Im Ukraine-Krieg kommen vermehrt Shahed-136-Drohnen aus dem Iran zum Einsatz. Offenbar sind auch iranische Ausbilder auf der Krim stationiert, um russische Soldaten zu schulen.
Kiew - Die Shahed-136 heißen nicht ohne Grund Kamikaze-Drohnen. Die unbemannten Flugobjekte iranischer Bauart kreisen zunächst über ihren Zielen, stürzen sich dann hinab und explodieren beim Aufprall. Seit Montagmorgen (17. Oktober) kam es in mehreren Städten der Ukraine zu solchen Angriffen, zahlreiche Menschen starben. Der Iran ist offenbar nicht nur an der Lieferung dieser Waffen beteiligt, sondern auch an der Ausbildung russischer Soldaten in der Bedienung der Drohne. Das berichtete die US-Zeitung New York Times am Dienstag unter Berufung auf aktuelle und ehemalige Beamte aus Sicherheitskreisen. Moskau und Teheran bestreiten indes die Rüstungsgeschäfte im Ukraine-Krieg.
Ukraine-Krieg: Iran soll Ausbilder für Shahed-136-Drohnen auf der Insel Krim stationiert haben
Der Iran lieferte bereits im August erstmals Kamikaze-Drohnen an Russland. Das geht aus Quellen des britischen Geheimdienstes und des ukrainischen Militärs hervor. Die Sprecherin des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell bestätigte am Mittwoch in Brüssel, die EU habe nun „hinreichende Beweise“, dass von Russland gegen die Ukraine eingesetzte Drohnen aus dem Iran stammten. Teheran und Moskau dementieren dies bislang. Ein Bericht der New York Times vom Dienstag weist jedoch darauf hin, dass der Iran stärker am Ukraine-Krieg beteiligt ist, als Teheran zugibt.
Militärexperten zufolge können die Shahed-136-Drohnen im Verhältnis zu ihren relativ geringen Kosten einen großen Schaden anrichten. Allerdings sind die unbemannten Flugobjekte nicht in der Lage, ihre Ziele selbst anzuvisieren, weshalb russische Soldaten sie vom Boden aus steuern. Als Russland die erste Charge der Waffe in der Ukraine einsetzte, waren die Angriffe größtenteils ineffektiv - auch aufgrund von Bedienfehlern, so der New York Times-Bericht.
Ursprünglich seien russische Militärangehörige in den Iran geschickt worden, um den Umgang mit den Drohnen zu lernen. Als die Probleme bei der Bedienung jedoch weiter anhielten, habe man iranische Ausbilder auf der Krim stationiert, berichtete die New York Times. „Die Entsendung von Drohnen und Ausbildern in die Ukraine hat den Iran tief in den Krieg auf russischer Seite verstrickt und Teheran direkt in Operationen verwickelt, bei denen Zivilisten getötet und verletzt wurden“, sagte der ehemalige Pentagon-Mitarbeiter Mick Mulroy der US-Zeitung. Absichtliche Angriffe auf zivile Ziele können laut Vereinten Nationen als Kriegsverbrechen gewertet werden.
Ukraine-Krieg: Iranische Drohnen-Ausbilder auf der Krim gehören offenbar Terrororganisation an
Die Kriegsexperten der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) hatten zuvor unter Berufung auf ukrainische Quellen angegeben, dass iranische Ausbilder russischen Streitkräften unter anderem in den Städten Salisnyj Port und Hladivtsi in der Region Cherson die Handhabung der Drohnen beibringen würden. Der Bericht der New York Times deutet indes darauf hin, dass die iranischen Ausbilder auf der Halbinsel Krim und damit weit weg von der Front zum Einsatz kommen. Unklar sei die genaue Anzahl der Ausbilder oder die Frage, ob iranische Kräfte die Drohnen selbst steuern würden. Fest stünde hingegen, dass die Ausbilder den Islamischen Revolutionsgarden angehören, nach Einstufung der USA handelt es sich dabei um eine Terrororganisation.
Moskau und Teheran dementieren weiterhin offiziell, dass ein Waffenaustausch stattgefunden habe. Vor dem UN-Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York sagte der Vizechef der russischen UN-Vertretung, Dmitri Poljanski, am Mittwoch (Ortszeit), die eingesetzten Drohnen seien in Russland hergestellt worden. Experten zufolge ist offenbar denkbar, dass Russland Sanktionen umgehe, Bauteile für Drohnen beziehe und diese dann selbst montiere. Oleg Katkow, der Chefredakteur des ukrainischen Infoportals Defense Express, gab etwa an, dass manche Bauteile frei verkäuflich seien - beispielsweise im chinesischen Online-Shop Ali Express. Sowohl die Steuerungssensoren des Navigationssystems als auch der Motor der Drohne seien dort erhältlich, so Katkow wie die Tagesschau am Dienstag berichtete.
Womöglich könnte es nicht bei den Drohnen-Lieferungen bleiben: Die US-Zeitung Washington Post berichtete am Sonntag unter Berufung auf Quellen aus US-Sicherheitskreisen, dass der Iran die Lieferung von Kurzstreckenraketen an Russland vorbereite. Dabei soll es sich um Fateh-110 Kurzstreckenraketen und Zolfaghar-Rakteten handeln, letztere haben eine Reichweite von bis zu 700 Kilometern. Ein mit der Angelegenheit vertrauter iranischer Diplomat bestätigte am Mittwoch gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters die Pläne zur Lieferung von Fateh- und Zolfaghar-Raketen sowie von weiteren Drohnen.
Iranische Drohnen im Ukraine-Krieg: EU beschliesst neue Sanktionen
Die EU will mit neuen Sanktionen gegen den Iran auf den russischen Einsatz iranischer Drohnen in der Ukraine reagieren. Nun, da man genügend Beweise dafür gesammelt habe, arbeiteten die Mitgliedstaaten an einer schnellen und entschlossenen Reaktion, sagte eine Sprecherin des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell am Mittwoch. Die Sanktionen sollen offenbar am Donnerstagnachmittag in Kraft treten. Das US-Außenministerium ist indes offenbar überzeugt, dass der Iran mit der Lieferung von Drohnen an Russland gegen Embargo-Maßnahmen gemäß der UN-Resolution 2231 verstoße.
Bei einem Treffen des UN-Sicherheitsrates am Mittwoch sollen daher unter Ausschluss der Öffentlichkeit die angeblichen Waffenlieferungen des Iran an Russland zur Sprache kommen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch. Die Ukraine habe außerdem Experten der Vereinten Nationen eingeladen, um abgeschossene Drohnen iranischer Herkunft untersuchen zu lassen (dpa/bme).
