Russisches Militär rekrutiert Schwerverbrecher – sogar zu brutal für Wagner
VonKatja Saake
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Zu kriminell für die Wagner-Gruppe, gut genug für die russische Armee - Russland setzt im Ukraine-Krieg Schwerverbrecher in seinen Truppen ein.
Moskau – Die Söldnertruppe Wagner ist für ihr brutales Vorgehen im Ukraine-Krieg bekannt und dafür, in Strafkolonien neue Rekruten anzuwerben. Die russische Armee hat diese Mobilisierungsstrategie längst übernommen. Doch jetzt scheint sie sogar verurteilte Verbrecher anzuwerben, die die Wagner-Gruppe aufgrund der Schwere ihrer Vergehen ablehnen würde.
Russische Armee: Mörder und Vergewaltiger in Sturm Z-Truppe
In der „Sturm Z“- Einheit der russischen Armee kämpfen neben anderen ehemaligen Gefängnisinsassen offenbar auch schwer kriminelle Gewaltverbrecher, wie das unabhängige russische Onlinemedium Verstka ermitteln konnte. Anfang Mai hatten mehrere kremltreue Medien das 71. Garde Motorschützenregiment in einem von Russland besetzten Teil der ukrainischen Region Saporischschja besucht. Auf den vordersten Posten trafen die Reporter auf Soldaten der „Sturm Z“- Einheit. Verstka konnte durch die Analyse von Social-Media-Profilen und Gerichtsakten die Identität von mehreren Kämpfern, die in Saporischschja für die russische Armee im Einsatz sind, feststellen: Unter ihnen sind Mörder und Vergewaltiger.
In der „Sturm Z“- Truppe der russischen Armee sind ausschließlich ehemalige Gefangene organisiert, die vom Verteidigungsministerium angeworben wurden. Denn auch der russische Verteidigungsminister Schoigu war nach dem Modell der Wagner-Gruppe dazu übergegangen, Verbrecher in Gefangenenlagern in Russland für den Kriegseinsatz anzuwerben. Das Angebot: Durch einen sechsmonatigen Einsatz im Ukraine-Krieg können sich die Verurteilten einen Straferlass erwerben. Außerdem erhalten sie ein Soldatengehalt.
Sturm Z-Kämpfer zu kriminell für Wagner-Gruppe
Die Staatsduma und Wladimir Putin haben die Anwerbung von verurteilten Verbrechern für die russische Armee durch mehrere Gesetze ermöglicht. Allerdings wurden dabei einige Einschränkungen festgelegt – so dürfen beispielsweise Sexualverbrecher und wegen Terrorismus verurteilte Gefangene nicht in die russische Armee aufgenommen werden. Nachdem zunächst nur die Mobilisierung von Verurteilten mit geringfügigen und mittleren Straftaten erlaubt wurde, unterzeichnete Wladimir Putin im vergangenen November ein Gesetz, das auch die Aufnahme von Gefangenen, die schwere Gewalttaten verübt haben, erlaubte. Laut dem Gesetz durften auch Bürger mit „ungeklärten oder ausstehenden Verurteilungen wegen Mordes, Raubes, Diebstahls, Drogenhandels und anderer schwerer Verbrechen“ zum Militärdienst rekrutiert werden.
Und auch das russische Parlament hat am Dienstag (20. Juni) die Anwerbung von Straftätern legalisiert. Durch den Einsatz im Ukraine-Krieg können nach dem neuen Gesetz Täter mit geringen und mittelschweren Verbrechen von der Strafverfolgung befreit werden. „Die Gültigkeit des Dokuments erstreckt sich nicht auf diejenigen, die zuvor wegen terroristischer und extremistischer Handlungen verurteilt wurden sowie wegen Vergehen gegen die sexuelle Unantastbarkeit von Minderjährigen“, verkündete die russische Staatsduma dazu einschränkend auf ihrer Internetseite.
Unabhängig von diesen Gesetzesvorgaben haben die Kämpfer der „Sturm Z“- Einheit der russischen Armee in Saporischschja, deren Identität Verstka ermitteln konnte, eine Gewaltvergangenheit, wegen der sie noch nicht einmal bei der für ihre Brutalität bekannte Wagner-Söldnertruppe angenommen worden wären. Denn auch diese nimmt keine verurteilten Sexualverbrecher auf, wie russische Medien berichteten und auch auf einer Rekrutierungsseite der Privatarmee verkündet wird. Die Reporter in Saporischschja trafen in der „Sturm Z“- Einheit der russischen Armee hingegen auf Mörder und Vergewaltiger.
Mörder und Vergewaltiger ist stellvertretender Kompaniechef
Der stellvertretende Kompaniechef vor Ort ist laut Verstka-Recherchen ein 38-jähriger Mann namens Pawel Aljochin, der wegen Mordes an einer 91-jährigen Frau im Dezember letzten Jahres zu 26 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Zuvor war er bereits wegen Vergewaltigung straffällig geworden. Aufgrund seines Sexualdeliktes hätte die Wagner-Gruppe ihn nicht aufgenommen - anders als das russische Militär. Aljochin soll laut Verstka im Januar 2022 als Taxifahrer gearbeitet haben und einer 91-jährigen Frau geholfen haben, Sachen in ihre Wohnung zu tragen. Nachdem er erfahren habe, dass die Frau allein lebte und ihre Ersparnisse in der Wohnung aufbewahrte, habe er sie mit einer Glasflasche auf den Kopf geschlagen, erdrosselt und bestohlen.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Ein äußerst brutales Verbrechen – und nicht das einzige. Aljochin war zuvor bereits mehrfach wegen Gewalttaten, Sachbeschädigung und eines Raubüberfalls verurteilt. 2008 hatte er eine Frau auf dem Gelände einer Betonfabrik vergewaltigt. Den Reportern der russischen Medien berichtete er in Saporischschja, dass Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums in sein Gefangenenlager gekommen seien und ihn und andere Insassen für das Militär angeworben hätten. Jetzt habe er eine Begnadigung, einen Sechsmonatsvertrag mit dem Verteidigungsministerium, das Gehalt eines „Angestellten des Verteidigungsministeriums“ und die Möglichkeit, eine staatliche Auszeichnung zu erhalten.
Sturm Z-Rekruten: In den Augen „ein Nebel von Mördern“
Verstka identifizierte auch den wegen Mordes verurteilten Oleg Batishchev als Kämpfer in der „Sturm Z“- Truppe in Saporischschja. Dieser hatte im Januar 2022 den neuen Partner seiner Ex-Freundin durch Schläge getötet. Seine Ex-Partnerin hatte vor Gericht ausgesagt, dass sie sich getrennt habe, da er sie in betrunkenem Zustand mehrfach körperlich angegriffen habe. Die militärischen Befehlshaber in Saporischschja scheinen jedoch sehr zufrieden zu sein mit ihren neuen Rekruten: „Ihre Denkweise ist militarisierter als die der Mobilisierten“, sagte der stellvertretende Kommandeur des 71. Regiments, Oleg Panchurin, den russischen Medien.
„In den Augen liegt ein Nebel von Mördern“. Es sei „angenehmer, mit ihnen zusammenzuarbeiten“, so Panchurin. Auch für die Vergangenheit seiner neuen Rekruten zeigt er Verständnis: „Es ist klar, dass jeder im Leben aus irgendeinem Grund stolpert. Aus verschiedenen Gründen. Jeder hätte an diesem Ort sein können“.
Die Leiterin der NGO „Russland hinter Gittern“, Olga Romanova, sagte gegenüber Vestka, dass das russische Verteidigungsministerium bereits 15 000 Gefangene angeworben habe - gefährliche Kriminelle, die zu regulären Soldaten in der Armee würden. Nach ihrem Einsatz können sie dann als freie Menschen nach Russland zurückkehren. Experten erwarten bereits schwerwiegende Folgen für die russische Gesellschaft durch die vorzeitige Freilassung verurteilter Verbrecher. Die Wagner-Gruppe hatte bereits 32.000 Straftäter nach ihrem Einsatz entlassen, die sie in Gefängnissen angeworben hatte. (kasa)