VonVivian Wergschließen
Russland droht immer wieder mit dem Einsatz von Atomwaffen: Doch welche Szenarien gibt es und welche Auswirkungen hätten sie?
Moskau – Wladimir Putins Drohungen mit Atomwaffen verwundern die internationale Gemeinschaft im Ukraine-Krieg kaum noch. Zu viele widersprüchliche Signale kamen bereits aus Moskau. Nun hat allerdings ein Gespräch im Kreml Spekulationen darüber angeheizt, dass Russland in der Planung eines Atomwaffen-Einsatz weit fortgeschritten sein könnte.
Wie die New York Times berichtet, fand kürzlich eine in Abwesenheit Putins geführte Diskussion, wann und wie Russland eine taktische Nuklearwaffe verwenden könnte, in Moskau statt. Die US-Regierung zeigte sich nun alarmiert ob dieser Nachricht.
Ukraine-Krieg: Einsatz von Atomwaffen durch Russland nicht ausgeschlossen
James Acton, Co-Direktor des „Nuclear Policy Program“ bei der Carnegie Endowment for International Peace, sagte dem Nachrichtenportal Newsweek, es sei nicht unmöglich, dass Russland in Zukunft auf Atomwaffen zurückgreife. Er halte den Einsatz von Atomwaffen durch die russische Regierung kurzfristig für sehr unwahrscheinlich – liefen die Dinge jedoch schlecht für das Land, dann allerdings für möglich. Dennoch warnte er vor Spekulationen, was der erste russische Einsatz von Nuklearwaffen mit sich bringen könnte. Es gebe viele Unsicherheiten, so Acton weiter.
Mehrere Szenarien wären theoretisch denkbar. In der Reihenfolge der Eskalationsstufen wären dies:
- Ein unterirdischer Atomtest in Russland
- Ein oberirdischer Atomtest in Russland
- Ein Demonstrationsabschuss über internationalen Gewässern, wie dem Schwarzen Meer
- Die nächste Stufe wäre ein Demonstrationsabschuss über einem dünn besiedelten Teil der Ukraine und der stärkste Schritt wäre der Einsatz auf dem Schlachtfeld gegen ukrainische Streitkräfte.
Er behaupte nicht zu wissen, was von dem Genannten am wahrscheinlichsten sei, betonte Acton im Gespräch mit Newsweek. Es seien sogar noch gravierende Optionen möglich, wie etwa Angriffe auf Kiew oder sogar die Vereinigten Staaten – für einen Ersteinsatz sei das aber eher unwahrscheinlich.
In jedem Fall wäre das Ziel, selbst bei einem Einsatz auf dem Schlachtfeld, nicht etwa einen taktischen Vorteil zu erzielen, sondern die Ukraine und insbesondere ihre Partner in Angst und Schrecken zu versetzen, damit sie nachgeben oder Zugeständnisse machen. Russland verfolge eine Abschreckungsdoktrin der Eskalation bis zur Deeskalation, erklärte Acton im Interview.
Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine: So könnten sie eingesetzt werden
Das „United States Institute of Peace“ urteilte im Oktober, eine Option für Russland könne darin bestehen, öffentlich eine Atomwaffe näher an die Ukraine zu verlegen oder eine taktische Atomwaffe vor der Küste als „Demonstrationsschlag“ zu zünden.
Schätzungen des Pentagons zufolge verfügt Russland über bis zu 2000 taktische Atomwaffen, die eine geringere Sprengkraft und Reichweite haben als die Sprengköpfe auf ballistischen Interkontinentalraketen. Sie wurden noch nie in einem Gefecht eingesetzt, aber könnten auf verschiedenste Weise benutzt werden. Unter anderem durch Raketen oder Artilleriegeschosse. Dies könnte es Moskau ermöglichen, die Situation zu „deeskalieren“ und Putin verhelfen, seine Streitkräfte in der Ukraine zu halten, um den Sieg zu erklären.
Einige Analysten haben einen Angriff über dem Schwarzen Meer vorhergesagt. Doch Patricia Lewis, Forschungsdirektorin für internationale Sicherheit bei der Londoner Denkfabrik „Chatham House“, hält das für unwahrscheinlich. Dies würde Russlands eigene Flotte gefährden, sagte sie Newsweek. Ihre Sichtweise der Dinge erläuterte sie dem Nachrichtenportal wie folgt:
- Es bestehe keine Notwendigkeit für Moskau, durch einen Demonstrationsschlag eine Botschaft über seine nuklearen Fähigkeiten zu senden. Man wisse bereits, dass das Land dazu in der Lage ist.
- Was einen Schlag auf dem eigenen Territorium in der Ukraine betrifft, so könnte Russland das zum Beispiel in einer Stadt tun, die es gerade evakuiert. Das könne allerdings innenpolitische die Frage aufwerfen, warum der Kreml sein eigenes Territorium bombardiert. Denn: Das Problem mit Atomwaffen sei, dass sie ungeachtet ihrer Größe und Sprengkraft sie immer ein radioaktives Chaos hinterließen.
- Eine weitere Option bestehe darin, eine Atomwaffe in einem ländlichen Gebiet weiter westlich in der Ukraine zu zünden, unter dem Vorwand, eine vermeintliche nukleare oder biologische Waffenanlage anzugreifen – unter der Behauptung, schnelles Eingreifen sei nötig gewesen, um Schlimmeres zu verhindern. Daraufhin würde eine Kampfpause folgen und der Ansatz der Nato, nicht in gleicher Weise zu reagieren, würde Russland ermöglichen, alle zu verängstigen.
G7 warnt: Im Falle eines Einsatzes von Atomwaffen mussMoskau mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen
Laut Pavel Podvig, in Genf ansässiger Analyst und Leiter des Forschungsprojekts „Russians Nuclear Forces“, sind die Streitkräfte in der Ukraine verstreut und mobil, sodass es keine geeigneten militärischen Ziele gibt. Ein Atomschlag als Demonstration wäre denkbar, dann aber stelle sich die Sinnfrage. Ohne die Botschaft, dass man bereit sei, einen Angriff auf Städte und die Zivilbevölkerung folgen zu lassen, wäre diese Demonstration wirkungslos, so Podvig.
Am Freitag (4. November) warnten die Länder der G7, dass Moskau im Falle eines Einsatzes chemischer, biologischer oder nuklearer Waffen mit schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen habe. Allerdings ist für Podvig nach eigenen Angaben schwer vorstellbar, dass Putin seine Generäle zusammenruft und ihnen befielt, zehn- bis hunderttausende Menschen zu töten. (Vivian Werg)
