VonKathrin Reikowskischließen
Der Ukraine-Krieg wird von Putin auf eine neue Eskalationsstufe gehoben. Zwei Russlandkenner schildern bedrohliche Szenarien nach Teilmobilisierung und Scheinreferenden.
London/Berlin/Moskau - Wladimir Putins Teilmobilisierung im Ukraine-Krieg bewerteten einige deutsche Politikerinnen und Politiker als Zeichen der Schwäche. Wie sollen sich Deutschland und Verbündete im Ukraine-Krieg weiter verhalten? Mahnende Worte kommen unter anderem von SPD-Chef Lars Klingbeil, der vor einem Dritten Weltkrieg warnt.
Eine der wichtigsten Spekulationspunkte: Wie weit wird Wladimir Putin gehen? Was passiert nach den Scheinreferenden, die am Freitag im Osten der Ukraine begonnen haben? Zwei Kenner russischer Politik zeigen sich besorgt.
Putins Atomwaffendrohung: Österreichischer Russlandexperte warnt vor „Erklärungsnot“ des Kreml-Chefs
Eine Besorgnis gilt weiteren Eskalationen nach den Scheinreferenden: Wie ernst ist Putins Drohung mit Atomwaffen zu nehmen? „Die Annexionen, die sicherlich passieren werden, heben die Eskalationsstufe deutlich“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Damit steigt die Wahrscheinlichkeit für den Einsatz von Nuklearwaffen bei einer großen ukrainischen Gegenoffensive zur Zurückeroberung dieser Regionen“, so Gerhard Mangott, Politikwissenschaftler aus Österreich.
Zwar sei die annektierte Krim von der Ukraine angegriffen worden. Doch ein Vorrücken ukrainischer Infanterie auf Gebiete, die Russland als Staatsgebiet definiert, hätte eine andere Qualität, so der Experte. Er warnt in diesem Zusammenhang auch vor Nuklearwaffen. „Putin käme dann in Erklärungsnot, wie es sein kann, dass ukrainische Truppen russisches Territorium besetzt halten.“
Gerhard Mangott
ist ein österreichischer Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Russland und Osteuropa.
Russischer Ex-Oligarch warnt, dass Putin die Nato-Grenze überschreiten könnte
Das Dilemma - Unterstützung der Ukraine, aber zu welchem Preis - ist nach Putins Schritten in der vergangenen Woche größer geworden. Vor Nachgiebigkeit warnt auch ein Ex-Oligarch, der einst zu Putins Umfeld zählte.
„Putin hat die Energielieferungen zur Waffe gemacht. Damit der Westen die Ukraine nicht mehr unterstützt“, meint Chodorkowski. Das sollte für den Westen aber nicht dazu führen, sich darauf einzulassen und die Ukraine weniger zu unterstützen. „Geht der Westen darauf ein, steht Putin morgen an der Nato-Grenze. Und ich habe keinen Zweifel, dass er sie übertreten wird aus innenpolitischen Gründen“, so Chodorkowski im Interview mit der Welt.
Michail Chodorkowski
ist ein ehemaliger russischer Oligarch, der nach einer Haftstrafe in Russland seit 2013 im Exil in London lebt und sich gegen die Politik von Wladimir Putin stellt.
Für einen weiteren Eskalationsschritt sieht Chodorkowski allerdings keine Gefahr. Vor einer Generalmobilmachung werde Putin nach Einschätzung des Ex-Oligarchen weiterhin zurückschrecken. „Denn sie bedeutet, den normalen Bürgern Waffen zu geben. Das hat in der russischen Geschichte mehrfach zu einem Regimewechsel geführt.“ Letztendlich könne Putins Herrschaft nur mit Gewalt - aus dem Inneren oder von Außen - beendet werden, so Chodorkowski. (kat)
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