VonMaria Sterklschließen
In Israel gibt es Spekulationen über die Hintergründe des Hubschrauber-Absturzes. Für den Mossad ist der Tod Raisis laut Militärexperten aber nicht von Nutzen.
Jerusalem – Steckt Israel hinter dem Tod des iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi? Diese Frage wurde am Montagmorgen nicht nur von pro-iranischen Kräften und Verschwörungstheoretiker:innen verbreitet. Auch in Israel kam das Gerücht auf. Und schon fanden sich in sozialen Medien Jubel-Postings, die den Auslandsgeheimdienst Mossad für seine vermeintlich gelungene Mission feierten.
Substanz haben diese Gerüchte allerdings kaum. Unter israelischen Militärstrateg:innen ist man sich einig: Israel profitiert nicht von Raisis Tod, ein Anschlag auf seinen Hubschrauber wäre demnach ein sinnloses Unterfangen gewesen. Ein solches Attentat hätte einiges an Ressourcen für Vorbereitung und Durchführung gebunden, aber wenig Nutzen gebracht.
Raisi hatte außenpolitisch kaum Einfluss
Hinter den Kulissen wurde das auch von einem hochrangigen Offizier bestätigt. „Wir waren es nicht“, so zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Militärvertreter. „Der Mossad hat kein Interesse am Tod von Raisi“, erklärt Meir Javedanfar, Herausgeber des Israel-Iran-Observer und Lektor an der Reichman Universität in Herzliya. „Raisi hatte keinen Einfluss auf die außenpolitische Strategie des Iran, auch in der Sicherheitspolitik hatte er nichts zu sagen. Sein Tod wird außenpolitisch kaum Auswirkungen haben“, sagt Javedanfar. „Er war ein loyaler Soldat, nicht mehr und nicht weniger.“
Zwar wurde Raisi oft als potenzieller Nachfolger des Obersten Führers Ali Chameneis genannt. „Es gibt aber keine handfesten Hinweise, dass er tatsächlich der Nächste in der Linie war“, sagt Javedanfar.
Raisis größter Feind: Nicht Israel, sondern die iranische Bevölkerung
Den größten Einfluss hatte Raisi laut dem Iran-Experten auf das repressive Justizsystem und auf die Wirtschaftspolitik im Iran. In beiden Bereichen habe der Präsident viel Zorn in der Bevölkerung auf sich gezogen, da er Regimegegner:innen massenhaft hinrichten ließ und die Inflation im Iran in Rekordhöhen trieb.
Dennoch hätten auch ideologische Gegner Raisis – und damit Chameneis – wenig Interesse, den Präsidenten auszuschalten. Da alle strategischen Fäden auch weiterhin bei Chamenei zusammenlaufen, hätten iranische Opponenten Raisis wenig davon, den Präsidenten loszuwerden – schließlich sei die Wahrscheinlichkeit, dass Raisis Nachfolger einen Kurswechsel einleiten werde, äußerst gering, sagt Javedanfar.
Propaganda der pro-iranischen Kräfte könnte für Israel gefährlich werden
Dass sich Raisi und Irans Außenminister Hossein Amir-Abdollahian auf der Rückkehr von einem Staatsbesuch in Aserbaidschan befanden, spricht laut israelischen Militärstrategen ebenfalls gegen ein Mitmischen Israels: Das Regime in Baku würde sich zum aktuellen Zeitpunkt nur äußerst ungern in eine solche Affäre hineinziehen lassen, heißt es.
Da in Krieg und Konflikten meist weniger Gewicht hat, was Fakt ist, dafür umso mehr, welche gefühlten Wahrheiten die Oberhand gewinnen, könnte Raisis Tod für Israel dennoch zur Gefahr werden – und zwar dann, wenn pro-iranische Kräfte Israel die Schuld geben und sich für ein vermeintliches Attentat rächen wollen.
Angriffe auf Israel durch die Hisbollah: Keine härteren Schläge erwartet
Der ebenfalls verunglückte iranische Außenminister Hossein Amir-Abdollahian pflegte zudem enge Verbindungen zum Führer der pro-iranischen Hisbollah im Libanon, Hassan Nasrallah. Seit dem 8. Oktober ist die Hisbollah Teil des Mehr-Fronten-Kriegs gegen Israel, das Dauerfeuer auf Israels Norden lässt nicht nach.
Dass die Hisbollah den Tod Raisis nun als Vorwand für härtere Schläge gegen Israel nimmt, glaubt Javedanfar jedoch nicht. Eher sei zu erwarten, dass das Feuer aus dem Libanon in derselben Gangart anhält. Das Regime in Teheran mag Israel die Schuld an Raisis Tod geben, „aber das sollte Israel nicht beunruhigen“, meint Javedanfar: „Teheran gibt Israel für alles die Schuld, das ist nichts Neues.“ (Maria Sterkl)
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