VonStefan Schollschließen
Der Kremlchef hält seine jährliche Fragestunde ab – und ignoriert manches
Verhandlungen mit Kiew plant Wladimir Putin wohl nicht. „Frieden wird es dann geben, wenn wir unsere Ziele erreicht haben.“ Russlands militärische Ziele hätten sich nicht verändert: Demilitarisierung, Denazifizierung und ein neutraler Status der Ukraine. Seit Beginn der Gegenoffensive habe man 747 Panzer vernichtet, fuhr Putin fort. „Das ist sie, die Demilitarisierung.“
Der russische Präsident veranstaltete am Donnerstag im Moskauer Messezentrum Gostiny Dwor seine übliche Jahrespressekonferenz, zum ersten Mal parallel zu der ebenfalls traditionellen Liveshow, bei der er auf Fragen und Bitten aus dem Volk antwortet. „Ergebnisse des Jahres“ nannte sich die Veranstaltung, an der über 500 Journalistinnen und Journalisten teilnahmen. Und zu der 2,3 Millionen Fragen per Telefon, Internet oder Videoaufzeichnungen eingingen.
An der Front laufe alles nach Plan, „vorsichtig gesagt“, so Putin. Die Ukraine produziere schon praktisch nichts mehr, erhalte alles gratis, aber dieses „Gratis“ gehe zur Neige. Und der Brückenkopf der Ukrainer auf dem südöstlichen Ufer des Dnjeprs sei faktisch eine „Feuertasche“, in der man täglich Dutzende ukrainische Elitesoldaten vernichte. Eine zweite Mobilisierungswelle sei überflüssig, man habe dieses Jahre mit 486 000 angeworbenen Freiwilligen, das Plansoll von 400 000 übererfüllt. Die Wirtschaft boome fulminant, Putin versprach für 2023 ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent, die Direktinvestitionen seien um 10 Prozent gestiegen, allein Russlands Banken hätten dieses Jahr umgerechnet über drei Billiarden Rubel verdient.
Klebebildchen des Herrschers auf Tarnfarbenjacken
Damit beantwortete er die Frage der Moderatorin Jekaterina Beresowskaja, worauf man wirtschaftlich stolz sein dürfe. Für das patriotische Publikum im Saal stand Putin als Führer der Nation außer Frage. Er unterstütze Putins Präsidentschaftskandidatur, sagte ein junger TV-Moderator aus Magadan. „Weil, solange ich mich erinnere, Sie immer an der Macht waren.“
Ein bärtiger Krieger aus einem Schutzraum an der Donbass-Front, umgeben von Kameraden mit Putin-Stickern auf ihren Kampfanzügen, sagte, für ihn sei es eine Ehre, mit Putin zu reden. „Unser Sieg“ werde sichtbar, danach aber bräuchten die Veteranen Arbeit, sie wären als militärpatriotische Pädagogen geeignet. Putin stimmte dem eifrig zu. „Weil es ein ganz andere Sache ist, selbst Erlebtes weiterzugeben als Bücherwissen.“
Putin wirkte gut in Form, auch Fehler wirkten, als scherze er. So redete er von dem vor neun Monaten verhafteten US-Korrespondenten Evan Gershkovich zuerst als Österreicher, deutete aber dann sehr offen an, man verhandle eifrig mit Washington, um den angeblichen Spion auszutauschen.
Wie immer verteilte der Staatschef Geschenke. Ein verwundeter Frontkämpfer klagte, es gebe keine radioelektrischen Kampfmittel, Wladimir Putin bat die Moderatorin, konkrete Informationen einzuholen, um dem Mann und seiner Einheit zu helfen.
Auch einer Schülergruppe in Trikots, die um die Renovierung ihrer Sporthalle bitten, versprach er Hilfe. Aber noch während der Sendung meldeten sich „einfache Bürger“ der Krim, sie wollten die Turnhalle wieder in Stand setzen. Es war ein Dialog treuer Untertanen mit einem souveränen Herrscher, der universales Detailwissen demonstrierte – und die Macht, alle Probleme zu lösen.
Aber Putin beantwortet nicht mehr die Fragen aller Russinnen und Russen. Auf dem Telegramkanal „Der Weg nach Hause“ organisierte Frauen wollten ein Ende des unbefristeten Frontdienstes ihrer Männer verlangen. Das Thema wurde erst gar nicht angesprochen: Obwohl in der Vorberichterstattung des Staatsfernsehen auf einem Bildschirm im Gostiny Dwor ihre Frage prangte: „Wann lässt man die Eingezogenen nach Hause?“ Laut dem Levada-Meinungsforschungszentrum hätten 21 Prozent der Bevölkerung Putin gern gefragt, wann „Spezialoperation“ und „Mobilisierung“ enden.
Zuletzt antwortete Putin auf die Frage, was er dem jungen Präsidenten Putin des Jahres 2000 heute raten würde: „Ich würde sagen“, der 71-jährige Staatschef grinste, „Sie sind auf dem richtigen Weg, Genosse!“
