VonStefan Schmidschließen
Der Ukraine-Krieg hat sich auch zu einer Materialschlacht entwickelt. Russland greift dafür vermehrt auf Sowjet-Bestände zurück und reaktiviert alte Panzer.
Ulan-Ude – Wladimir Putins russische Streitkräfte scheinen beim Angriff auf die Ukraine immer mehr auf bereits veraltetes Material zurückgreifen zu müssen. Nach Recherchen von The Moscow Times wurden seit Beginn des Überfalls im größten Materiallager für stillgelegtes Gerät über 1500 Panzer reaktiviert oder für die weitere Verwertung ausgeschlachtet. Das alte Gerät scheint jedoch fehleranfällig und teilweise defekt an die Front geliefert zu werden.
Militärlager in Sibirien großflächig geräumt
Laut den Recherchen unterhält Russland über zwei Dutzend Lager zur Aufbewahrung von ausrangiertem militärischen Gerät, welches nun wohl wieder nutzbar gemacht werden soll. Das größte dieser Lager befindet sich in der Nähe von Ulan-Ude, der Hauptstadt der russischen Republik Burjatien. Dort sollen vor dem Ukraine-Krieg circa 3.840 gepanzerte Fahrzeuge aus der Zeit der Sowjetunion gelagert worden sein und zum Großteil auf ihre Entsorgung gewartet haben. Zum Großteil handelte es sich hierbei nach Aussagen von Militärexperten um T-62-Panzer, die zwischen 1962 und 1975 hergestellt wurden.
Doch statt zur endgültigen Demontage gebracht zu werden, werden die Panzer nun wieder für den Einsatz aufbereitet. Schon im November 2022 waren nur noch 2.600 Panzer auf dem Gelände zu erkennen, im Mai dieses Jahres ist die Zahl dann auf 2.270 gesunken. Die jetzt vonstatten gehende Reaktivierung zur Kriegsnutzung war dabei wohl schon länger in die Überlegungen von Wladimir Putin eingepreist. Schon 2017 begründete der russische General Alexander Schewtschenko den Rückgang an Panzerdemontagen mit den „Veränderungen der internationalen Lage“.
Russland hat über 2000 Panzer verloren
Die Zahlen zeigen nicht nur, dass Russland sich wohl schon während der ersten Kriegsmonate für einen längeren Verlauf gerüstet hat, sondern auch, dass die ukrainische Panzerabwehr Erfolg hat. Mittlerweile soll sich die Zahl der zerstörten russischen Panzer auf über 2000 belaufen, davon gehen nach eigener Angabe über ein Viertel auf das Konto der Spezialeinheit „Weißer Wolf“.
Jedoch müssen auch die ukrainischen Truppen seit dem Beginn der Gegenoffensive immer wieder größere Verluste an gepanzerten Fahrzeugen verbuchen. Wiederholt wurden Panzer in den russischen Minenfeldern zerstört und können von dort nicht geborgen werden, weil russische Truppen mithilfe von Drohnenangriffen die Abschleppversuche unmöglich machen. So ist auch die Ukraine darauf angewiesen, auf nicht mehr allzu modernes Kriegsgerät zurückzugreifen. Laut einem Militärexperten, der gegenüber The Moscow Times anonym bleiben wollte, wurde die Hälfte der gelieferten Nato-Waffen von 1950 bis 1960 hergestellt.
Defektes Material bringt russische Soldaten in Not
Wenn auch auf beiden Seiten vermehrt Material älteren Herstellungsdatums zum Einsatz kommt, scheinen die Lieferungen der Nato-Staaten an die ukrainischen Streitkräfte doch einsatzfähig zu sein. Anders wohl als das, welches aus den russischen Altbeständen an die Front geliefert wird. Ein russischer Kriegsgefangener berichtet im Interview mit dem ukrainischen Blogger Volodymyr Zolkin von wiederholten Fehlfunktionen der Panzer, die aus der Reparatur oder aus einem der Depots kommen. Teilweise würden die Panzer gar in einem so schlechten Zustand an die Front geliefert, dass sie überhaupt nicht einsatzfähig seien.
Es sind nicht die ersten Beschwerden über das eigene Militär, die von russischen Kriegsgefangenen zu hören sind. Mehrere Verhöre haben zutage gefördert, dass sich die Soldaten teils als Kanonenfutter fühlen. So beschwerten sie sich über fehlende Artillerieunterstützung und gaben an, dass sie trotz eindeutiger Niederlage auf ihren Posten weiter zum Kämpfen gezwungen wurden. (sch)
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