Erste Analysen

Wie kam es zur Staudamm-Katastrophe in der Ukraine? Experten äußern neue Theorie

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Analysten haben nun erste Satellitenbilder des Kachowka-Staudamms ausgewertet und folgern: Fahrlässiges Verhalten der russischen Streitkräfte könnte zur Katastrophe geführt haben.

Cherson – Der Kachowka-Staudamm in Cherson könnte nicht durch einen Angriff, sondern die „kriminelle Fahrlässigkeit der russischen Streitkräfte“ zerstört worden sein - zu diesem Schluss kommt eine unabhängige Ermittlungsorganisation nach der Auswertung von Satellitenbildern. Der Staudamm-Bruch sei demnach nicht durch Explosionen verursacht worden. Vielmehr sei er die tragische Folge von Versäumnissen, die über Monate hinweg zu Schäden und schließlich zu der Katastrophe geführt hätten.

Analysten haben nun erste Satellitenbilder des Kachowka-Staudamms ausgewertet und folgern: Fahrlässiges Verhalten der russischen Streitkräfte könnte zur Katastrophe geführt haben.

Explosionen seien nicht die Ursache des Kachowka-Dammbruchs

Bislang hatten sich die Ukraine und Russland gegenseitig die Schuld für die Zerstörung des Kachowka-Staudamms zugewiesen. Die ukrainische Regierung zeigte sich überzeugt davon, dass Russland den Staudamm sprengen ließ, um die ukrainische Gegenoffensive im Ukraine-Krieg zu behindern. Selbst Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wurden wach. Experten hatten zudem weltweit über die mögliche Ursache der Katastrophe spekuliert. Einen Angriff von außen auf den Kachowka-Staudamm, wie durch einen Raketenbeschluss, hatten jedoch Experten, beispielsweise gegenüber der New York Times, als unwahrscheinlich eingeschätzt.

Die unabhängige Ermittlungsorganisation „Conflict Intelligence Team“ (CIT) aus Russland hat jetzt versucht, durch die Auswertung von Satellitenbildern von Sentinel, Planet und Maxar Klarheit in das Geschehen zu bringen. Die Organisation untersucht mithilfe öffentlich zugänglicher Daten Vorkommnisse rund um die Einsätze der russischen Armee. Jetzt hat sie Satellitenbilder des Kachowka-Staudamms aus dem vergangenen Herbst mit denen in den Tagen vor der Zerstörung verglichen. Ihr Schluss: Nicht willentlich verursachte Explosionen seien die Ursache des Staudamm-Bruchs, sondern Schäden, sie sich über Monate während des Ukraine-Krieges entwickelt hätten.

Kachowka-Dammbruch: Schleuse seit Monaten beschädigt

Explosionen seien demnach nicht die Ursache des Bruchs des Kachowka-Staudamms. Vielmehr seien diese durch Minen verursacht worden, die von den Wassermassen mitgerissen worden seien, schätzen die Analysten von CIT. Die Minen seinen jedoch bereits vor Monaten von der russischen Armee am Staudamm angebracht worden, so CIT. „Wir wissen aus der Vergangenheit, dass die Russen den Staudamm vermint haben. Das haben sie uns quasi wissen lassen“, sagte auch der Militärexperte Markus Reisner gegenüber dem NDR.

Die Analyse der Satellitenbilder des Kachowka-Staudamms habe laut CIT ergeben, dass bereits im vergangenen November beim Rückzug der russischen Streitkräfte Explosionen massive Schäden an den Schleusentoren hinterlassen hätten. Die Portalkräne, mit denen die Tore geöffnet werden, seien seit Mitte November 2022 nicht mehr bewegt worden. Bis zum 5. Juni hätten sie sich an derselben Stelle befunden, wie die Satellitenbilder laut CIT-Analysen zeigten. Die Analysten folgern daraus, dass „die russischen Streitkräfte seit dem 15. November den Wasserstand im Stausee in keiner Weise reguliert haben“.

Kachowka-Staudamm in der Ukraine gesprengt: Erste Fotos zeigen die schlimmen Folgen

Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.  © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt den beschädigten Kachowka-Staudamm in der Nähe von Cherson.
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt den beschädigten Kachowka-Staudamm in der Nähe von Cherson.  © dpa/Ukraine‘s Presidential Office
Dieses von Planet Labs PBC zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt einen Überblick über die Schäden am Kachowka-Damm im Süden der Ukraine.
Dieses von Planet Labs PBC zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt einen Überblick über die Schäden am Kachowka-Damm im Süden der Ukraine.  © dpa/Planet Labs PBC
Weitere Satellitenbilder zeigen die Zerstörungen.
Weitere Satellitenbilder zeigen die Zerstörungen. © dpa/Maxar Technologies
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt Wasser, das durch einen Durchbruch im Kachowka-Staudamm fließt.
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt Wasser, das durch einen Durchbruch im Kachowka-Staudamm fließt.  © dpa/Ukrainian Presidential Office
Das Turbinengebäude des Wasserkraftwerks Kachowka stürzt in Nowaja Kachowka ein.
Das Turbinengebäude des Wasserkraftwerks Kachowka in Nowaja Kachowka stürzt laut russischen Meldungen ein. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka unter Wasser. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka unter Wasser.
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka unter Wasser.  © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass

Fahrlässiges Verhalten habe zu Kachowka-Dammbruch geführt

Die Schäden an den Schleusentoren hätten dann auch zu den starken Wasserstandsschwankungen der vergangenen Monate und einem Rekordwasserstand Ende Mai im Staubecken geführt, folgerten Analysten von CIT. Und auch auf die Flussstände in der Ukraine habe dies Auswirkungen gehabt. Nach starken Regenfällen und der Schneeschmelze war es im April zu Überschwemmungen in Land und der Hauptstadt Kiew gekommen. In dem Zusammenhang hatte der Leiter der Katastrophenschutzabteilung der Kiewer Verwaltung, Roman Tkachuk, bereits im April darauf hingewiesen, dass der Kachowka-Staudamm nicht funktionsfähig sei. Er könne „nicht im vollen technologischen Modus betrieben“ werden, was es schwieriger mache, den Wasserstand im Dnjepr aufrechtzuerhalten, hatte Tkachuk erklärt.

Nach Analysen des CIT haben Schäden am Staudamm, schließlich zum Bruch geführt. Auf einem Satellitenbild vom 2. Juni sei zu sehen, dass der Straßenabschnitt über den geöffneten Toren eingestürzt sei. Der Schaden habe sich dann in den folgenden Tagen weiter ausgeweitet und infolgedessen „stürzte der Damm in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni ein“, so CIT. „Zuerst brach das Wasser im Bereich der offenen Tore durch den Damm, und dann stürzte unter dem Druck des Wasserstroms ein Teil der Turbinenhalle ein.“ Entgegen Spekulationen um eine geplante taktische Zerstörung des Kachowka-Staudamms zur Vereitelung einer ukrainischen Gegenoffensive, könnte laut den Daten-Analysten also ein fahrlässiges Verhalten der russischen Streitkräfte zur Katastrophe geführt haben. (kasa)

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