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Gewalttätige Neonazis prägten vor fünf Jahren das Image von Chemnitz. Wie erleben Aktive die Stadt heute?
Die Chemnitzerin Zeran Osman war 28 Jahre alt, als sie sich erstmals auf eine Demonstration traute. „Ich dachte: scheiße, so viele Faschos.“ Wie das Leben so spielt: Als die Lage in Chemnitz vor fünf Jahren eskalierte, am 27. August 2018, als die Rechten auf Gegendemonstrant:innen losgingen und sie durch die breiten Straßen jagten, waren Osman und ihre Begleiter:innen um die Ecke Döner essen gegangen. „Da haben wir echt Glück gehabt“, sagt sie. Das Jahr 2018 war nach ihrem Gefühl „eine Zäsur, auf jeden Fall“. Um gleich darauf an den „Alltagsrassismus“ zu erinnern, mit dem migrantisch wirkende Personen wie sie regelmäßig konfrontiert seien. Pöbeleien, rechte Sprüche, T-Shirts mit Nazisymbolen.
Zeran Osman ist 33 Jahre alt und Ausstellungsleiterin des Vereins „Offener Prozess“. Mit acht Jahren kam die Kurdin nach Deutschland und wuchs in Halle auf. Zum Studium der „Interkulturellen Kommunikation“ zog sie nach Chemnitz. Ein NSU-Dokumentationszentrum soll im Jahr 2025 in der Stadt eröffnen, dafür setzt sich die Gruppe „Offener Prozess“ ein. Chemnitz, das ist die Stadt, in der das rechtsterroristische Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zeitweise lebte, das von 2000 bis 2007 mindestens zehn Menschen tötete. Dort soll die bereits existierende Ausstellung ihren Platz finden, die aus der Betroffenenperspektive auf die Ereignisse blickt, Angehörige werden einbezogen, es soll Bildungsangebote geben und ein Archiv. Der NSU, das ist in Chemnitz nicht nur Vergangenheit. „Die Unterstützer:innen des NSU-Trios sehen wir regelmäßig“, berichtet eine in der Aufklärungsarbeit engagierte Chemnitzerin.
Unabhängig von dem Dokumentationszentrum will „Offener Prozess“ einen Erinnerungsort in Chemnitz durchsetzen, eine Art Mahnmal, zu dem sich das offizielle Chemnitz auch finanziell bekennen soll. „Es geht auch darum, eine politische Verantwortung zu übernehmen“, sagt Zeran Osman. „Chemnitz ist die einzige Stadt mit NSU-Bezug ohne Erinnerungsort.“
Auch Isabel Horn war in jenem August 2018 zum ersten Mal in ihrem Leben demonstrieren, mit 15 Jahren, und es war ein ziemlicher Schock für sie, obwohl sie rechtzeitig nach Hause gefahren war. „Es hat mir unglaublich Angst gemacht“, sagt sie. Auch heute noch achtet sie darauf: „Man muss wirklich gucken, wenn man auf einer Demo war, wie man nach Hause kommt.“
Heute sitzt die junge Frau im Vorstand des Chemnitzer Kulturvereins „Weltecho“. In dem ehemaligen Gebäude der DDR-„Kammer der Technik“ gibt es Konzerte, Partys, Open-Air-Kino im Hof, eine relaxte Atmosphäre – und politische Diskussionen. „Ich hätte mir gewünscht, dass man wirklich angeht gegen festgefahrene rechte Strukturen“, sagt Isabel Horn. Nicht nur in der Politik, auch in der Bildung sieht sie erheblichen Nachholbedarf. In manchen Schulen würden rechte Sprüche von den Lehrkräften ignoriert oder gar akzeptiert, rechte Sticker nicht entfernt.
In Chemnitz herrscht eine bedrohliche Atmosphäre, heißt es
Neben ihr sitzt Sebastian Reichelt, 37 Jahre alt, ebenfalls „Weltecho“-Vorstand. Reichelt nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wir haben verfestigte Neonazi-Strukturen.“ Reichelt kennt das, er ist in der Nähe von Cottbus aufgewachsen. Nach Chemnitz kam er zum Philosophie-Studium. Eine bedrohliche Atmosphäre, eine politische Aufladung ist nach seinem Eindruck allgegenwärtig. Doch Sebastian Reichelt sagt: „Jeder ist politisch in Chemnitz, aber keiner will’s sein.“ Was er meint, lässt sich an den Montagsdemos beobachten, die es bis heute ausgerechnet am gewaltigen Karl-Marx-Kopf gibt, dem Erkennungszeichen der einstigen Karl-Marx-Stadt. Dort klagen Rednerinnen und Redner über hohe Energiepreise, über Corona-Vorschriften, über „Kulturmarxismus“ und „Altparteien“.
Zugleich werden Fahnen geschwenkt von AfD und Freien Sachsen, Russland-Fahnen, aber auch die orangefarbenen Flaggen der Identitären Bewegung. „Wenn man in den Diskurs geht, dann ist das alles nicht so gemeint – erst recht nicht rassistisch, erst recht nicht faschistisch“, sagt Reichelt. Dabei liefen die Demonstrierenden gemeinsam mit Organisationen, die „ganz klar vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingeschätzt werden“. Als sei es das Normalste der Welt.
Reichelt ist nicht nur mit der Subkultur verbunden, sondern amtiert auch als Vorsitzender der Chemnitzer SPD und arbeitet in Berlin für die SPD-Bundestagsabgeordnete Michelle Müntefering. Und doch zeigt er ein gewisses Verständnis dafür, dass viele Ostdeutsche schlecht auf die Parteien zu sprechen sind. „Dieses Misstrauen gegen die Parteien ist tradiert“, sagt Reichelt. Nach der Nazizeit sei die DDR gekommen, danach Helmut Kohl und der gewaltige Abriss gewachsener Industrie-Strukturen mit dem Verlust von 100 000 Arbeitsplätzen allein in Chemnitz. Aber auch seine SPD habe sich nicht mit Ruhm bekleckert. „Hartz IV hat hier eingeschlagen“, sagt Reichelt. Er fürchtet: „Politik wird hier nichts drehen können. Die Überzeugungsarbeit muss woanders geleistet werden.“ In der Bildung zum Beispiel. Oder in der Kultur. Oder im Sport, wo der Chemnitzer FC der rechtsextremen Fanszene immer noch ein Zuhause biete. Immerhin – antifaschistische Initiativen, die alternative Kulturszene und Parteien von der SPD und den Grünen bis zu den Linken haben sich auf einen Aufruf zur Demonstration am kommenden Samstag, 2. September, einigen können. „Kein Vergeben, kein Vergessen“, lautet das Motto.
Die Opferberatung sagt, die Lage in Dresden und Leipzig sei genauso schlimm
Vermutlich hat niemand einen so umfassenden Überblick über die rassistische und rechtsextreme Gewalt in Chemnitz wie die Opferberatung, die in einem ehemaligen Gebäude der DDR-Staatssicherheit ihren Sitz hat. Die Lage ist nicht gut in Chemnitz, insbesondere nicht in diesem Jahr, da die Zahlen jetzt schon das Niveau von 2022 überschritten haben. Und trotzdem warnen André Löscher und Lea Erhard von der Opferberatung davor, der Stadt eine Sonderstellung in Sachen rechter Gewalt anzuhängen. Tatsächlich sei die Lage in Dresden und Leipzig genauso schlimm, in Zwickau sogar noch schlimmer, berichten sie. „Außerhalb von Sachsen hat Chemnitz einen schlechten Ruf“, schildert Erhard. „Aber Chemnitz ist keine Schwerpunktregion für uns.“ Aus der Stadt werden Jahr für Jahr rund 20 Angriffe gemeldet, die von der Opferberatungsstelle aufgearbeitet werden – also Fälle von Körperverletzung, Nötigung oder einer Bedrohung, die über bloße Beleidigungen hinausgeht. Oft begleiten sie die Betroffenen auch zu Vernehmungen oder in die Gerichtsverhandlung.
„Die meisten Täter sind nicht organisierte Neonazis“, sagt Lea Erhard. Es seien Menschen mit einem rechten Weltbild, die spontan den Konflikt suchten. Allerdings ist auch die verfestigte Chemnitzer Naziszene bekannt. Die Fragen „Bin ich in Chemnitz sicher? Kann ich mich in Chemnitz sicher bewegen?“ beschäftigten viele Menschen. Nach den Ausschreitungen von 2018 sei das noch schlimmer geworden. Menschen seien offen angepöbelt oder angespuckt worden. „Weil die Täter das Gefühl haben, sie können das in der Öffentlichkeit äußern“, erklärt Erhard.
Viele Betroffene würden sich auch wünschen, aus Chemnitz wegzuziehen oder ganz aus Sachsen. Aber das Ausländerrecht mache ihnen einen Strich durch die Rechnung. Bei einem Treffen mit der damaligen Familienministerin Franziska Giffey 2018 sei das ein vorherrschendes Thema gewesen, schildert Löscher und konstatiert: „Das hat leider nicht funktioniert.“
Wenn Anna Lanfermann anderen Leuten erzählt, dass sie in Chemnitz lebt, muss sie stets mit einer Frage rechnen: „Wie hältst du es dort aus?“ Dabei mag sie die sächsische Stadt, ist zum Masterstudium hergezogen, schätzt die vielen Grünflächen und freut sich über günstige Mieten. Lanfermann, 33 Jahre alt, arbeitet als Bildungsreferentin. Seit vier Monaten sitzt sie zudem für Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat von Chemnitz – dort, wo auch Leute von der AfD oder der stramm rechten Bewegung „Pro Chemnitz“ ihren Platz haben.
Die Nazipartei „Der III. Weg“ hat bedrohliche Plakate aufgehängt
Lanfermann beobachtet eine „Normalisierung“ rechter Gesinnung. Nazi-Parolen auf T-Shirts, Hitlergruß-Bilder in Sozialen Netzwerken seien nicht mehr tabu. „So etwas ist in den letzten zehn Jahren salonfähig geworden, die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben“, beobachtet die Stadtpolitikerin. Sie macht sich „viele Sorgen, was nächstes Jahr kommt“, nach der Kommunalwahl im kommenden Juni.
Lanfermann hat den Stadthallen-Park mitten in Chemnitz für das Treffen vorgeschlagen, ein entspannter Ort, an dem abends Volleyball gespielt wird oder Open-Air-Konzerte beim „Parksommer“ stattfinden. Der Park besitzt für die Grünen-Politikerin aber noch eine andere, unangenehme Bedeutung. Die „große Unsicherheit“ hat sich damals breit gemacht, 2018, als Lanfermann mit den anderen antifaschistischen Demonstrierenden im Stadthallenpark stand und nicht weit entfernt, auf der anderen Seite der Brückenstraße rund um den Karl-Marx-Kopf, die Rechten aufgezogen waren – nur getrennt durch „eine sehr dünne Linie“ der Polizei. Es war der Tag, an dem Rechte Andersdenkende durch Chemnitz jagten.
Und heute? Die kleine Nazipartei „Der III. Weg“ hat in Sachsen Plakate angebracht, auf denen „Hängt die Grünen“ zu lesen war. „Ich nehme es als Bedrohungsszenario wahr“, sagt Lanfermann. Manchmal ist sie ganz froh, dass sie keine Sozialen Netzwerk nutzt und deswegen nicht jede Beschimpfung mitbekommt. Dass Chemnitz 2025 zur Europäischen Kulturhauptstadt wird, stimmt sie froh. Doch zugleich treiben Lanfermann Sorgen um – Sorgen um die Sicherheit der Gäste vor rechten Angriffen.
Die Europäische Kulturhauptstadt 2025 soll das Image verbessern
Oberbürgermeister Sven Schulze (SPD) kennt das finstere Image seiner Stadt. Der Sozialdemokrat sitzt in seinem Büro im zweiten Stockwerk des Alten Rathauses und sagt: „Die Schublade ist nach wie vor sehr, sehr tief. Und da wieder rauszukommen, ist ganz schwer.“ Die Europäische Kulturhauptstadt 2025 soll dabei helfen, das Ansehen zu verbessern. „Ich bin überzeugt und optimistisch, dass das eine Riesenchance für diese Stadt ist“, sagt Schulze. Die Stadt werde ins Rampenlicht geschoben. Der OB hofft, „dass die Leute sehen, dass es vielleicht nicht ganz so schlimm ist, wie man sich das vorstellt“.
Schulzes Ziel ist es, die „stille Mitte“ zu erreichen – diejenigen, die sich bisher nicht positionieren. „Viele davon sind erreichbar“, ist Schulze überzeugt. Auf der anderen Seite beobachtet auch er eine Normalisierung rechter Symbole, nicht nur, aber auch in seiner Stadt. „Dieser Igitt-Faktor, den Hitlergruß zu zeigen, der nimmt ab“, konstatiert der Sozialdemokrat.



