VonErkan Pehlivanschließen
Russisches Öl wird mit sogenannten „Geisterschiffen“ durch die Welt transportiert und landet trotz Sanktionen unbemerkt in Europa.
Kuala Lumpur - Seit dem europäischen Embargo gegen russische Ölexporte versucht Russland das Verbot zu umgehen. Alte Tanker führen auf offener See Umladungen von einem Schiff zum anderen durch. Ihr Ziel ist Asien, aber das Rohöl wird manchmal nach seiner Raffinierung nach Europa eingeführt. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen Recherche der französischen Zeitung Le Monde.
Geisterschiff verursacht beinahe Umweltkatastrophe
Ein solches Schiff hätte beinahe eine Umweltkatastrophe verursacht. Am 1. Mai ereignete sich vor der Küste Malaysias auf der „Pablo“ eine Explosion. Dabei wurde ein Teil des rostigen Rumpfes des Schiffes weggesprengt. Das Schiff kann bis zu 700.000 Barrel Öl fassen. Der Tanker hatte gerade seine Ladung in China entladen, wodurch eine Katastrophe vermieden werden konnte. Zwei der 28 Besatzungsmitglieder gelten seitdem als vermisst. Das Schiff hatte ursprünglich ein hochgradig umweltschädliches Schweröl transportiert, das vor allem in Asien als Kraftstoff oder zur Stromerzeugung verwendet wird.
Später hatte die malaysische Küstenwache herausgefunden, dass das Schiff anno 2018 kurz vor der Abwrackung stand und in letzter Minute von einem indischen Spezialisten für Altschiffe gekauft wurde und es umbenannte. Das 28 Jahre alte Schiff wurde später in Gabun registriert. Das Land ist bekannt für seinen laschen Umgang von Vorschriften.
10 bis 20 Prozent Öltransporte auf See durch Geisterschiffe
Laut dem Blatt nimmt die Zahl der auf die Umgehung von Sanktionen spezialisierten Schiffe wie der „Pablo“ zu. Inzwischen machen die sogenannten Geisterschiffe 10 bis 20 Prozent der gesamten Transportkapazität der weltweiten Tankerflotte aus, die Zahl liegt also zwischen 300 und 600 Schiffen insgesamt. Auf hoher See schalten solche Geisterschiffe dann ihre sogenannten AUS-Transponder aus. Dabei handelt es sich um ein Navigationssystem, das Informationen über ihre Position und Geschwindigkeit sendet, um Umladungen zu verschleiern.
Eines der großen Probleme dabei ist auch die Haftung. Bei einem Unfall und einer daraus resultierenden Ölpest kommt keine Haftpflichtversicherung für die Rettung oder die Beseitigung von Umweltschäden auf. Auch die Eigentümer dieser Schiffe sind unauffindbar. Bei der „Pablo“ sei es eine auf den Marshallinseln registrierte Strohfirma.
Illegale Ölgeschäfte sehr lukrativ
Allerdings dürften diese illegalen Geschäfte weiter anhalten. Denn durch Sanktionen gegen Russland profitieren vor allem Händler. Daniel Tadros, ein Experte des Versicherers „The American Club“ erklärte dem Blatt gegenüber, wie das alles funktioniert: „Nehmen wir an, Sie sind ein Händler in Dubai und kaufen russisches Öl, mieten einen alten Tanker, um es nach Malaysia zu transportieren. Dann lagern Sie es dort einen Monat lang in einem Offshore-Tanker für eine Million Dollar. Danach laden Sie das Öl auf ein zweites, dann auf ein drittes Schiff um, fälschen die Dokumente für 100.000 Dollar und verkaufen das Ganze im Westen mit einem riesigen Gewinn weiter.“
Vor allem Indien bezieht immer Öl aus Russland. Bekam das asiatische Land vor dem Ukraine-Krieg zwei Prozent seines Öls von dort, so lag die Quote im Mai laut Le Monde bei 40,4 Prozent. Indien ist damit zum wichtigsten „Wäscher“ von russischem Öl geworden. Nachdem es im eigenen Land raffiniert worden ist, wird es in Form von Diesel oder Gasöl wieder exportiert. (Erkan Pehlivan)
