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Putin schreckt Europa. Kommt nach der Bundeswehr-Aufrüstung die deutsche Atom-Wende, zumindest ein AKW-Weiterbetrieb? Markus Söder gibt bereits Signale, kommentiert Georg Anastasiadis.
Deutschland, das verträumte Auenland Europas, sei dank Putins Überfall auf die Ukraine nun endlich in der harten Realität der Weltpolitik angekommen. So war es nach der historischen Bundestagsrede des Kanzlers zur Aufrüstung der Bundeswehr in den Zeitungen zu lesen.
Da war der Realitätsschock bereits groß, aber offenbar noch nicht groß genug für die zweite große, die energiepolitische Zeitenwende: den Stopp der Öl-, Gas- und Kohleimporte aus Russland. Doch rückt nun auch dieser mit jedem Tag näher, an dem klar wird, dass den Metropolen der Ukraine dasselbe Schicksal droht wie den tschetschenischen und syrischen Städten Grosny und Aleppo. Beide wurden 1999 und 2016 durch Putins Bomben in Schutt und Asche gelegt.
Ukraine-Krieg: Putins Vorgehen lässt Schlimmstes befürchten - Russland profitiert von deutschem Energiehunger
Die Härte des russischen Vorgehens gegen die ukrainische Hafenstadt Mariupol lässt Schlimmstes befürchten. Je mehr der Vormarsch von Putins Eroberungsarmee ins Stocken gerät, desto wütender und böser wird der Diktator im Kreml. Lange wird Deutschland angesichts des Bombenterrors seine Energieimporte nicht mehr fortsetzen können, mit deren Erlösen der Kreml seinen Krieg bezahlt.
660 Millionen Euro kassiert das Regime jeden Tag von Europa für sein Öl, sein Gas und seine Kohle, dreimal so viel wie im Durchschnitt des letzten Jahres. Wie kein anderes Land profitiert Russland damit von der Explosion der Energie- und Rohstoffpreise.
Ukraine: Habeck und die Grünen unter Druck - Stunde der Wahrheit in Sachen Atomkraft?
Die Ankündigung von Olaf Scholz, die Bundeswehr mit 100 Milliarden Euro wiederzubewaffnen, traf vor allem die darauf völlig unvorbereitete Friedenspartei SPD wie ein Keulenschlag. Mit einem Importstopp für fossile Energieträger aus Russland schlägt nun auch den Grünen die Stunde der Wahrheit. Noch ziert sich die Ökopartei, die ja aus der Anti-Atom-Bewegung entstand. Doch Wirtschaftsminister Robert Habeck & Co. müssen erkennen: Über Nacht lässt sich der notwendige Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht bewerkstelligen.
Ohne längere Nutzung der Brückentechnologie Kernkraft kann sich Deutschland nicht aus Putins Schwitzkasten befreien. Einer der liebsten Glaubenssätze der mit dem Krieg und den explodierenden Energiepreisen in die Defensive geratenen Anti-Atom-Bewegung lautete zuletzt, die Kraftwerksbetreiber seien zum Weiterbetrieb der letzten noch laufenden Meiler über 2022 hinaus gar nicht bereit und/oder in der Lage.
Mit diesem Märchen hat der Verband Kerntechnik nun aufgeräumt. Man stehe parat, einen „wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit Deutschlands zu leisten“, hieß es am Wochenende. Der Wind hat sich gedreht. Das untrüglichste Zeichen dafür ist, dass ausgerechnet der einst feurigste Atomaussteiger Markus Söder plötzlich wieder an der Spitze der „Atomkraft – ja bitte“-Bewegung marschiert.
Georg Anastasiadis
