Russland

Putins Kampf gegen englische Werbung

+
Ob es für „Burger King“ auch russische Synonyme gibt?
  • schließen

Moskau will die Verwendung von Fremdwörtern einschränken – mit fraglichem Erfolg.

Am Wolgastrand von Twer schlendert ein kleines Mädchen mit einem übergroßen T-Shirt durch den Sand. Darauf leuchtet leicht verwaschen das Label eines westlichen Sportartikelherstellers und der englische Spruch „Low Life forever“. Übersetzt etwa: „Leben unten auf ewig“.

Unklar, ob das ironische Werbung ist, Antiwerbung oder als solche für die Zukunft getarnte US-Markenreklame. Denn die russische Regierung veröffentlichte unlängst einen Handlungsfahrplan, mit dem der Staat bis Ende 2026 die von Wladimir Putin ausgerufenen „traditionellen geistig-moralischen Werte“ stärken möchte. „Dazu gehören auch „Maßnahmen zur Verhinderung übermäßiger Verwendung ausländischer Lexik, unter anderem auf Reklamebeschriftungen“.

Man will Fremdwörter im öffentlichen Raum überhaupt einschränken, in Literatur, Kunst und Massenmedien sowie im Bildungswesen. Und der Kampf gegen nichtrussische Vokabeln ist nur einer der Frontabschnitte des neuen Regierungsprogramms. Es sieht die Auswahl geeigneter Zeichentrickfilme für Kindergärten vor, verschärfte Zensur bei Filmverleihlizenzen, aber auch die Produktion von Kinodrehbüchern, die Wladimir Putins „Kriegsspezialoperation“ in der Ukraine preisen, kinderreiche Familien oder eheliche Treue. Leitmotiv all dieser Maßnahmen ist „der Schutz der russischen Öffentlichkeit vor äußerer informativ-psychologischer Einflussnahme“.

Schon im Februar 2023 hatte Wladimir Putin ein Gesetz unterschrieben, das im Behördenbetrieb verbietet, nichtrussische Worte zu benutzen. Ausnahmen sind nur für Fremdwörter erlaubt, denen russische Entsprechungen fehlen. In der Praxis sollen von der Regierung „normierte“ Wörterbücher und Grammatiken festlegen, welche Vokabeln in der Staatssprache verwandt werden dürfen. Der Inhalt von Putins Gesetz gegen die Fremdwörter beziehe sich allein auf deren Gebrauch durch Beamte, erklärt die Universität von Sankt Petersburg in einer Erläuterung für die Öffentlichkeit: „Es gibt tatsächlich ein Verbot zur Verwendung ausländischer Wörter, die ein Analog im Russischen besitzen. Aber das gilt nur für die Sphäre des staatlichen Sprachgebrauchs.“

Auch drohen bisher keine verwaltungs- oder gar strafrechtlichen Sanktionen. Aber Putins Gesetzgebung ist seit Jahren dafür bekannt, dass sie oft harmlos wirkende Verbote aufstellt, die dann im Wechselspiel mit den Staatsorganen drastisch verschärft werden. Schon die neue Anweisung der Regierung, die „übermäßige Verwendung ausländischer Lexik“ in Reklame, Medien oder Literatur zu verhindern, dehnt das Verbot in Richtung Öffentlichkeit aus.

Aber fraglich, ob Putins Apparat mit den Millionen Konsument:innen fertig wird, die stolz und werbewirksam Handtaschen, Rucksäcke oder T-Shirts mit großen englischen Labeln oder Sprüchen durch U-Bahnabteile tragen. „In der Sowjetunion, wo viele Leute nur Grund- oder Mittelschulen absolviert haben, konnte man ihnen noch aufzwängen, was sie lesen und schauen oder anziehen durften“, sagt ein liberaler Moskauer Politologe anonym. „Jetzt, wo die Hälfte der Bevölkerung Hochschulabschlüsse und Zugang zum Internet hat, dürfte so etwas mit einer Blamage enden.“

Schon der Versuch, nach dem Februar 2022 den Wegfall US-amerikanischer Blockbuster durch neupatriotische Kriegsfilme zu ersetzen, führte zu einer Existenzkrise der Kinobranche. Bald liefen in den Lichtspielhäusern wieder Graukopien von Hollywood-Erfolgen wie „Dune 2“. Auch wenn der Bösewicht dort Wladimir heißt und die Heldin mit einer ukrainisch blaugelben Armbinde in die Entscheidungsschlacht zieht. 87 Prozent der Russen und Russinnen heißen Putins Politik laut dem Lewada-Meinungsforschungszentrum gut, aber nur 37 Prozent sind dafür, seine Kriegsoperation gegen die Ukraine fortzusetzen. Politisch muckst man nicht, sehnt sich aber gleichzeitig nach Inhalten, die nichts mit der Gedankenwelt des 71-jährigen Putin zu tun haben.

Mitte Juni spielten in der „ZSKA-Arena“, einem der größten Moskauer Eishockeystadien, tausend Rockmusiker:innen und Chorsänger:innen auf. Die Monumentalshow nach italienischem Vorbild nannte sich „Megarock“, auch keine lupenreine Verbalisierung neutraditioneller russischer Sprachwerte. Vor 17.000 ziemlich begeisterten Moskauer:innen intonierte das Massenaufgebot fast ausschließlich angelsächsische Rockklassiker, mit moralisch so fragwürdigen Texten wie „We will rock you!“ oder „Highway to hell“. Und am Ende erklang „It’s my life“, eine amerikanische Hymne an selbstbestimmtes Leben und Zivilcourage. Das russische Publikum jubelte. Man hätte das Konzert auch „destruktive informativ-psychologische Einflussnahme aus dem Ausland“ nennen können.

Kommentare