Kein Blatt mehr vor dem Mund

Ricarda Lang rechnet mit Ampel ab und macht vor eigener Partei und Kanzler Scholz nicht halt

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Die Noch-Grünen-Chefin Ricarda Lang ist mit der Ampel-Regierung hart ins Gericht gegangen und kritisiert auch Kanzler Olaf Scholz (SPD).

Stuttgart - Ricarda Lang hat Verantwortung übernommen. Vor kurzem hat sie gemeinsam mit Omid Nouripour ihren Rückzug von der Grünen-Spitze erklärt. Ein Schritt, der in der Politik nicht selbstverständlich ist, doch ein selbstbestimmter gewesen sein soll. Darauf legt Lang wert.

Seit diesem Paukenschlag wirkt die Grünen-Politikerin jedenfalls befreit, wie auch im Spiegel-Spitzengespräch zu sehen war. Dort gab sie unverblümt zum Besten, woran die Ampel-Regierung gescheitert ist. „Es ist nicht so, dass wir doof sind oder nicht wissen, wie man Politik macht“, begann Lang, die der Regierung zunächst zumindest eine gute Absicht bescheinigte: „Wir hatten zu Beginn tatsächlich etwas Gemeinsames. Die Fortschritts-Koalition war nicht nur ein netter Werbespruch, da steckte ein gesellschaftliches Projekt dahinter.“

Die Bundesvorsitzenden der Grünen: Von Jürgen Trittin bis Ricarda Lang

Krista Sager und Jürgen Trittin von den Grünen
Im Dezember 1994 traten Krista Sager und Jürgen Trittin als Doppelspitze des noch jungen Zusammenschlusses namens „Bündnis 90 / Die Grünen“ an. Beide wurden zu Sprecherin und Sprecher des Bundesvorstands der Partei gewählt. Gemeinsam lenkten sie die Geschicke der Partei für zwei Jahre bis 1996. © Sepp Spiegl/imago-images
Jürgen Trittin blieb Sprecher der Grünen, von 1996 bis 1998 aber mit neuer Kollegin an seiner Seite: Auf Krista Sager folgte Gunda Röstel.
Jürgen Trittin blieb Sprecher der Grünen, von 1996 bis 1998 aber mit neuer Kollegin an seiner Seite: Auf Krista Sager folgte Gunda Röstel. © Jürgen Eis/imago-images
Gunda Röstel blieb für zwei weitere Jahre Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen. Antje Radcke ersetzte den scheidenden Jürgen Trittin.
Gunda Röstel (l) blieb für zwei weitere Jahre Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen. Antje Radcke ersetzte den scheidenden Jürgen Trittin. Von 1998 bis 2000 wurde die Partei damit von zwei Frauen an der Spitze geführt. © Sven Simon/imago-images
Fritz Kuhn und Renate Künast wurden zu Sprecher und Sprecherin des Bundesvorstands.
Im Jahr 2000 tauschten die Grünen ihr Führungspersonal komplett aus. Fritz Kuhn und Renate Künast wurden zu Sprecher und Sprecherin des Bundesvorstands. Ihre Amtszeit hielt aber nur ein Jahr bis 2001. © imago stock&people
Fritz Kuhn und Claudia Roth
Aus Bundesprechern wurden bei den Grünen im Jahr 2001 Bundesvorsitzende. Die ersten Beiden, die dieses Amt bekleideten, waren Fritz Kuhn und Claudia Roth. © Sven Simon/imago-images
Reinhard Bütikofer und Angelika Beer
Nur ein Jahr später der nächste Wechsel an der Spitze der Grünen. Reinhard Bütikofer und Angelika Beer rücken auf und bilden den Bundesvorstand der Partei von 2002 bis 2004. © imago-images
Claudia Roth als Vorsitzende der Grünen zurück - an der Seite von Reinhard Bütikofer
2004 kehrte Claudia Roth als Vorsitzende der Grünen zurück - an der Seite von Reinhard Bütikofer. Das Duo blieb bis 2008 im Amt. © Sven Simon/imago-images
Claudia Roth und diesmal Cem Özdemir das Führungsduo der Grünen
Claudia Roth blieb insgesamt bis 2013 im Amt. Ab 2008 mit neuem Co-Vorsitzenden: Cem Özdemir. © Jan Huebner/imago-images
Cem Özdemir blieb Parteivorstand. Von 2013 bis 2018 führte er die Grünen gemeinsam mit Simone Peter.
Cem Özdemir blieb Parteivorstand. Von 2013 bis 2018 führte er die Grünen gemeinsam mit Simone Peter. © Rüdiger Wölk/imago-images
nnalena Baerbock und Robert Habeck als Führungsduo den Vorstand der Grünen
Im Jahr 2018 übernahmen Annalena Baerbock und Robert Habeck als Führungsduo den Vorstand der Grünen. Nach dem Einzug der Grünen in die Bundesregierung legten sie ihre Ämter nieder und schlossen sich dem Kabinett von Bundeskanzlern Olaf Scholz an. © Chris Emil Janssen/imago-images
Omid Nouripour und Ricarda Lang
Es folgten Omid Nouripour und Ricarda Lang. Sie übernahmen den Vorsitz des Bundesvorstands der Grünen im Jahr 2022. Zwei Jahre später verkünden beide ihren Rücktritt als Reaktion auf zahlreiche Wahlschlappen ihrer Partei. Wer die Umweltpartei künftig führt, ist noch offen. © dpa

Ricarda Lang kritisiert Kanzler Olaf Scholz

Das „Problem“ sei allerdings gewesen, so Lang, dass man sich bei diesem Plan gegönnt habe, „ein paar Fragen auszusparen“. Eben mit dem Hintergrund, dass die Parteien bei Migration, Steuergerechtigkeit oder Wirtschaftspolitik in Teilen sowieso zu weit auseinander liegen. Lang verglich das einstige Vorhaben der Ampel mit einem Kartenhaus, das durch die Realität, wie durch die Wirtschaftskrise infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, zum Einstürzen gebracht wurde.

In einem Moment, in dem laut Lang keiner der Parteien mehr die Kraft gehabt habe, etwas Neues aufzubauen. Stattdessen seien nach Ansicht der Grünen-Politikerin alle in ihre eigenen Rollen verfallen: „Die FDP hat sich für Regierungsopposition entschieden, die SPD für Zweckoptimismus.“ Auf Kanzler Olaf Scholz (SPD) angesprochen, prangerte Lang außerdem an, er gaukle der Bevölkerung immer wieder vor, es sei alles gut, was in Zeiten der Krise aber schwer zu verkaufen sei.

Ricarda Lang (r., Grüne) versteht nicht, warum für Bundeskanzler Olaf Scholz (l., SPD) „alles gut“ ist. (Fotomontage)

Auch Habeck im Visier: Ricarda Lang hinterfragt Grünen-Partei wegen „Es tut uns leid“-Taktik

Aber auch mit den Grünen ging die Politikerin hart ins Gericht. „Wir haben in der Ampelregierung ein paar Fehler gemacht, die es leicht machen, uns in eine ideologische Ecke zu stellen.“ Unter anderem führte die Noch-Grünen-Chefin diesbezüglich das Heizungsgesetz und die Art und Weise der Atom-Debatte an.

So habe sich die Partei laut Lang selbst in eine Ecke „verkrochen“: „Wir stehen da drin und sagen: ’Es tut uns leid, wir wollen euch gar nicht auf die Füße treten, aber Habeck macht gute Instagram-Videos.’ Das ist keine politische Antwort auf diese Zeit.“ Um aus dieser Defensive wieder herauszukommen, fehle allerdings das Selbstbewusstsein, so Lang, die für die Regierung schwarz sieht. Denn letztlich sei der Ampel als Ganzes die „Zukunft abhandengekommen“.

Rubriklistenbild: © KreativMedia Press/Future Image/IMAGO

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