Leitartikel

Rassismus beim Fußball: Die Spitze des Eisbergs

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Christopher Antwi-Adjei (r, FC Schalke 04) bei einem Einwurf beim Spiel gegen Lok Leipzig. Nach der rassistischen Beleidigung bedachten die gegnerischen Fans den Spieler auch noch mit Pfiffen. Es dauerte geraume Zeit, bis sich der Verein distanzierte.
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Rassistische Vorfälle in Stadien sind keine isolierten Vorkommnisse. Bevor sie in Stadien zutage treten können, gibt es etliche Situationen, Täter:innen zu widersprechen. Der Leitartikel.

Bei zwei Fußballspielen des DFB-Pokals an diesem Wochenende und übrigens auch dem Eröffnungsspiel der englischen Premier League wurden Schwarze Spieler rassistisch beleidigt. Diese Vorkommnisse sind Instanzen des gesamtgesellschaftlichen Problems mit Rassismus. Dass dieses sich im Kontext von Fußball zeigt, ist aber kein Zufall. Der Sport und seine Institutionen bieten einen Raum dafür, und stehen in der Verantwortung, das nicht länger zu tun.

Solche rassistischen Vorfälle, selbst wenn sie konkret von Einzelpersonen ausgehen, sind nie isolierte Einzelfälle. Einerseits, weil man davon ausgehen kann, dass solche exponierten Momente die Spitze des Eisberges sozialer Bezüge sind, in dem die Täter:innen solche Haltungen formen. Bevor rassistische Beleidigungen laut von einer Tribüne geschrien werden, werden sie unwidersprochen in Gesprächen mit Kolleg:innen, Familien oder eben anderen Fans gesagt. Und andererseits, weil sie signalisieren, was Rassist:innen für sagbar halten und wofür sie glauben, einen sicheren Raum zu haben.

Beide Annahmen müssen in allen Fällen, in denen sie zutage treten, zurückgewiesen werden. Mit juristischen Sanktionen für Täter, die sich straffällig machen, und mit direktem Widerspruch in Situationen, in denen sie sich menschenfeindlich äußern.

Dass dabei das Handeln Einzelner und von Kollektiven ineinandergreift, zeigt das Beispiel der Reaktion auf die Beleidigungen beim Spiel von Eintracht Stahnsdorf gegen den 1. FC Kaiserslautern in Babelsberg. Dort skandierten viele Zuschauende als Antwort „Nazis raus!“. Solches gemeinschaftliche Handeln braucht aber Initiative – in diesem Fall einer Person, die die Situation richtig einordnet und den Ruf anstimmt.

Ein schlechtes Beispiel hat dagegen der Verein Lok Leipzig abgegeben, dessen Fans beim Spiel gegen Schalke den zweiten Rassismus-Eklat auslösten. Sie wiegelten zunächst ab und zogen in Zweifel, das der betroffene Spieler rassistisch beleidigt wurde. In einem späteren Statement reichte es immerhin dafür einzuräumen, dass „Rassismus keine Meinung ist, sondern ausgelebte Unmenschlichkeit“.

Schneller fand da der Schalker Trainer Miron Muslic die richtigen, klaren Worte: Er verwahrte sich dagegen, rassistische Anfeindungen „wegzustecken oder kleinzureden“. Als sein Gegenüber genau das tat, wies Muslic es in aller Klarheit zurück und machte deutlich, wie falsch es ist, sich mit Verweis auf vermeintliche Einzeltäter, die „ein Fußballfest ins Negative ziehen“, aus der Verantwortung zu stehlen.

Im Presseraum im Bruno-Plache-Stadion in Leipzig-Probstheida herrschte nach Muslic‘ klaren Worten betretenes Schweigen. Auch Medien stehen in der Verantwortung, nach rassistischen Vorfällen das Problem beim Namen zu nennen. Und vor allem über den Moment hinaus genau hinzuschauen, ob Verbände, Vereine und Fanszenen gegen rechte Strukturen und Akzeptanz für Rassismus vorgehen.

Leider ist für Beobachtende dieser Organisationen nicht überraschend, dass erste Zeichen nicht darauf hindeuten, dass von ihnen viel Aufarbeitung oder gar konsequente antirassistische Arbeit zu erwarten wäre. Hermann Winkler, der Chef des regionalen Fußballverbandes, in dessen Bereich sich die beiden Vorfälle ereigneten, wollte von voreiligen „Spekulationen und Schuldzuweisungen“ nichts wissen. Er selbst habe beim Spiel in Leipzig „keine fremdenfeindliche Stimmung wahrgenommen“. Der rassistisch beleidigte Schalker Christopher Antwi-Adjei ist kein Fremder, was passiert ist keine ‚Fremdenfeindlichkeit‘, sondern Rassismus. Winkler ist seit 2021 auch Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes. Das zeigt schon, wo das eigentliche Problem liegt.

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