VonPeter Siebenschließen
Billig-Drohnen aus Russland sind neuerdings mit Sprengstoff beladen. Zuletzt stürzte ein solches Gerät in Litauen ab. Das alarmiert Experten.
Berlin – Sie sind unauffällig, leicht und vergleichsweise billig: Gerbera-Drohnen – preiswert aus Sperrholz und Schaumstoff konstruiert – entwickeln sich zu einem zentralen Element russischer Drohnen-Verbände im Krieg gegen die Ukraine. Ein Trend, der Experten alarmiert.
„In der Vergangenheit wurde sie nur als Aufklärungsinstrument und als Täuschkörper verwendet, flog dabei also Angriffen mit Geran-Drohnen, der russischen Shahed-Kopie, voraus, um die ukrainische Flugabwehr zu übersättigen“, erklärt Frank Sauer vom Metis-Institut für Strategie und Vorausschau an der Universität der Bundeswehr in München.
Neuerdings nutzt die Armee von Putin die Billig-Drohnen für andere Zwecke: „In letzter Zeit tauchen vermehrt Gerbera mit kleinem Sprengkopf auf, zwischen ein und fünf Kilogramm“, so Sauer. Erst vor wenigen Tagen war eine solche Drohne in Litauen aufgetaucht. Das Fluggerät stürzte über dem litauischen Militärgelände Gaiziunai nahe Jonava im Landesinneren ab, mit zwei Kilogramm Explosivstoff an Bord: Eine potenziell lebensbedrohliche Waffe.„Zwei Kilo Sprengstoff, das ist durchaus gefährlich“, sagt Nato-Experte Ulrich Kühn vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Uni Hamburg.
Putin-Drohne in Litauen: Angriffsversuch auf die Nato?
Ein ernster Angriffsversuch auf Nato-Gebiet? Immerhin: Litauens Regierung wandte sich nach dem Drohnen-Fund an Nato-Generalsekretär Mark Rutte mit der Bitte um „sofortige Maßnahmen zur Verbesserung der Luftverteidigungsfähigkeiten in Litauen“. Die zunehmende Häufigkeit ähnlicher Vorfälle stelle eine Bedrohung für die Sicherheit Litauens und des gesamten Bündnisses dar, schrieben Außenminister Kestutis Budrys und Verteidigungsminister Dovile Sakaliene in einem gemeinsamen Brief. Könnte ein solcher Vorfall den Bündnisfall auslösen, nach dem Nato-Mitgliedstaaten zur Unterstützung verpflichtet werden?
Experte Sauer stellt klar: „Bei der Gerbera-Drohne in Litauen handelte es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Irrläufer. Eine solche fehlgegangene Drohne ist kein bewaffneter Angriff.“ Es sei „nahezu ausgeschlossen“, dass man sich auf westlicher Seite deswegen in eine direkte Konfrontation mit Russland begeben würde. „Problematisch sind solche Irrläufer wie natürlich auch die permanente Ausspähung mit Drohnen, auch in Deutschland, selbstverständlich trotzdem“, so Sauer.
Nato-Bündnisfall kein Automatismus, selbst wenn Putins Drohnen mal über die Grenze kommen
Tatsächlich unterliegt die Erklärung des Nato-Bündnisfalls einem präzise festgelegten Verfahren. Zunächst tagt der Nordatlantikrat, in dem jeder Nato-Staat vertreten ist. Das Gremium entscheidet darüber, ob ein Bündnisfall besteht oder nicht. Nato-Experte Kühn erklärt es so: „Zugespitzt formuliert: Selbst wenn Russland eine Atomwaffe in Norwegen zündet, ist das nicht automatisch der Bündnisfall, sofern die Mitgliedstaaten ihn nicht als solchen einstufen.“ Überdies entscheidet jeder Staat individuell, ob und in welcher Form er den Nato-Partner unterstützt, beispielsweise durch Waffenlieferungen. Zum Truppeneinsatz ist niemand verpflichtet.
Könnte ein solcher Drohnen-Irrläufer es denn bis Deutschland schaffen? Dafür dürfte die Reichweite nicht ausreichen, so Frank Sauer. Ohne Zusatzlast komme die Drohne etwa 300 Kilometer weit. „Nach ukrainischen Angaben sogar weiter.“ Mit Traglast aber – also etwa mit Sprengstoff an Bord, reduziert sich die Reichweite auf etwa 100 Kilometer.
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