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Der russische Präsident hat einem Bericht zufolge Schwierigkeiten, neue Soldaten zu rekrutieren. Russland habe keine unbegrenzte Arbeitskraft, sagen Experten.
Moskau - Wladimir Putin setzt im Ukraine-Krieg auf das Narrativ des unzerstörbaren Russland. Dass das allerdings mehr einem Mythos als der Wahrheit entspricht, könnte ein kürzlich veröffentlichter Bericht des US-Thinktanks Institute for the Study of War (ISW) untermauern. Denn Russland hat offenbar Probleme, Rekruten für seine Truppen zu finden.
Bericht: Russland gingen seit Mai 2022 die Streitkräfte aus
Dem Bericht der Militärexperten zufolge gehen Russland die Streitkräfte aus – und das schon seit Mai 2022. „Das ISW beobachtete mehrere Indikatoren, die darauf hindeuteten, dass die russische Militärführung ab Mai 2022 unter erheblichen Personalengpässen zu leiden hatte“, schreiben die Experten.
Dass Wladimir Putin im Mai die „kampffähigen Kräfte“ ausgingen, habe den russischen Präsidenten dazu gezwungen, sich zwischen einer Rekrutierungskampagne für Freiwillige oder einer Einberufung von Reservisten zu entscheiden. „Putin lehnte wahrscheinlich den Rat des russischen Militärs ab, eine unfreiwillige Einberufung zur Reserve anzuordnen, weil dieser Schritt unpopulär war“, heißt es in der Analyse des ISW. Das sein auch ein Grund, warum Putin der Gruppe Wagner die Möglichkeit gab, ihre Rekrutierungen und Operationen an der Front massiv auszuweiten, heißt es weiter.
Problem für Putin: nur begrenzte Zahl an russischen Reservisten, die für die Front geeignet sind
Erst im Herbst, nachdem die ukrainische Armee gewaltige Rückeroberungen in der Region Charkiw vermelden konnte, rückte Putin von seiner Strategie ab, Freiwillige zum größten Teil über Rekrutierungskampagnen zu suchen. Es folgte eine Teil-Mobilmachung, 300.000 Russen wurden in die Armee einberufen.
Trotzdem steht der Kreml-Chef vor einem Problem bei künftigen Einberufungen. „Nach ein oder zwei weiteren Einberufungswellen könnte Putin vor einem weiteren Dilemma stehen, denn die Zahl der Reservisten, die für den Kampf an der Front geeignet sind, ist begrenzt“ prognostizieren die Militärexperten. Das russische Wehrpflichtsystem bringe jedes Jahr etwa 260.000 neue Soldaten hervor – nicht genug.
„Unbegrenzte russische Arbeitskraft ist ein Mythos.“
Eine Ausweitung der Wehrpflicht berge aber nicht nur die Gefahr, dass junge Männer mit „einer für den Krieg ungeeigneten körperlichen Verfassung“ eingezogen würden, sondern könnte auch der Wirtschaft schaden. Mehr junge Männer an der Front bedeuten weniger junge Männer in der Wirtschaft – und die will Putin am Leben halten.
Schlussendlich könne Putin zwar durchaus mehr Kräfte mobilisieren und werde das eher tun, als aufzugeben. „Aber die Kosten, die Putin und Russland durch die Maßnahmen entstehen, die er zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich ergreifen muss, werden schnell ansteigen“, schlussfolgern die Experten. „Das Schreckgespenst der unbegrenzten russischen Arbeitskraft ist ein Mythos.“
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