Putins Spione in Kiel? Polizei-Spezialkräfte stürmen verdächtigen Frachter
VonMarcus Giebel
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Ein Frachter wird durch Spezialkräfte der Polizei im Nord-Ostsee-Kanal stundenlang kontrolliert. Der Einsatz findet nach einer Drohnen-Sichtung statt.
Kiel – Regelrecht gebannt wurde in Europa Anfang Juni die ukrainische Operation Spinnennetz verfolgt. Mithilfe zahlreicher Drohnen gelang es Kiew als Reaktion auf den Ukraine-Krieg, Dutzende russische Kampfflugzeuge auf dem Boden auszuschalten. Teilweise tief im Inneren des Reiches von Kreml-Chef Wladimir Putin. Was möglich war, weil die unbemannten Flugobjekte mit LKWs in die Nähe der Ziele gefahren wurden.
Spionage-Verdacht: Polizei-Aktion auf Frachter in Kieler Schleuse
Demnach durchsuchten die Landespolizei Schleswig-Holstein und die Polizei Niedersachsen am Sonntag (7. September) einen Frachter in der Schleuse Kiel-Holtenau. Die Aktion stand im Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren. Es besteht der Verdacht der Agententätigkeit zu Sabotagezwecken und des sicherheitsgefährdenden Abbildens.
Hintergrund sei „die Abwehr von Gefahren für die maritime kritische Infrastruktur Deutschlands“. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) nennt hier zudem „sicherheitsgefährdende Abbildungen von militärischen Anlagen – etwa Fotos“.
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Den Ermittlern zufolge besteht der Verdacht, dass von dem durchsuchten Schiff aus am 26. August 2025 eine Drohne gestartet ist, die „über ein Marineschiff gesteuert worden ist, um dieses auszukundschaften und Bildaufnahmen zu fertigen“. Wegen der laufenden Ermittlungen werden vorerst keine weiteren Auskünfte erteilt, heißt es.
Polizei-Einsatz auf Frachter: Einsatzkräfte stürmen auf Schiff und durchsuchen es auch nachts
Wie die Kieler Nachrichten (KN) berichten, handelt es sich um den Frachter „Scanlark“. Dieser ist für die Reederei Vista Shipping Agency aus der estnischen Hauptstadt Tallinn unterwegs. Weiter ist zu lesen, die Besatzungsmitglieder würden unbestätigten Informationen zufolge ausnahmslos aus Russland stammen.
Das laut marinetraffic.com gut 75 Meter lange Schiff wurde 1985 in Haren an der Ems gebaut. Seit 2006 fährt es unter der Flagge des Karibikstaates St. Vincent und die Grenadinen. Einst war es dem Artikel zufolge für die deutsche Reederei Pott unterwegs, frühere Namen lauteten „Drochtersen“ und „Öland“. Seine heutige Bezeichnung trägt der Frachter seit 2009. Er gilt als regelmäßiger Gast im Nord-Ostsee-Kanal.
Laut dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (shz)seien offenbar schon vor dem „geheimnisvollen Polizei-Großeinsatz“ auf dem Nord-Ostsee-Kanal, der in der Schleuse begann, die Webcam am Kanal mit Folie abgedeckt und die Besucherplattform gesperrt worden. Den KN zufolge stürmten die Polizisten das Schiff gegen 16 Uhr. Rund 40 Beamte stellten es über Nacht auf den Kopf.
Polizei durchsucht Frachter: Schlauchboot soll wohl externe Taucher abschrecken
Während der Fahrt von der Südschleuse zum Voithkai im Nordhafen seien die Besatzungsmitglieder von Spezialkräften der Polizei bewacht worden. Zudem wurde der Frachter demnach auf dem Kanal von einem Schlauchboot der niedersächsischen Polizei eskortiert.
Auch während des nächtlichen Einsatzes hätte die Besatzung auf dem Schiff bleiben müssen. Taucher hätten den Rumpf abgesucht. Zahlreiche Fahrzeuge seien an Land in Position gebracht worden. Der shz erwähnt zudem, dass ein Schlauchboot ununterbrochen um den Frachter patrouilliert sei, „als wenn die Einsatzkräfte Sorge hätten, externe unbekannte Taucher könnten hier etwas entfernen“.
Frachter „Scanlark“
Länge: 75,17 Meter
Breite: 10,70 Meter
Tiefgang: 4,60 Meter
Tragfähigkeit: 1555 Tonnen
Baujahr: 1985
Nationalität: St. Vincent und die Grenadinen
Besitzer: Vista Shipping Agency aus Tallinn
Quellen: marinetraffic.com, balticshipping.com
Frachter vor Kiel von Polizei durchsucht: Basis für Drohnenflüge über Norddeutschland?
Der Spiegel schreibt angesichts der Schilderungen, es ergebe sich „das Bild eines regelrechten Ermittlungskrimis“. Im Zusammenhang mit der Polizei-Aktion betonte das niedersächsische Innenministerium die besondere Herausforderung für die norddeutschen Küstenländer aufgrund ihrer exponierten geografischen Lage. Die Nordländer seien zudem „wegen ihrer maritimen Infrastruktur spezifischen Risiken ausgesetzt“.
Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) bezeichnete die Frachter-Kontrolle als „starkes Zeichen“. Dank der engen Zusammenarbeit der beiden Polizeibehörden „konnte der Frachter gestoppt und einer umfassenden Kontrolle unterzogen werden“.
Ihre niedersächsische Amtskollegin Daniela Behrens (SPD), die im Januar 2023 auf den zum Bundesverteidigungsminister aufgestiegenen Parteifreund Boris Pistorius folgte, ergänzte: „Das durchsuchte Schiff steht im Verdacht, als Basis für Drohnenflüge über kritischer Infrastruktur in Norddeutschland fungiert zu haben.“ Der Einsatz sei erfolgreich beendet worden. (mg)