Ins Mark getroffen: Der Angriff auf das Hauptquartier der Schwarzmeer-Flotte in Sewastopol nährt Zweifel am Erfolg der russischen Invasion auf der Krim.
Die Propaganda wird lauter – die Kritik auch: Zuerst hat die Ukraine die Luftabwehr über der Krim durchlöchert und jetzt ein Stabsgebäude beschossen. Das zeigt Wirkung.
Sewastopol – Materiell war der Schaden möglicherweise gering. Der Stich ins Herz der russischen Führung aber ist heftig und schmerzhaft: Russische Propagandisten schäumen vor Wut. Aber auch Kritiker von Wladimir Putin werden frecher. Am Freitag (22. September) waren ukrainische Raketen in das Hauptquartier der russischen Schwarzmeer-Flotte in Sewastopol eingeschlagen. Ein weiterer Nadelstich gegen die russische Besatzung der Krim, die seit fast zehn Jahren besteht. Ein schmerzhafter Nadelstich. Die Schwarzmeer-Flotte ist für den russischen Präsidenten ein Prestige-Objekt seiner Großmacht-Fantasien.
Entsprechend aggressiv geifert die russische Propaganda-Prominenz – beispielsweise durch Margarita Simonyan, die Chefredeakteurin des Fernseh-Senders Russland Heute: Sie vermutet als Drahtzieher des Angriffs die westlichen Verbündeten der Ukraine und spricht über ihren Telegram-Kanal eine klare Warnung aus: Würde die Gewalt durch die Ukraine weiter zunehmen, sähe sich Russland gegenüber dem Westen „gezwungen, allen ein Ultimatum zu stellen, ab wann wir sie als direkt am Konflikt Beteiligte wahrnehmen“, wie sie von Newsweek zitiert wird.
Simonyan fügt hinzu, dass sie die Verbündeten der Ukraine schon jetzt als militärische Gegner betrachte. Das hatte bereits der russische Außenminister Sergej Lawrow angedroht. Auch der russische Politikwissenschaftler Sergei Markov schiebt dem Westen den Schwarzen Peter für die Länge des Konflikts zu.
„Die Brutalität der Luftschläge durch Raketen und Drohnen nimmt zu“, schreibt der Berater des Kreml auf Telegram; er sieht in dem Schlag gegen das Hauptquartier die schwerste Attacke der Ukraine seit Ausbruch des Konflikts und begründet damit Handlungsbedarf der russischen Invasoren: „Die russische Luftverteidigung muss dringend nachgerüstet werden“, schreibt er.
Möglicherweise bekommt Russland mittlerweile Angst. Das jedenfalls wäre ein Interpretationsansatz einer Äußerung von Andrei Kortunow in der Sendung Today im BBC-Radio. Er hält den Luftschlag gegen das Hauptquartier für militärisch eher bedeutungslos, allerdings für „psychologisch bedeutungsvoll“, wie er sagt. Für ihn steht auf der Krim sowie in der Ukraine nicht weniger auf dem Spiel als die gesamte Weltordnung.
Experte: Putins Niederlage endet in einem gezähmten Russland
Andrei Kortunow ist Generaldirektor des Russian International Affairs Council in Moskau. Gegründet wurde der Thinktank vom früheren russischen Präsidenten Dmitri Medwedew, um internationalen Krisen vorzubeugen und bestehende Krisen lösen zu helfen. Wie Kortunow gegenüber dem Economist geäußert hat, hält er den Ukraine-Krieg für einen Konflikt der Werte zweier Länder, die einst zusammen einen großen Teil des sowjetischen Territoriums ausmachten: „Es ist auch eine intellektuelle und spirituelle Konfrontation zwischen zwei Denkweisen: zwei Ansichten des modernen internationalen Systems und der Welt insgesamt; zwei gegensätzliche Wahrnehmungen dessen, was richtig und was falsch ist, was fair ist und was nicht, was legitim ist und was illegitim und was nationale Führung bedeuten sollte. Ein Triumph der Ukraine könnte zu einem gezähmten und domestizierten Russland führen.“
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Schlag gegen Schwarzmeer-Flotte auch einer gegen russische Elite
Der jüngste Luftschlag gegen ein Stabsgebäude der Schwarzmeer-Flotte führt neben dem lauter werdenden Trommeln der Propaganda denn auch zum genauen Gegenteil: zu lauter geäußerter Kritik. Sogar von einem als Propagandisten bekannten russischen Journalisten. AufTelegram hat sich Sergej Mardan jetzt versöhnlich gezeigt und die russische Invasion in die Ukraine als „katastrophalen Fehler“ bezeichnet, die aktuelle Attacke der Ukraine gar als „vernichtenden Schlag gegen die russische Elite“. Ihm zufolge wünsche die jetzt, dass der Konflikt im Herbst diesen Jahres eingefroren würde.
Das könnte bedeuten, dass der Schlag gegen das Hauptquartier der russischen Schwarzmeer-Flotte tatsächlich bis ins Mark der Russen gedrungen ist. Bereits Tage vorher hatte die Ukraine nach direkten Treffern auf zwei Schiffe offenbar auch die russische Luftverteidigung über der Krim durchlöchert: Diese Attacke im Ukraine-Krieg hatte sich gegen die Boden-Luft-Rakete S-400 gerichtet – den Stolz der russischen Luftabwehr auf der Krim mit der internen Bezeichnung „Triumph“. Zwei von vier Bataillonen mit S-400-Rampen will die Ukraine vernichtet oder zumindest schwer beschädigt haben. Ein Bataillon besteht aus acht Batterien zu jeweils bis zu zwölf mobilen Vierer-Abschussrampen, samt Radar-Anlagen und Kommando-Fahrzeugen. Auch dies bereits ein katastrophaler Verlust für Russland.
Kritiker fordern Russland auf, die Niederlage auf der Krim einzugestehen
Journalist Mardan sieht deshalb nur einen Weg: die Teil-Niederlage Russlands auf der Krim. Für Putin ist die Krim ein wichtiger Brückenkopf am Schwarzen Meer. Russland verfolgt im Schwarzen Meer seit Jahrhunderten sein Interesse an einem eisfreien und möglichst ganzjährig warmen Zugang zu den vitalen Seeverbindungswegen um Europa herum, der seinen Anspruch als Seemacht untermauert. Wie ihn Newsweek zitiert, habe laut Mardan der Luftschlag gegen das Hauptquartier endgültig die Fantasie zerstört, „dass wir 2014 die Krim ohne einen einzigen Schuss nach Russland zurückgeholt hätten“.