Provokationen nehmen zu

Putins nächstes Ziel? Der „stille Krieg“ an der Nato-Ostflanke

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Narva steht im Fokus geopolitischer Spannungen, während sich die Frage stellt: Könnte Putin einen Angriff auf die estnische Stadt planen?

Narva – Narva, ein strategisch bedeutsamer Punkt an der NATO-Ostflanke und Grenzstadt zu Russland, steht derzeit im Zentrum geopolitischer Spannungen und hybrider Kriegsführungstaktiken. Offenbar ist die drittgrößte Stadt Estlands konstantes Ziel russischer Provokationen, darunter vermeintliche Überwachungsmanöver und das Entfernen estnischer Grenzinfrastruktur bei Nacht.

Putins Provokationen in Estland – der stille Krieg an der Nato-Ostflanke

Die Industriestadt, in der über 96 Prozent der 56.000 Einwohner Russisch als Muttersprache sprechen, ist seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs Schauplatz kultureller und politischer Spannungen, wie der Independent berichtet. Die Nähe zu Russland und die Nutzung russischer Propagandamethoden sorgen für innere Konflikte, besonders sichtbar im Narva-Museum, das wiederholt Anti-Putin-Statements veröffentlicht hat und martialische Gegenreaktionen erlebt, wie Bedrohungen gegen die Museumsdirektorin Dr. Maria Smorzhevskikh-Smirnova, so der Telegraph.

Ein russischer Zeppelin, der mit einem „Z“ als Symbol für die russische Invasion in der Ukraine gekennzeichnet ist, wurde mehrmals nahe Narva gesichtet, was laut des Telegraphs ein eindeutiges Signal Moskaus ist, dass man den Nachbarn im Auge behalte. Auch als Vorbote eines möglichen Krieges mit dem baltischen Land werden solche Aktionen von manchem Einwohner empfunden.

Egert Belitsev, der Generaldirektor der estnischen Polizei, bestätigt eine Zunahme solcher Zwischenfälle beziehungsweise Überwachungsmanöver und sieht darin Versuche Russlands, die Stabilität an der Grenze zu untergraben, erklärte er der Daily Mail: „Sie versuchen, eine Reaktion hervorzurufen. Sie wollen sehen, wie wir reagieren.“ Von zuvor 18 vergleichbaren Vorfällen mit eindringenden russischen Flugobjekten, habe sich die Zahl binnen der letzten 24 Monate auf 96 erhöht. Der Kreml habe ferner in den letzten Jahren wiederholt seine Ambitionen bezüglich dieser Stadt bekundet, die von Esten als Symbol ihrer Unabhängigkeit betrachtet wird.

Ein abgesicherter Grenzübergang zwischen Narva und Ivangorod. Rechts zu sehen: Ein Banner, das das Narva-Museum bereits 2023 aufgehängt hat und Putin als Kriegsverbrecher bezeichnet.

Bedrohung an der Nato-Ostflanke? Museumsangestellte in Narva erhalten Drohungen

Die Dynamik zwischen russischen und estnischen Interessen spiegelt sich auch in der Symbolik wider. Während russische Siege und Propaganda über Lautsprecher in Ivangorod, der Narva gegenüberliegenden russischen Grenzseite, schallen, zeigt das Narva-Museum in Richtung der nur 100 Meter entfernten russischen Stadt ein großes Banner mit der Aufschrift „Putin ist ein Kriegsverbrecher“.

Museumsangestellte erhalten vor Ort Unterstützung für ihre kritische Haltung, aber auch Rückschläge in Form von Drohungen. In einem beunruhigenden Vorfall erhielt Smorzhevskikh-Smirnova sogar Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, so der Telegraph. Trotz der beklemmenden Lage bleibt sie standhaft und erklärt, dass für sie die aktuelle Situation nicht nur eine nationale, sondern eine Frage der Werte ist. „Es geht nicht um Nationen und Herkunft, sondern um demokratische Prinzipien und die Wahrheit“, sagt sie und unterstreicht damit die moralische Dimension des Konflikts.

Eine weitere Methode Russlands, um in Narva Einschüchterung oder Verwirrung zu stiften, lässt sich an einem weiteren Vorfall erkennen, von dem der Telegraph berichtet. Im Mai wurden demnach russische Grenzbeamte beschuldigt, in der tiefen Nacht 20 Bojen aus dem Narva-Fluss gestohlen zu haben, was als Versuch angesehen wurde, die Grenzen des russischen Gebiets neu zu definieren.

Bedrohung durch Russland: Staatengruppe um Großbritannien berät sich in Tallinn

Diese Entwicklungen finden vor dem Hintergrund vermehrter militärischer Aktivitäten der NATO statt, die in der Region eine klare Botschaft der Entschlossenheit zu senden bemüht ist. Nordeuropäische und baltische Staats- und Regierungschefs, angeführt von Großbritannien, versammelten sich am vergangenen Montag (16. Dezember) in der estnischen Hauptstadt Tallinn zu einem Sicherheitsgipfel, bei dem es um die Ukraine sowie die allgemeine anhaltende Bedrohung durch Russland ging.

Erkki Tori, ein Berater der estnischen Regierung, äußerte laut der Daily Mail, dass keine Anzeichen für eine Verringerung der russischen Aggression zu erkennen seien und dass Russland den Willen habe, die NATO unter Druck zu setzen. Zumindest wolle der Kreml die Geduld des Verteidigungsbündnisses auf die Probe stellen.

Erkki Tori, ein Berater der estnischen Regierung, erkennt keine Anzeichen für eine Verringerung der russischen Aggressionen.

Stadt an der Grenze zu Russland: Narvas Bewohner kämpfen mit täglichen Belastungen

Die Atmosphäre in Narva ist nicht nur durch die drohende Gefahr eines Krieges geprägt, sondern auch durch die alltägliche Realität der Menschen, die die Grenze überqueren. Die Wartezeiten an den Übergängen sind oft unerträglich, manchmal bis zu zwölf Stunden, während die Menschen in kalten und ungünstigen Bedingungen ausharren müssen, um zwischen den beiden Ländern zu pendeln, beobachtet der Independent.

Diese langen Schlangen sind oft das Resultat einer Mischung aus administrativen Verzögerungen und absichtlichen Maßnahmen seitens der russischen Behörden, die den Grenzverkehr erschweren wollen, um Druck auf Estland auszuüben.

Die Einreisebestimmungen sind überhaupt stark reguliert. Viele Russen können die Grenze nur überqueren, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen, wie den Besuch naher Verwandter. Dies schränkt die Bewegungsfreiheit erheblich ein und verstärkt das Gefühl der Entfremdung und Isolation unter den Bewohnern, schreibt der Telegraph, die oft zwischen zwei Kulturen und politischen Systemen gefangen sind. Während der Grenzkontrollen wird die Belastung durch die permanenten Spannungen zwischen den beiden Ländern spürbar. Estland rüstet sich, um abzuschrecken, und hat Betonbarrieren, bekannt als Drachenzähne, installiert.

Säbelrasseln an der Nato-Ostflanke: Wagt Putin den Angriff auf estnische Grenzstadt?

Doch könnte es in der Grenzstadt wirklich zu einer Attacke Putins kommen? Experten warnen zumindest davor, dass ein Angriff auf Narva auch weitreichende Konsequenzen für die gesamte NATO und den europäischen Frieden hätte. Estland ist, zusammen mit seinen baltischen Nachbarn, ein strategisch wichtiger NATO-Partner; ein Übergriff würde nicht nur einen militärischen Konflikt hervorrufen, sondern könnte auch Artikel 5 des NATO-Vertrages aktivieren, der einen kollektiven Verteidigungsanspruch formuliert. Das würde bedeuten, dass die NATO gezwungen wäre, im Falle eines Angriffs auf Estland in den Konflikt einzugreifen.

Es gibt jedoch auch Argumente, die gegen einen direkten Übergriff von Putin auf Narva sprechen, davon gehen bis dato auch viele Experten aus. Russlands militärische Maßnahmen in der Ukraine zeigen, dass Putin zwar aggressiv vorgeht, aber auch bestrebt ist, die NATO nicht direkt in einen Krieg zu verwickeln.

Viele Analysten glauben, dass Putin versucht, seine Ziele durch hybride Taktiken zu erreichen – durch Destabilisierung und Provokation könnte er versuchen, basierend auf Angsterzeugung, einen gewissen Grad der Kontrolle über Narva und ähnliche strategische Punkte zu gewinnen, ohne einen offenen Krieg zu riskieren.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Bewohnerin der Stadt Narva: „Leben in ständiger Angst“

Die Menschen in Narva sind sich der geopolitischen Spannungen freilich bewusst, fühlen sich aber oft machtlos. Trotz ihrer Verbindungen zur russischen Kultur und Sprache sind viele besorgt über die Entwicklungen und die Möglichkeit eines militärischen Konflikts. Wenn Einheimische über ihre Ängste sprechen, wird deutlich, dass die Situation an der Grenze nicht nur ein nationales, sondern auch ein persönliches Dilemma darstellt. „Wir leben in ständiger Angst,“ sagt eine Bewohnerin, die anonym bleiben möchte, der Daily Mail. „Immer wieder fragt man sich, was der nächste Tag bringen mag.“

Klar ist: Narva ist nicht nur ein geopolitischer Brennpunkt ist, sondern auch eine Stadt der Menschen mit realen Sorgen und tief verwurzelten Ängsten, die inmitten eines „stillen Krieges“ leben. Unter dem Druck der aktuellen Lage kämpfen die Bewohner von Narva darum, ihre kulturelle Identität zu bewahren, während sie gleichzeitig mit den realen Bedrohungen umgehen, die sich aus der geografischen und politischen Nähe zu Russland ergeben. (chnnn)

Rubriklistenbild: © Foto links: IMAGO / Scanpix | Foto rechts: X (Screenshot)/@MargoGontar

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