SPD-Politiker Michael Roth, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, dringt auf mehr militärische Unterstützung der Ukraine „in schwieriger Situation“.
Berlin in Deutschland - Die Chancen stünden dafür gut, Russland habe bereits hohe Verluste erlitten, sagte Roth dem TV-Sender "Welt". Allerdings sei auch die Ukraine derzeit "in einer ganz schwierigen Situation".
"Russland hat über tausend Panzer verloren, das sind mehr Panzer als Deutschland, Italien, Frankreich und andere Länder zusammen haben", sagte der SPD-Politiker weiter. Die Verluste für Russland seien immens "und deshalb dürfen wir jetzt nicht nachlassen". Es müsse der Ukraine "perspektivisch auch gelingen, russische Kräfte wieder zurückzudrängen".
Die bisher gelieferten schweren Waffen aus Deutschland hätten der Ukraine bei der Verteidigung geholfen, es sei jedoch nun weitere Unterstützung erforderlich, forderte Roth. "Die Ukraine kämpft weiterhin tapfer für Freiheit, für ihre territoriale Integrität und sie kämpft damit auch für unsere eigenen Werte", hob er hervor. "Und wir stehen in der Pflicht, sie weiterhin mit aller Entschlossenheit zu unterstützen."
Roth zeigte sich beeindruckt vom Verteidigungswillen der Ukraine: "Wir erleben ja an der dramatischen Situation in Donezk, dass die Ukraine für die Verteidigung zwar einen hohen Preis zu entrichten hat", sagte er unter Hinweis auf die hohe Zahl getöteter ukrainischer Soldatinnen und Soldaten. Bislang vermöge sich das Land aber gegen die russischen Angriffe zu verteidigen, auch wenn dies schwierig sei. bk/cha
Heilung für Kriegstraumata
Mindestens 5000 Zivilisten sind im Krieg in der Ukraine bisher ums Leben gekommen. Noch weit mehr haben Verletzungen davongetragen - körperliche, aber auch seelische. In Kiew haben Therapeuten nun eine Klinik eröffnet, die sich um die psychischen Kriegsfolgen kümmert.
Einer der ersten Patienten ist Jurij Makejew, den der russische Angriff an den Rand eines psychischen Zusammenbruchs brachte. "Als der Krieg ausbrach, habe ich gleichzeitig meine Unterkunft und meinen Job verloren", sagt der 48-Jährige, der als Zeitschriften-Redakteur in Kiew arbeitete. Für Makejew ist es bereits die zweite Kriegserfahrung. 2014 musste er aus seiner Heimatstadt Donezk im Osten fliehen, als sie von pro-russischen Separatisten eingenommen wurde.
"Was damals passierte, wollte ich nicht nochmal erleben", sagt er. "Aber ich habe es noch einmal erlebt." Kurz nach der Invasion schloss seine Redaktion und auch das Hostel, in dem er lebte, machte dicht. Ohne Arbeit konnte er sich keine neue Wohnung leisten. "Da kamen viele Faktoren zusammen und ich stand unter Dauerstress", berichtet Makejew. "Ich musste dringend etwas dagegen unternehmen." Makejew erzählt seine Geschichte im ruhigen Hof der im Juni eröffneten Klinik für psychologische Rehabilitation.
"Es gibt eine große Zahl von Menschen mit post-traumatischen Belastungsstörungen", sagt Denys Starkow, der als Psychologe in dem Krisenzentrum arbeitet. Er sitzt in einem großen hellen Gruppenraum: hinten Stuhlreihen, vorne ein Flipchart mit bunten Stiften. Wochen in Luftschutzkellern, der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Vertreibung von zu Hause können Psychologen zufolge zu Stress und Frustration führen, die allein nicht mehr zu bewältigen sind.
Die Nachfrage nach Therapien sei groß, sagt Starkow. "Die Psychologen sind mit solchen Klienten überlastet, und so kam die Idee für die Klinik auf ", erzählt er. "Denn wenn die post-traumatische Belastungsstörung nicht rechtzeitig behandelt wird, nimmt sie schwerere Formen an", sagt Starkow.
Der Psychologe bietet einen speziellen dreiwöchigen Kurs für Menschen an, die unter Angstzuständen, Panikattacken oder schmerzhaften Erinnerungen leiden, die hauptsächlich in Gruppensitzungen bearbeitet werden. Die Patienten sollen ihre traumatischen Erfahrungen verstehen und lernen, wie sie sie bewältigen können. Das Angebot ist kostenlos und richtet sich nur an Zivilisten - Soldaten werden in der Klinik nicht therapiert.
Vor dem russischen Angriff diente das dreistöckige Gebäude am Stadtrand als Krankenhaus für Alkohol- und Drogenabhängige. Jetzt kümmert sich ein Team von sieben Psychologen um die seelischen Kriegswunden.
Im Moment sind zehn Patienten in einem Kurs, wie Oleg Olischewsky, der Leiter des Programms, erklärt. Bald sollen es 30 Teilnehmer sein. Olischewsky geht davon aus, dass es lange dauern wird, die Kriegstraumata zu bewältigen. "In den nächsten zehn bis 15 Jahren wird dies der Hauptarbeitsbereich sein, da jeder Einwohner unseres Landes diese traumatische Situation erlebt", sagt er.
Dennoch sind Olischewsky und sein Team optimistisch. "Wir sehen bereits Ergebnisse. Die Menschen haben das Gefühl, dass sie hier sicher sind und dass man sich um sie kümmert", sagt er.
Auch Patient Makejew ist zuversichtlich - nach nur vier Tagen in der Klinik. "Ich gehe davon aus, dass ich hier emotional ausgeglichen weggehe. Ich habe neue Inspiration bekommen und Hoffnung, die ich schon verloren hatte", sagt er und lächelt. sp/cp