Kanzler reagiert

Koalitionskrimi um Merz‘ „Stadtbild“-Spruch: Kanzler zieht Reißleine

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Die Debatte um die „Stadtbild“-Aussage von Bundeskanzler Merz schlägt hohe Wellen – auch in der Koalition. Die Klarstellung besänftigt die interne Lage.

Berlin/London – Als Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einer Pressekonferenz in Potsdam Mitte des Monats (14. Oktober) ein Resümee zur Migrationspolitik zog, betonte er Fortschritte und die Korrektur früherer Versäumnisse. Scharfzüngig fügte der Kanzler an: „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“ Auf die Frage, wie er die Aussage gemeint habe, antwortete Merz bei einem späteren Termin: „Fragen Sie mal ihre Töchter.“

Fotomontage Friedrich Merz‘ (l.) und eines Protests im Zuge der „Stadtbild“-Debatte

Mit seiner „Stadtbild“-Aussage trat Merz eine grundlegende Debatte los, vielerorts in Deutschland gab es Proteste mit Tausenden Teilnehmern. Aber auch in Regierungskreisen trat der Kanzler mit seiner Äußerung ein Lauffeuer los. Bei einer Pressekonferenz in London präzisierte Merz sein „Stadtbild“-Statement nun erstmals. Kann das die Wogen in der Koalition glätten?

In „Stadtbild“-Debatte schlug Merz immer mehr Kritik entgegen – bis hin zu Protesten

Obwohl die Mehrheit der deutschen Bevölkerung (63 Prozent) dem Kanzler in seiner „Stadtbild“-Aussage laut aktuellem Politbarometer beipflichtet, bekam Merz einiges an Gegenwind für sie zu spüren. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sagte zum Wochenbeginn, Probleme hierzulande immer wieder auf Migration zurückzuführen, spalte und untergrabe das Vertrauen. „Und ich muss sagen, dass meine Erwartung an die Spitze eines Staates schon deutlich höher ist“, betonte Klüssendorf in der ntv-Talkshow „Pinar Atalay“ mit Blick auf Merz’ Aussage.

Kritik an Merz’ „Stadtbild“-Aussage gab es jedoch auch aus den eigenen Reihen, etwa in Person Dennis Radtkes, dem Chef des CDU-Sozialflügels. Radtke forderte einen anderen Stil von Merz. Dem Kanzler komme „eine besondere Verantwortung für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, die Debattenkultur und einer positiven Zukunftserzählung zu“, sagte Radtke den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Hier müsse Merz vorangehen.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Wie die Bild-Zeitung nun berichtet, versuchten SPD-Politiker auf Merz einzuwirken, nachdem dieser in Brandenburg vom seiner Ansicht nach problematischen Bild deutscher Städte sprach. Das sollte zunächst erfolglos bleiben: Zu Wochenbeginn (20. Oktober) legte Merz nach einer Präsidiumsklausur seiner Partei hinsichtlich der „Stadtbild“-Aussage nach. Merz betonte: „Ich habe gar nichts zurückzunehmen – im Gegenteil.“ Dabei bekräftigte der Kanzler auch, „viel Zustimmung“ für seine Äußerung bekommen zu haben.

Merz konkretisiert „Stadtbild“-Aussage bei Besuch in London

Am Mittwoch (22. Oktober) schließlich setzte Merz erstmals dazu an, seine „Stadtbild“-Aussage öffentlich zu präzisieren. Es gehe ihm um Einwanderer ohne Aufenthaltsrecht und Arbeit, die sich nicht an die in Deutschland geltenden Regeln halten würden. „Viele von diesen bestimmen auch das öffentliche Bild in unseren Städten. Deshalb haben mittlerweile so viele Menschen in Deutschland und in anderen Ländern der Europäischen Union – das gilt nicht nur für Deutschland – einfach Angst, sich im öffentlichen Raum zu bewegen“, so der Kanzler. Das Problem betreffe „ganze Stadtteile, die auch unserer Polizei große Probleme machen.“ 

Bei der Korrektur seiner „Stadtbild“-Aussage kam Merz auch auf die gegenwärtige Krise in vielen Teilen des Arbeitsmarktes zu sprechen, die sich vor dem Hintergrund des demografischen Wandels künftig zu verschärfen droht. Deutschland sei auch künftig auf Einwanderung angewiesen, so Merz. Schon heute seien Menschen mit ausländischen Wurzeln „unverzichtbarer Bestandteil des Arbeitsmarktes“. „Wir können auf sie eben gar nicht mehr verzichten, ganz gleich, wo sie herkommen, welcher Hautfarbe sie sind und ganz gleich, ob sie erst in erster, zweiter, dritter oder vierter Generation in Deutschland leben und arbeiten.“ Neben der massiven Kritik aus politischen Lagern hatten zuvor auch Ökonomen vor den Auswirkungen von Merz’ Aussage gewarnt.

Ist die „Stadtbild“-Debatte nach Merz’ Korrektur nun beigelegt?

Dass Merz nun in London, zehn Tage nach der ersten „Stadtbild“-Äußerung wohl ebenso um Klarstellung bemüht ist wie darum, der Debatte Wind aus den Segeln zu nehmen, überrascht keineswegs – denn zuletzt steigerte sich die Spirale innerhalb der Debatte bis hin zu Protesten in vielen deutschen Städten. Am Mittwoch meldete sich auch Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) erstmals mit deutlichem Unbehagen hinsichtlich Merz’ Aussage zu Wort. Klingbeil warnte vor einer Spaltung und sagte: „Wir müssen als Politik auch höllisch aufpassen, welche Diskussion wir gerade anstoßen.“

Nach Merz’ Klarstellung in London schlug dann auch Klingbeil wieder sachtere Töne an: Am Mittwochabend bekräftigte der Bundesfinanzminister, dem Kanzler nichts Böses unterstellen zu wollen, auch den Vorwurf der Spaltung erwähnte Klingbeil nicht nochmals. Wie mitunter die Bild-Zeitung vermutet, wollen weder Merz noch Klingbeil die Debatte weiter nähren, und auch in Unionskreisen werde aktuell dem Motto gefolgt, bloß nicht mehr öffentlich auf Merz’ Stadtbild-Aussage Bezug zu nehmen. (Quellen: n-tv, Bild, Funke-Zeitungen) (fh)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/AP | Harry Nakos und picture alliance/dpa | Annette Riedl

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