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Konfliktforscher Marc von Boemcken im FR-Interview über Bedeutung und Zukunft der „Wagner“-Gruppe – und ein fehlendes Statement der Bundesregierung.
Herr von Boemcken, am Wochenende hat „Wagner“-Chef Jewgenij Prigoschin einen Aufstand gegen Moskau versucht. Hat er sich verzockt?
Danach sieht es im Moment aus. Sicherlich ist es zu früh, um genau beurteilen zu können, welcher Deal geschlossen wurde und ob Prigoschin in Zukunft überhaupt eine Rolle spielen wird. Prigoschin hat sich offenbar einen anderen Ausgang erhofft, nämlich mehr Unterstützung durch die russischen Sicherheitskräfte.
Welche Rolle spielte die „Wagner“-Gruppe im Ukraine-Krieg?
Die „Wagner“-Männer waren oft an vorderster Front, viele sind getötet worden. Der Kreml konnte mit ihrem Einsatz die Verluste der eigenen Armee minimieren. Sie haben die Drecksarbeit gemacht und dem Kreml ermöglicht, etwa bei Kriegsverbrechen die eigene Verantwortung abzustreiten. Die Schattenseite ist, dass die Kontrolle über solche Kräfte gering ist und sie ihre eigene Agenda entwickeln können. Das haben wir jetzt gesehen.
Was bedeutet die Entwicklung für die „Wagner“-Gruppe, die in vielen Staaten der Welt aktiv ist? Sind diese Männer noch unter Prigoschins Kontrolle?
Prigoschin ist im Moment weg vom Fenster. Es ist ungewiss, ob er in Zukunft noch etwas zu sagen haben wird. Ich halte das für unwahrscheinlich. Teile der „Wagner“-Truppe, die in Russland und der Ukraine stationiert sind, sollen in die reguläre russische Armee eingegliedert werden. Im Ausland ist es schwieriger, etwa bei „Wagner“-Einsätzen in Mali oder Tschad. Wenn diese Kräfte in die russische Armee integriert würden, hieße das, dass Russland offiziell Militäreinsätze durchführt in Subsahara-Afrika. Das wäre eine neue Konstellation mit Risiken für Putin. Wenn er sie hingegen nicht in die russische Armee integrieren würde, würde der Kreml womöglich die Kontrolle über diese Kräfte verlieren.
Wie sollten wir im Westen mit der „Wagner“-Gruppe umgehen?
Die „Wagner“-Gruppe ist mit umfangreichen Sanktionen der EU belegt. Es ist verboten, die „Wagner“-Gruppe in Deutschland zu unterstützen. Das ist natürlich richtig. Die Gruppe begeht systematisch Kriegsverbrechen.
Wäre es richtig, die Gruppe auf die EU-Terrorliste zu setzen? Die Unionsfraktion hat das gefordert, die Ampel-Koalition sieht juristische Hürden dafür.
Mit einer gewissen juristischen Spitzfindigkeit könnte man sagen: Es sind keine Terroristen. Bedauerlich ist jedenfalls, dass der Bundestag es versäumt hat, zumindest ein symbolisches Statement abzugeben und die „Wagner“-Gruppe zu verurteilen.
Zu Person und Serie
Marc von Boemcken ist Leiter Forschung am Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC).
In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf drängende Fragen zum Ukraine-Krieg. Wir legen Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der FR entsprechen. FR
Alle Beiträge finden sich auch auf unserer Homepage unter www.fr.de/friedensfragen
In fast allen kriegerischen Auseinandersetzungen sind nicht-staatliche, teilweise kommerzielle Gruppen unterwegs. Was bedeutet das für die Entwicklung von Kriegen?
Bewaffnete Söldnertruppen waren schon immer in bewaffneten Auseinandersetzungen und Kriegen involviert. Das ist keine neue Entwicklung. Es bedeutet aber, dass durch den Einsatz dieser Truppen die Dynamiken von Kriegen unberechenbarer werden. Groß angelegte wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kriege, an denen sich private Militärfirmen beteiligen, intensiver geführt werden und das Risiko einer Konflikteskalation steigt.
Was ist damit gemeint, dass Kriege „intensiver“ werden?
Die Kampfhandlungen werden intensiver, so dass mehr Menschen dabei getötet werden.
Der Trend zu privaten Paramilitärs ist insbesondere seit den Einsätzen von Blackwater für die USA in Irak und Afghanistan zu beobachten. Wie unterscheiden sich diese Gruppen von der „Wagner“-Gruppe?
Der deutlichste Unterschied ist, dass „Wagner“ eingesetzt wurde für offensive Kampfhandlungen direkt an der Front. Blackwater und auch andere militärische Sicherheitsfirmen wurden etwa im Irak eingesetzt für den Schutz von Konvois oder militärischen Einrichtungen, also für defensive Einsätze. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die meisten Mitarbeiter dieser militärischen Sicherheitsfirmen professionelle ehemalige Angehörige meistens westlicher Militärs waren, die oftmals aus Eliteeinheiten kamen. „Wagner“ hat hingegen gerade für den Einsatz in der Ukraine hauptsächlich Strafgefangene rekrutiert, die an die Front geschickt wurden, wo sie reihenweise ums Leben gekommen sind. Ich würde diese Truppe eher als Miliz bezeichnen denn als private Militärfirma.
Was lässt sich tun, um diese Gruppen zu ächten und zurückzudrängen?
Es gab immer wieder Anläufe, ein international verbindliches Abkommen zur Regulierung zu erreichen. Das ist allerdings daran gescheitert, dass nicht genug Staaten daran interessiert waren. Alles, was es momentan gibt, ist ein Mechanismus für eine freiwillige Selbstverpflichtung von privaten Sicherheitsfirmen, sich an Mindeststandards des internationalen Rechts zu halten. „Wagner“ hat das natürlich nicht getan.
Interview: Pitt von Bebenburg

