VonPatrick Mayerschließen
Regierung und Militär der Ukraine warnen eindringlich vor einer neuen Großoffensive der russischen Armee Anfang 2023. Die USA reagieren offenbar umgehend. Und auch Deutschland liefert.
München/Kiew - „Ich brauche 300 Kampfpanzer, 600 bis 700 Schützenpanzer und 500 Haubitzen.“ Der Satz klingt wie die Bestellliste einer Verteidigungsministerin oder eines Verteidigungsministers bei einem Rüstungskonzern. Er stammt aber von Walerij Saluschnyj, dem Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte.
Ukraine-Krieg: Kiew erwartet neue russische Großoffensive im Januar oder Februar
„Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie Kiew erneut angreifen werden“, sagte Saluschnyj im Interview mit der britischen Zeitschrift Economist: „Im schlimmsten Fall im Januar.“ Russland würde für eine neue Großoffensive Anfang 2023, ob im Februar oder schon im Januar, 200.000 neu rekrutierte russische Soldaten ausbilden, erzählte er, aber auch das ukrainische Militär bereite seine Reserven darauf vor.
Zeitgleich bat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videoansprache auf dem EU-Gipfel in Brüssel am Donnerstag (15. Dezember) eindringlich um die Lieferung moderner Panzer und Flugabwehr.
Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News zum Russland-Ukraine-Krieg
In einem Interview mit dem britischen Guardian erklärte wiederum der ukrainische Verteidigungsminister Oleksii Reznikov, dass sich Beweise dafür abzeichneten, dass der Kreml eine neue, breite Offensive vorbereite. Weder Diplomat Reznikov noch General Saluschnyj wollten sich auf die Stoßrichtung des erwarteten russischen Angriffs festlegen - aus dem Osten kommend, oder über Belarus aus dem Norden.
Ukraine-Krieg: Neue russische Großoffensive? USA planen spektakuläre Waffenlieferung
Eine neue Großoffensive mitten im bitterkalten Winter? Bittere, gar nicht so weit entfernte Realität? Während die Europäische Union (EU) noch verhandelt, reagieren die USA offenbar bereits. So erwägen die Vereinigten Staaten laut einem Bericht die schnelle Lieferung sogenannter „intelligenter“ Bomben an den Generalstab in Kiew und dessen Truppen, die gegen die russische Invasionsarmee aktuell vor allem im Donbass rund um Bachmut kämpfen.
Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie Kiew erneut angreifen werden.
Wie die US-amerikanische politische Tageszeitung Politico schreibt, erwägt Washington neben der Entsendung des Patriot-Raketenabwehrsystems auch die Lieferung anderer Waffen wie Joint Direct Attack Munition Kits, die ungelenkte Luftmunition in „intelligente“ Bomben umwandeln. Spektakulär: Dabei würde es sich wohl um Luft-Boden-Bomben handeln. Und diese müssen in der Luft freilich zu ihrem Ziel gebracht werden. Beim US-Militär geschieht dies unter anderem mit der mehrere Meter großen MQ-9 Reaper-Drohne. Solche unbemannten, extrem teuren und berüchtigten Kampfdrohnen (Deutsch: „Sensenmann“) hatten die USA der Ukraine bislang nicht zur Verfügung gestellt.
Ukraine-Krieg: USA wollen mehr ukrainische Soldaten in Deutschland schulen
Demnach könnten auch spezielle bodengestartete Bomben mit kleinem Durchmesser geliefert werden, die die Angriffsreichweite der Ukraine erheblich erweitern würden. Politico nennt als Quellen zwei nicht namentlich genannte US-Beamte sowie eine andere angeblich „mit der Angelegenheit vertraute Person“.
Damit nicht genug: Das Pentagon gab am Donnerstag (15. Dezember) offiziell bekannt, dass es die Ausbildung ukrainischer Soldaten auf einem US-Stützpunkt in Deutschland ausweitet. Das US-Militär schult derzeit monatlich mehrere hunderte Ukrainer, etwa im Umgang mit gelieferter Artillerie.
Derweil behauptet Kreml-Sprecherin Sacharowa, im Westen würde es zugehen wie bei George Orwells Dystopie „1984“.
Wegen befürchteter Großoffensive Russlands? Deutschland liefert Kiew Radhaubitzen
Der neue Plan würde die Ausbildung eines ganzen Bataillons von etwa 500 Soldaten pro Monat vorsehen. Das Training würde demnach beinhalten, wie Infanteriemanöver mit Artillerieunterstützung koordiniert werden können, erklärte Pentagon-Pressesekretär Brig. General Patrick Ryder laut Politico. Wo das genau geschieht? In den vergangenen Monaten hatte die US-Army bestätigt, ukrainische Soldaten auf dem Truppenübungsplatz im oberpfälzischen Grafenwöhr rund 70 Kilometer nordöstlich von Nürnberg auszubilden.
Im Oktober berichtete zudem die New York Times, dass ukrainische Streitkräfte künftig verstärkt im hessischen Wiesbaden ausgebildet werden sollen, wo das Hauptquartier des US-Heeres in Europa und Afrika stationiert ist. Und Deutschland? Offenbar verstärkt auch Berlin die Hilfe. Aus der Homepage „Militärische Unterstützungsleistungen für die Ukraine“ der Website der Bundesregierung geht hervor, dass die Bundesrepublik derzeit die Lieferung von 18 schweren Radhaubitzen RCH 155 vorbereitet oder bereits durchführt.
Im Video: Radhaubitze RCH 155 - diese schwere Artillerie liefert Deutschland der Ukraine
Dabei handelt es sich um eine hochmoderne Weiterentwicklung der selbst fahrenden Panzerhaubitze 2000 des deutschen Rüstungsunternehmens Krauss-Maffei Wegmann (KMW). Geplant sind ferner sieben weitere Flakpanzer Gepard und 42 (!) Minenräumpanzer, zum Beseitigen von Sprengfallen im Boden. Die Ukraine warnt, der Westen zieht nach. Und der Ukraine-Krieg geht ununterbrochen auf seinen Jahrestag am 24. Februar zu. (pm)

