experte, der selbst an der Front ist.
Langsame Lieferung westlicher Waffen, stark vermintes Gelände, überhöhte Erwartungen: Über die Entwicklung der ukrainischen Offensive lässt sich nur schwer urteilen. Noch mindestens bis Mitte Oktober hat die ukrainische Armee bei passenden Wetterbedingungen die Möglichkeit, im Süden vorzustoßen. Ihr Ziel ist offensichtlich: Die russisch besetzte Landbrücke zur annektierten Krim soll zurückerobert werden. (Zum Stand der Gegenoffensive siehe Meldung in dieser Ausgabe.)
„Die Journalisten machen einen Fehler, wenn sie den Erfolg der Gegenoffensive nur anhand eingenommener Orte und ähnlichem bewerten. Es gibt Sachen, die unsichtbar, aber enorm wichtig sind“, sagt Stanislaw Besuschko, Militäranalyst aus Lwiw. Er kämpfte bereits im Donbass-Krieg und ist nun wieder an der Front.
Zu den Hauptproblemen seiner Armee zählt Besuschko etwa das Defizit der Ausrüstung zur Minenräumung sowie der Flugabwehr für die Front, aber auch natürliche Probleme bei der Vorbereitung der neu zusammengestellten Brigaden im Westen.
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Ukrainer greifen mit Sturmgruppen an
„Darüber wird wenig gesprochen, aber wir können hier einfach nicht so angreifen, wie die Amerikaner das im Irak gemacht haben“, sagt Besuschko. „Wir haben versucht, mit viel Militärtechnik reinzufahren und haben viel Gerät auf den Minen verloren. So funktioniert es hier nicht, die Region Saporischschja ist ja auch keine Wüste. Uns werden aus dem Westen manchmal ganz komische Sachen empfohlen, wie: Umfahrt doch die Minen. Wie das gelingen soll, nachdem die Russen monatelang diese Minenfelder vorbereitet haben, erschließt sich mir nicht.“
Daher mussten die Ukrainer auf im Westen skeptisch gesehene Angriffe mit kleinen Sturmgruppen umstellen, die mühsam, aber aus Besuschkos Sicht, alternativlos sind.
Einen Vorteil hat die Ukraine allerdings beim Einsatz von Raketen. So habe die westliche Artillerie nicht nur eine größere Reichweite, sie schieße auch deutlich genauer als die russische. „Wir haben bei Artillerieduellen einen riesigen Vorteil und zerstören russisches Gerät in großer Zahl“, sagt Besuschko. Er ist sich sicher, dass die Front unter diesen Umständen irgendwann bricht, doch man könne nicht einplanen, wann genau dies passiert.
Neben Artillerie bringen auch die westlichen Marschflugkörper einen entscheidenden Vorteil. Sie können aufgrund ihrer hohen Reichweite Ziele weit hinter der Front erreichen und russische Versorgungslinien empfindlich treffen. Schon seit Mai sind die britischen Storm-Shadows im Einsatz, Ende Juli beschloss Frankreich die Lieferung von SCALP-Raketen. Nahezu täglich werden damit wichtige Öl- und Munitionsdepots auf dem besetzten Gebiet inklusive der Krim erfolgreich angegriffen – und auch wichtige Logistikobjekte für die russischen Streitkräfte wie etwa Wege und Brücken, die die Krim mit dem okkupierten Teil des Bezirks Cherson verbinden.
Widerstand gegen Taurus-Lieferung bröckelt
In Deutschland regt sich aus Angst vor einer weiteren Eskalation noch Widerstand gegen die Lieferung von Taurus-Raketen, der sich diese Woche aber auflösen könnte (siehe Meldung in dieser Ausgabe). Kritikerinnen und Kritiker der möglichen Lieferungen befürchten, dass die Ukraine damit Ziele auf dem russischen Staatsgebiet angreifen könnte. Die Ukraine verweist darauf, dass bislang keine Ziele in Russland mit Marschflugkörpern angegriffen wurden.
Für ein Vorankommen an der Front sind zerstörte Nachschublinien essenziell, genauso wie die Minenräumung. „Das Durchbrechen der Front ist keine Operation, die in zwei Monaten erledigt ist – und sie ist mit der blitzschnellen Befreiung des Gebiets Charkiw im letzten Jahr überhaupt nicht zu vergleichen“, betont der Analyst. Die Befreiung des westlichen Dnipro-Ufers im Bezirk Cherson habe zusammengerechnet fünf Monate gedauert, das wäre der korrektere Vergleich.
Während die ukrainische Gesellschaft insgesamt ruhig auf den Verlauf der Gegenoffensive reagiert, gibt es trotzdem unvermeidliche enttäuschte Hoffnungen. Obwohl Armee-Befehlshaber Walerij Saluschnyj und Verteidigungsminister Oleksij Resnikow ausdrücklich von überhöhten Erwartungen warnten, stimmte das Beispiel der Charkiw-Operation von 2022 einige trotzdem zu optimistisch ein. Zudem stützten Offizielle mit weniger Verantwortung im militärischen Bereich solche Hoffnungen mit öffentlichen Äußerungen.
Ehrliche Kommunikation mit der Bevölkerung
„Die Ukrainer an der Front und im Hinterland realisieren langsam, aber sicher, dass es keinen schnellen Sieg geben wird. Der Kampf gegen die russische Invasion könnte sich auf unbestimmte Zeit hinziehen und noch mehr Opfer vom Staat und der Gesellschaft erfordern“, sagt der Kiewer Politologe Wolodymyr Fessenko, der das Zentrum für angewandte politische Forschung Penta leitet. Deswegen legt Fessenko großen Wert darauf, dass ukrainische Politiker realistische Erwartungen vermitteln müssten.
„Mit der Gesellschaft muss man offen und ehrlich darüber reden“, sagt der 64-jährige Politikwissenschaftler, der dem Beraterteam um den Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nahesteht. „Die Offiziellen sollten auf konkrete Vorhersagen zum Kriegsende verzichten. Die Prognosen über den bevorstehenden schnellen Sieg verärgern Militärs an der Front, die die tatsächliche Lage kennen. Aber auch Prognosen darüber, dass dieser Krieg noch sehr viele Jahre dauern wird, können demotivierend wirken.“
Notwendig sei es daher, an den Sieg der ukrainischen Streitkräfte zu glauben, aber unter Berücksichtigung der tatsächlichen Aussichten des Krieges. Das heißt: Mit der ständigen Erinnerung daran, dass der Weg zum Sieg Schritt für Schritt verläuft. Das strategische Ziel der Befreiung aller besetzten Gebiete bleibe unverändert.