Ria Schröder wird als eines der neuen Gesichter der FDP angesehen – vorausgesetzt, die Partei hat eine Zukunft und kann erneut in den Bundestag einziehen.
Berlin – Man muss ein bisschen suchen, aber es gibt sie: Frauen in der FDP. Auch junge Frauen. Ria Schröder ist eine von ihnen. Die 32-Jährige gilt vielen als ein Gesicht der Zukunft der Partei. Zwar ist sie in der Öffentlichkeit noch ziemlich unbekannt, aber in der Berliner Blase kennt man sie zunehmend besser. Seit 2021 ist sie Mitglied des Bundestages und bildungspolitische Sprecherin der Fraktion.
Bis dahin ist Ria Schröder die politische Karriereleiter schnell heraufgeklettert. Als die FDP 2013 aus dem Parlament flog, beschloß sie mit damals 21 Jahren, in die Partei einzutreten. Schon fünf Jahre später rückte sie an die Spitze der Jugendorganisation „Junge Liberale“. Zum ersten Mal seit 25 Jahren führte damit eine Frau die Julis an. Die Zeit der Zurückhaltung sei vorbei, sagte die Juristin aus Hamburg damals. Ein Satz, den sie offenbar auch als Motto für ihr Leben anwendet.
Frauen in der FDP: Ria Schröder weist Vorwurf der Männerpartei zurück
In der FDP liegt der Frauenanteil nur bei 20 Prozent, aber diejenigen, die „auch wirklich was können, finden schnell Unterstützung“, sagt Ria Schröder in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Den Eindruck, die FDP sei eine Männerpartei – teilt sie nicht.
„Wie kommen Sie zu dieser Feststellung?“, entgegnet Schröder auf diesen Einwand der FR und zählt dann flott – und sicher nicht zum ersten Mal – auf: Marie-Agnes Strack-Zimmermann als Spitzenkandidatin bei der Europawahl, die ehemalige Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, die Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Hessen und Hamburg. Das seien „fünf starke liberale Frauen, die ihre jeweiligen Landesverbände als Spitzenkandidatinnen in diese Bundestagswahl führen“, sagt Schröder.
Ihre Partei habe zudem seit ihrem Eintritt vor 12 Jahren enorme Fortschritte gemacht, auch in ihrem Landesverband in Hamburg. Sonja Jacobsen ist dort Landesvorsitzende und Katarina Blume Spitzenkandidatin für die Bürgerschaftswahl Anfang März. „Auch in meiner Partei gibt es Platzhirsche, aber um Wandel herbeizuführen, braucht es Zeit“, sagt Schröder. Frauen seien in der Politik insgesamt unterrepräsentiert, das sei nicht nur in ihrer Partei ein Problem. Von einer verbindlichen Frauenquote hält Schröder nichts. Das passe nicht zur FDP.
Ria Schröder über Liberale Werte, Migrationspolitik und die FDP-Linie
Schröder ist eine klassische Liberale: Etwa beim Klimaschutz vertraut sie dem Markt und den Menschen mehr als dem Staat. An der Abstimmung zum sogenannten Zustrombegrenzungsgesetz – dem Gesetzentwurf der CDU/CSU-Fraktion für eine restriktive Migrationspolitik – hat sie nicht teilgenommen, ebenso wie 15 andere FDP-Abgeordnete. Fünf weitere Mitglieder der Fraktion haben sich bei der kontroversen Abstimmung enthalten, zwei sogar gegen das Gesetz gestimmt.
Das hat in der Fraktion zu Verwerfungen geführt. Doch darüber möchte Ria Schröder mit der FR nicht sprechen. Auch die Einordnung „sozialliberal“ lehnt sie für sich ab. Auf dem Bundesparteitag hat sie – wie einige andere Abweichler:innen – eine Rede gehalten, in der sie sich voll hinter die Linie der Partei stellte. Der Applaus fiel mäßig aus.
Für Schröder ist klar: „Wer kriminell wird, wer andere Menschen bedroht, der muss auch wieder gehen“. Und sie sagt weiter: „Mit diesem relativ einfachen Prinzip scheitern wir seit zehn Jahren, seitdem wir die großen Flüchtlingswellen hatten und es nicht geschafft haben, mehr Ordnung zu bringen“. Eine solche Haltung habe nichts mit einer rechten Position zu tun. Sehr viele Menschen in Deutschland hätten das Gefühl, dass das Problem Migration nicht ernsthaft angegangen wird.
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FDP: Schröder fordert stärkeren Fokus auf Bildung im Wahlkampf
Doch Schröder sagt auch, dass es sie „nervt“, dass dem Thema Migration im Wahlkampf so große Bedeutung beigemessen wird. Als bildungspolitische Sprecherin, würde sie sich wünschen, dass ihr Thema stärker in den Vordergrund rückt. Immerhin steht es ziemlich groß im FDP-Programm. Bereits 2021 versprach die Partei Aufstieg durch Bildung. Alle sollen studieren und sich ihren eigenen Erfolg erarbeiten können, so das Credo. Die Realität ist jedoch eine ganz andere: Bildungschancen sind in Deutschland sehr ungleich verteilt.
Ria Schröder sagt dass sie sich wünscht, dass Bildungspolitik im Wahlkampf stärker vorkommt, aber auch ihre eigene Partei stellt das Thema kaum in den Fokus. Ist das nicht widersprüchlich? „Die Themen, die die Menschen bewegen, sind nach jeder Umfrage in diesem Wahlkampf die Themen Wirtschaft und Migration“, verteidigt Schröder das.
Bildung sei trotzdem eines der wichtigsten Themen der FDP und stehe in jedem Wahlkampf der Partei seit 2017 an erster Stelle. Aber „das Thema ist komplex und geht über die Legislaturperiode hinaus, das ist eine große Herausforderung“, sagt Schröder. Das Startchancenprogramm, mit dem Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schüler:innen unterstützt werden sollen, wurde vor vier Monaten gestartet und ist auf zehn Jahre angelegt. Solche Projekte brauchten einen langen Atem.
Schröder fordert Bildungsweg unabhängig von Elternhaus und mehr Anerkennung für Nicht-Akademiker
Es gehe darum, dass nicht die Herkunft oder das Einkommen der Eltern den Lebensweg bestimmen. Alle Kinder sollen studieren können. „Es soll doch egal sein, ob ein Elternteil Chefarzt oder Kassiererin bei Aldi ist“. Diese Bildungsbarrieren müssen durchbrochen werden. Gleichzeitig ist es der Politikerin wichtig, dass nicht nur Akademiker:innen „Leistung“ bringen. Auch Handwerker:innen, Pflegekräfte oder Kitabetreuer:innen verdienen gesellschaftliche Anerkennung, stellt Schröder heraus.
So will sie auch den Slogan der FDP verstanden wissen, dass Leistung und Arbeit belohnt werden müssen. Jede Erhöhung von Sozialleistungen, sei es Bürgergeld oder Kindergrundsicherung sei fehl am Platz, sagt auch Schröder. Stattdessen setzt sie auf einen funktionierenden Sozialstaat, wo etwa Leistungen für Familien wirklich bei den Bedürftigen ankommen.
Dazu muss man wissen: Auch Ria Schröder wurde nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren. Ihre Eltern sind keine Akademiker:innen. Sie wächst mit vier Geschwistern im Hunsrück in Rheinland-Pfalz auf. Ihr Studium finanziert sie mit Bafög und einem 450-Euro-Nebenjob.
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Ria Schröder: Klare Worte zu Klimaprotesten und Vertrauen in den Wahlausgang der Bundestagswahl
Damit, sich bei der FDP zu engagieren, habe sie eine Weile gezögert, berichtet sie. Schröder begründet das mit ihrer Art, Dinge lange zu durchdenken. Sie war eine gute Schülerin, sagte sie einmal in einem Interview, aber habe schon damals protestiert, wenn sie etwas ungerecht fand, und Autoritäten infrage gestellt. Vermutlich sei sie deshalb „bei den Liberalen gelandet“. Dass sie dort schnell aufsteigen konnte, liegt auch daran, dass sie sich durchsetzen kann und klare Worte wählt.
Als 2022 Klimaaktive die Glasscheibe eines Van-Gogh-Gemälde mit Tomatensuppe beschmieren, schreibt sie auf Twitter: „Das richtige Wort für Leute, die Kultur und Kunst zerstören, ist nicht Aktivist, sondern Arschloch“. Neben ihrer Arbeit als Anwältin in einer jungen Kanzlei in Hamburg hat sie auch Kunstgeschichte studiert.
Ria Schröders politische Karriere hängt auch davon ab, ob die FDP es am Sonntag wieder in den Bundestag schafft. Sie mache sich da keine Sorgen, sagt sie. Sie vertraue den Bürger:innen. Der Marktplatz der Ideen soll es richten. (Sereina Donatsch)