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Russland „recycelt“ verwundete Soldaten – Kämpfer mit Krücken an der Ukraine-Front

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Russische Soldaten, die eigentlich operiert und beurlaubt werden müssten, stehen plötzlich wieder an der Front. Was hat es mit dem Phänomen auf sich?

Kiew - Immer wieder tauchen im Ukraine-Krieg vereinzelt Aufnahmen auf, die schockieren: Verwundete russische Soldaten schleppen sich auf Krücken oder im Rollstuhl durch ihr Kriegslager. In einem Bericht des Wirtschaftsmagazins Forbes heißt es, die Männer werden bei Angriffen sogar immer öfter in der ersten Reihe platziert und somit regelrecht „recycelt“ - eine Wortwahl, die verdeutlichen soll, wie wenig Wert einzelne Menschen in der russischen Kriegstaktik offenbar haben.

Ob derartige Aufnahmen aus den vergangenen Monaten echt sind, lässt sich bis heute nicht unabhängig verifizieren. In einigen der Videos melden sich russische Soldaten jedoch persönlich zu Wort: „Unser Kommandeur hat uns zum Stützpunkt gebracht und uns in Gruppen zu Kampfeinsätzen geschickt, obwohl alle hier operiert und im Krankenhaus behandelt werden müssen“, sagt ein Soldat in einem X-Video, das erstmals von der russischen Milbloggerin Anatasia Kashevarova auf Telegram veröffentlicht wurde.

„Zu Kampfeinsätzen geschickt, obwohl alle hier operiert und im Krankenhaus behandelt werden müssen“

Die Gruppe aus rund 50 Soldaten gehört laut eigener Aussage dem 26. Panzerregiment der 47. Division an. Trotz offiziellen Dokumenten aus Krankenhäusern erhalte man nicht die verpflichtete Beurlaubung, auch müssten einige Soldaten noch auf Zahlungen aufgrund ihrer Verletzung warten. „Nichts wird erfüllt“, sagt der Mann in die Kamera. „Das hier ist unsere letzte Chance“.

Weiter harte Kämpfe an der Ukraine-Front. Russland schickt dort auch Kämpfer auf Krücken.

Videos wie dieses kursieren immer wieder im Netz. In einem im März veröffentlichten Video sieht man auf Drohnenaufnahmen einen Soldaten, wie er sich aus dem Rollstuhl hieft und sich auf allen Vieren am Boden davon schleppt. Dabei stellen sich selbst die russischen Milblogger wie Kashevarova die Frage: Was hat es für einen Zweck, verwundete Soldaten an die Front zu schicken?

Es gibt verschiedene Ansätze, das Phänomen zu deuten. Ein Grund könnte die russische Taktik des „Fleischwolfs“ sein, die im Ukraine-Krieg immer wieder gemeldet wurde. Dabei geht es nicht um die Stärke der einzelnen Truppe, sondern ihre Masse. Aufgrund der hohen Anzahl an Soldaten sollen gegnerische Stützpunkte überrumpelt werden. Soldaten in den ersten Reihen, oftmals zu Fuß unterwegs, werden in dem Fall als „Beute“ für den Feind in Kauf genommen.

Russische Soldaten mit Krücken und Rollstuhl zurück an die Front: Inwiefern das Militär trotzdem profitiert

Der russische Milblogger „ChrisO_wiki“ vermutete gegenüber Forbes, dass die Aufnahmen von Kämpfern auf Krücken auf die zwanghafte russische Bürokratie zurückzuführen sind. „Jede Einheit muss eine bestimmte Anzahl an Männern haben, und wenn sie nicht genug Nachwuchs bekommen, müssen sie die Verwundeten ersetzen“, wird er zitiert. „Die russische Armee ist sehr bürokratisch und liebt es, sich an die Regeln zu halten.“

Wenn ein Soldat in der Lage ist, eine Waffe zu halten, könne er laut „ChrisO_wiki“ auch wieder an die Front geschickt werden. Er erwähnte im Gespräch mit Forbes ebenfalls die „Fleischwolf“-Taktik. Bei derart hohen Opferzahlen könnte man die Todesfälle einfacher in Statistiken verbergen, gab er zu bedenken. Kommandeure könnten nach außen vortäuschen, dass ihre Verluste niedriger sind, indem sie verletzte Soldaten zurück in den Kampf schicken. Diese zählen dann zunächst nicht als Verluste.

Russland feuert Raketen auf Kinderkrankenhaus in Kiew: Fotos zeigen erschütternde Szenen

Rauch über Kiew. Die ukrainische Hauptstadt wurde am Montag von mehreren russischen Raketen getroffen.
Rauch über Kiew. Die ukrainische Hauptstadt wurde am Montag von mehreren russischen Raketen getroffen. © Evgeniy Maloletka / dpa
Die Schäden nach dem russischen Angriff auf Kiew sind beachtlich, wie hier zu sehen im Lukianivska Bezirk.
Die Schäden nach dem russischen Angriff auf Kiew sind beachtlich, wie hier zu sehen im Lukianivska Bezirk. © Andreas Stroh / dpa
Das Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew wurde durch die russischen Raketen schwer getroffen.
Das Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew wurde durch die russischen Raketen schwer getroffen. Rettungskräfte und Zivilisten suchen nach möglichen Verschütteten. © Evgeniy Maloletka / dpa
Ein augenscheinlich verletzter Mann telefoniert nach dem schweren Angriff auf Kiew.
Ein augenscheinlich verletzter Mann telefoniert nach dem schweren Angriff auf Kiew. © dpa/AP | Efrem Lukatsky
Eine Frau kümmert sich um ein Kind vor dem von russischen Raketen getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew.
Eine Frau kümmert sich um ein Kind vor dem von russischen Raketen getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew. © Evgeniy Maloletka / dpa
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus zeigt, wie schwer die Raketen aus Russland die Klinik in der Ukraine verwüstet haben.
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus zeigt, wie schwer die Raketen aus Russland die Klinik in der Ukraine verwüstet haben. © Evgeniy Maloletka / dpa
Mit blutigem Gewand steht ein Krankenhaus-Mitarbeiter vor den Trümmern nach dem russischen Raketenangriff auf Kiew.
Mit blutigem Gewand steht ein Krankenhaus-Mitarbeiter vor den Trümmern nach dem russischen Raketenangriff auf Kiew. © IMAGO/Madeleine Kelly/ZUMA Press Wire
Rettungskräfte räumen die Trümmer nach dem schweren russischen Angriff auf Kiew vor der Kinderklinik.
Rettungskräfte räumen die Trümmer nach dem schweren russischen Angriff auf Kiew vor der Kinderklinik. © Evgeniy Maloletka / dpa
In der nähe des von einer Rakete getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses trägt ein Mann ein Kind aus der Gefahrenzone.
In der nähe des von einer Rakete getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses trägt ein Mann ein Kind aus der Gefahrenzone. © Evgeniy Maloletka / dpa
Nach dem schweren russischen Angriff auf die ukrainische Hauptstadt werden verletzte abtransportiert.
Nach dem schweren russischen Angriff auf die ukrainische Hauptstadt werden Verletzte abtransportiert. © IMAGO/Madeleine Kelly/ZUMA Press Wire
Kinder warten in der Nähe des Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses, das von russischen Raketen getroffen wurde.
Kinder warten in der Nähe des Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses, das von russischen Raketen getroffen wurde. © Evgeniy Maloletka / dpa
Vereinte Kräfte bei den Bergungsarbeiten: Retter tragen ein Stück des Daches am Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew weg.
Vereinte Kräfte bei den Bergungsarbeiten: Retter tragen ein Stück des Daches am Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew weg. © Evgeniy Maloletka / dpa
Ein Feuerwehrmann sitzt bei Rettungsarbeiten in Kiew nach dem schweren russischen Angriff im Schutt.
Ein Feuerwehrmann sitzt bei Rettungsarbeiten in Kiew nach dem schweren russischen Angriff im Schutt. © Aleksandr Gusev / dpa
Auch am Tag nach dem russischen Raketenangriff auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew gehen die Aufräumarbeiten weiter.
Auch am Tag nach dem russischen Raketenangriff auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew gehen die Aufräumarbeiten weiter. © IMAGO/Maxym MarusenkoNurPhoto
Nach dem russischen Angriff auf das Kinderkrankenhaus mussten die schwer kranken Kinder draußen vor der Klinik behandelt werden.
Nach dem russischen Angriff auf das Kinderkrankenhaus mussten die schwer kranken Kinder draußen vor der Klinik behandelt werden. © IMAGO/Maxym Marusenko/NurPhoto
In Kiew stehen Krankenhaus-Betten auf der Straße, um nach dem Angriff auf die Kinderklinik die Patienten weiter betreuen zu können.
In Kiew stehen Krankenhaus-Betten auf der Straße, um nach dem Angriff auf die Kinderklinik die Patienten weiter betreuen zu können. © IMAGO/Bahmut Pavlo/Ukrinform/Abaca
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus in Kiew zeigt, wie schwer die russischen Raketen die Klinik zerstört haben.
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus in Kiew zeigt, wie schwer die russischen Raketen die Klinik zerstört haben. © IMAGO/Ruslan Kaniuka/Ukrinform/ABACA
Medizinisches Personal und Freiwillige räumen Trümmer, suchen unter dem Schutt des Kinderkrankenhauses nach Opfern.
Medizinisches Personal und Freiwillige räumen Trümmer, suchen unter dem Schutt des Kinderkrankenhauses nach Opfern. © Anton Shtuka / dpa
Verzweiflung herrscht in Kiew. Nach dem Angriff auf die Kinderklinik suchen Erwachsene und Kinder Schutz in Kellern.
Verzweiflung herrscht in Kiew. Nach dem Angriff auf die Kinderklinik suchen Erwachsene und Kinder Schutz in Kellern. © Anton Shtuka / dpa

Müssen verletzte Soldaten zurück an die Front, um eine weitere Mobilisierung in Russland zu vermeiden?

Der Leiter des ukrainischen Zentrums für die Bekämpfung von Desinformation, Andriy Kovalenko, sagte gegenüber RBC-Ukraine im April, dass Russland Soldaten auf Krücken teils einschüchtert und alleine auf gefährliches Terrain vorschickt. Auf diese Weise werde versucht, die Feuerstellungen der ukrainischen Streitkräfte zu identifizieren.

Geht es letztendlich auch ein bisschen um die Propaganda im eigenen Land? Diese Theorie äußerte ein westlicher Beamter, der mit CNN unter der Bedingung der Anonymität über das sensible Thema sprach. Laut ihm sei der Einsatz verwundeter Soldaten ein Zeichen dafür, dass der Kreml Personalprobleme im Ukraine-Krieg ohne eine breitere Mobilisierung in den Griff bekommen will. Diese wäre vor allem in den städtischen Mittelschichten Russlands unpopulär, so die Einschätzung des Beamten. (nz)

Rubriklistenbild: © IMAGO / SNA + X / saintjavelin (Montage)

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