Kampf an der „Null-Linie“

Russen-Offensive läuft: Ukraine-Soldat erzählt von Angst-Verbot

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An der Front gegen die russische Armee: Ein ukrainischer Soldat erzählt in einem Interview offen von Angst.
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Im Ukraine-Krieg läuft offenbar die nächste Offensive der russischen Armee. Ein ukrainischer Soldat erzählt, dass er keine Angst haben will - oder darf.

München/Luhansk - Der Kreml geht wohl militärisch wieder zum Angriff über: Die erwartete neue Großoffensive der russischen Armee rollt einer Analyse des US-Thinktanks „Institute for the Study of War“ (ISW) zufolge bereits.

Ukraine-Krieg: Russische Armee startet offenbar Offensive in Oblast Luhansk

Russische Streitkräfte hätten das Tempo beim Vormarsch im Oblast Luhansk „spürbar“ erhöht, schreibt das ISW in seinem täglichen Briefing zum Ukraine-Krieg. Signifikante Elemente von mindestens drei russischen Divisionen seien in das Gebiet verlegt worden, erklärte das ISW. Eine Division unterhält in der Regel 12.000 bis 18.000 Soldaten. Große Gebietsgewinne seien den Truppen von Moskau-Machthaber Wladimir Putin bisher aber nicht gelungen.

Schon in den vergangenen Tagen hatten die russischen Bombardements ukrainischen Militärangaben zufolge in der Oblast Luhansk extrem zugenommen, viele russische Soldaten seien in diesen Frontabschnitt verlegt worden. Just in dieser Gemengelage hat ein ukrainischer Kommandant in einem der seltenen Interviews von der Front von „Angst“ erzählt. Zeigen wolle er diese aber nicht. Oder darf er das nicht?

Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News zum Russland-Ukraine-Krieg

Der Schweizer Rundfunk (SRF) zeigte das Interview. Unter anderem ist es bei Twitter abrufbar. Wo das Gespräch genau geführt wurde, wird in dem Beitrag nicht erklärt. Ebenso wenig, wie der Kommandant heißt, der indes typische ukrainische Militärkleidung in Tarnmustern und mit Abzeichen trägt. Zudem sind das gesamte Interview über Granateinschläge und Gewehrsalven zu hören, weswegen es authentisch sein dürfte.

Ukraine-Krieg: Seltenes Interview von der Front - unter russischem Beschuss

„Gleich da drüben sind die russischen Linien. Bei dem Wäldchen dort“, erklärt der Kommandant von der „Null-Linie“, wie er seine Stellung nennt. Die Reporterin fragt: „Habt ihr Angst?“ Er antwortet nach einem kurzen Zögern recht deutlich: „Ja, sicher. Wir alle haben Angst. Immer. Auch ich habe Angst. Aber wenn meine Leute das sehen, sind sie beunruhigt. Also habe ich offiziell keine Angst.“

Mit Leuten meint er wohl die mit ihm in engen und winterlichen Schützengräben eingeteilten Soldaten, die teils auch zu sehen sind. Ein Angst-Verbot? Offenbar hat sich der Befehlshaber dieses selbst auferlegt.

Im Video: Ukraine-Soldat - „Nur wenn die Granate direkt im Graben einschlägt, tötet sie uns“

„Diese Gräben erhöhen unsere Lebenschancen unter russischem Beschuss enorm. Nur wenn die Granate direkt im Graben einschlägt, tötet sie uns“, erklärt der Kommandant weiter, während einer seiner Soldaten erzählt: „Das absolut Schrecklichste ist, wenn ihre Panzer vorstoßen. Dann geht alles sehr schnell. Wenn du eine Granate hörst, hast du ein bis zwei Sekunden, um dich zu verstecken.“

Kommandant erzählt von „Hass“ zwischen ukrainischen und russischen Soldaten

Die Reporterin will weiter vom Kommandanten wissen: „Respektieren sich die Kämpfenden gegenseitig? Oder gibt es nur Hass zwischen ukrainischen und russischen Soldaten?“ Er antwortet: „Nur Hass. Nichts weiter.“

Fakt ist: In den vergangenen Wochen sind die ukrainischen Streitkräfte im Osten des Landes vermehrt in die Defensive geraten. Der Generalstab in Kiew bestätigte unter anderem, dass das strategisch wichtige Soledar mit seinem Tunnelsystem aus Salzstollen gefallen sei. Zudem stünden die Verteidiger in Bachmut in der Region Donezk unter erheblichem militärischen Druck durch die russischen Angreifer.

Gerade in Soledar waren die Verluste für die ukrainischen Verteidiger laut verschiedenen Berichten hoch. Sie sind es insgesamt. „Unserer Einheiten wurden mehr oder weniger um fast die Hälfte erneuert. Wir haben nicht einmal Zeit, uns gegenseitig unsere Rufzeichen zu merken“, erzählte ein ukrainischer Soldat der 46. Luftwaffenbrigade Mitte Januar dem Nachrichtenportal Ukrainska Pravda. Er kämpfte demnach in Soledar.

Ukraine-Krieg: Hohe Verluste auf russischer und wohl auch auf ukrainischer Seite

Während der ukrainische Generalstab tagtäglich angebliche russische Verluste veröffentlicht, lassen etwa die Amerikaner keinen Zweifel daran, dass auch der Blutzoll der Ukraine hoch ist. „Sie haben es mit weit mehr als 100.000 getöteten und verletzten russischen Soldaten zu tun“, erklärte US-Armeegeneral Mark Milley bereits am 10. November. Gleiches gelte „wahrscheinlich für die ukrainische Seite“. Und die stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin Hanna Maljar schrieb kürzlich auf Telegram, dass die ukrainische Armee inzwischen zu großen Teilen nicht mehr aus Berufssoldaten, sondern aus zum Militärdienst eingezogenen Zivilisten bestehe.

Dennoch planen die ukrainischen Streitkräfte offenbar eine Gegenoffensive samt der Rückeroberung der durch Russland besetzten Krim. Einheiten dafür sollen aus Freiwilligen gebildet werden. Die Angst dürfte, aller Beschwichtigungen zum Trotz, auch sie im Kriegswirrwarr begleiten. (pm)

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