Putin stationiert wohl Nuklearbomber nahe norwegischer Nato-Grenze
Der Militärflugplatz Olenja nahe der norwegischen Grenze spielte bereits im Kalten Krieg eine Rolle, nun stockt Kremlchef Wladimir Putin dort offenbar sein Arsenal auf.
Olenja - Der Himmel über dem Militärflugplatz Olenja im äußersten Nordwesten Russlands war am 7. Oktober wolkenlos. Dem US-amerikanischen Satellitenbetreiber Planet gelangen deshalb gestochen scharfe Bilder der Flugzeuge, die Wladimir Putin offenbar kurz vor der norwegischen Grenze stationiert hat. Sieben Atombomber des Typs Tu-160 Blackjack und vier Tu-95 Bear-H stehen laut einem Bericht der norwegischen Faktencheck-Seite Faktisk vom Montag nun in der Nähe von Nato-Staatsgebiet.
Ukraine-Krieg: Putin stockt Arsenal auf Luftwaffenstützpunkt Olenja offenbar auf
Der Luftwaffenstützpunkt Olenja sollte der damaligen Sowjetunion während des Kalten Krieges als Sprungbrett für die Tu-95-Bomber gegen die USA dienen. Im Ukraine-Krieg rückte der Militärflugplatz auf der Halbinsel Kola im September kurzzeitig wieder in die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Die israelische Zeitung The Jerusalem Post veröffentlichte Satellitenbilder, auf denen vier Tu-160-Flugzeuge und drei Tu-95 im August und September zu sehen waren. Der strategische Bomber Tu-160 mit dem Nato-Codenamen „Blackjack“ hat interkontinentale Reichweite, fliegt in doppelter Schallgeschwindigkeit und kann mit konventionellen, aber auch mit nuklearen Gefechtsköpfen bestückt werden. Pro Stunde legt der wohl größte Bomber der Welt bis zu 2.200 Kilometer zurück.
Putin stockte sein Arsenal in Olenja nun offenbar auf, denn die von Faktisk verifizierten Satellitenbilder zeigen bereits sieben Atombomber des Typs Tu-160 und vier Tu-95 Bear-H auf dem Militärflugplatz. „Zwei Tage später zeigte ein weiteres Foto einen der Tu-160-Bomber startbereit auf der Landebahn“, so der Bericht der norwegischen Faktenchecker weiter. Eigentlich sind die nun in der nordwestlichen Region Russlands verorteten Flugzeuge auf dem Militärflugplatz Engels in der Oblast Saratow südöstlich von Moskau stationiert.
Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung
Ukraine-Krieg: Experten bestätigen offenbar Einsatz und Training mit strategischen Bombern
Weder das norwegische Verteidigungsministerium, noch der Verfassungsschutz bestätigten die Erkenntnisse gegenüber Faktisk zunächst. „Gemeinsam mit unseren nationalen und internationalen Partnern beobachten wir die Lage kontinuierlich“, sagte Oberstleutnant und Sprecher der norwegischen Bundeswehr Per Espen Strande.
Der Luftwaffenexperte Lars Peder Haga ist indes der Meinung, dass es sich zweifelsfrei um die Flugzeuge des Typs Tu-160 und Tu-95 handele. „Der Einsatz und das Training mit strategischen Bombern ist an sich eine Form der nuklearen Abschreckung, also kann dies [...] als Teil von Putins Atomwaffendrohungen gelesen werden“, zitierte Faktisk den Experten und außerordentlichen Professor an der norwegischen Luftwaffenschule. Möglicherweise sollten die Flugzeuge aber auch Raketen aufnehmen, so Haga. Andererseits könnte es sich aber auch um eine Entlastung des Luftwaffenstützpunkts Engels handeln, auf dem die Bomber üblicherweise stationiert sind. Dieser befindet sich in der Nähe der ukrainischen Grenze.
„Dass die Flugzeuge dort stationiert sind, ist Teil von Putins Abschreckung“, glaubt die Expertin und Professorin am Institut für Verteidigungswissenschaften, Katarzyna Zysk. Damit wolle der Kremlchef die nukleare Abschreckung und die Drohungen unterstützen und glaubwürdig machen. Sie stellte gegenüber Faktisk auch fest, dass die strategischen Bomber seit 2007 gelegentlich in Kola stationiert seien.
Strategischer Bomber Tu-160 kam im Ukraine-Krieg bereits zum Einsatz
Ein strategischer Bomber des Typs Tupolew Tu-160 mit einem Tankflugzeug des Typs Iljuschin Il-78 und ein Abfangjäger des Typs Mikojan MiG-31BM fliegen in Formation während einer Übung zum 77. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg (7. Mai 2022).
Die strategischen Bomber sind offenbar auch in der Ukraine im Einsatz. Der ukrainische Generalstab erklärte am Dienstag (11. Oktober), dass russische Streitkräfte fast 30 Marschflugkörper von Flugzeugen des Typs Tu-95 und Tu-160 abgefeuert hatten und kritische Infrastruktur in den Oblasten Lemberg, Winnyzja, Dnipropetrowsk, Donezk und Saporischschja beschädigten, wie die US-Kriegsexperten der Denkfabrik Institute for the Study of War berichteten. Erstmals in einem bewaffneten Konflikt kamen die russischen Flugzeuge im Jahr 2015 in Syrien zum Einsatz.
Unter dem Namen „Grom“ (zu Deutsch: Donner), führt die russische Armee jedes Jahr Übungen seiner Nuklearstreitkräfte durch. Im Jahr 2020 fand Grom beispielsweise im Dezember statt, die Übungen des Jahres 2021 verschob Putin auf Februar 2022 kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs, was Experten als Warnung an den Westen interpretierten. Die jetzigen Aktivitäten auf dem Militärflughafen Oljena könnten auf die russische Atomübung hindeuten, sagte der Militärexperte Haga zu Faktisk. Auch die Professorin Zysk ging davon aus, dass der Einsatz im Zusammenhang mit den bevorstehenden Übungen gesehen werden könnte.
Im September 2018 war es bei Übungen zu einem Zwischenfall mit einem Tu-160 Bomber gekommen, die im Überwachungsgebiet der Nato nahe des Baltikums unterwegs gewesen waren. Belgische und deutsche Kampfjets fingen den russischen Überschallbomber ab.