VonFrank Nordhausenschließen
Moskaus Konzern Rosatom baut im Mittelmeerraum mehrere neue Atomkraftwerke. Putins Regime macht damit nicht nur andere Autokraten von sich abhängig. Es befördert auch das Risiko der Verbreitung von Nuklearwaffen.
In Akkuyu an der Südküste der Türkei liegt die weltgrößte Baustelle eines Atomkraftwerks. Dort errichtet der russische Staatskonzern Rosatom vier Druckwasserreaktoren der Baureihe WWER-1200. Nach der Fertigstellung 2028 soll das 20-Milliarden-Dollar-Projekt etwa zehn Prozent des Strombedarfs der Türkei erzeugen.
Obwohl die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen sind, ließ der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan kurz vor den Präsidial- und Parlamentswahlen vom 14. Mai den ersten Reaktorblock feierlich einweihen. Per Videoschalte sprach Kremlchef Wladimir Putin: „Dieses Projekt trägt dazu bei, die facettenreiche Partnerschaft zwischen unseren beiden Staaten zu stärken.“
Analysten und Kritiker halten Rosatom-Projekte wie Akkuyu für Bausteine der russischen nuklearen Geopolitik, um den Raum zwischen östlichem Mittelmeer und Arabischem Golf langfristig in eine strategische Abhängigkeit zu treiben. So forderten Vertreter der „Zypern-Anti-Atom-Plattform“ aus über 50 Organisationen von beiden Seiten der geteilten Insel am Tag vor der Einweihung den sofortigen Baustopp von Akkuyu. Sie warnten nicht nur vor massiver Erdbebengefahr, sondern auch vor ökologischen Risiken. Rosatom sei die Umwelt gleichgültig, sagte die Istanbuler Atomkritikerin Pinar Demircan. Nur eines zähle: „Die Bedeutung für Russlands geopolitische Ziele in der Region.“
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Auf Jahrzehnte an Russland gebunden
„Es gibt kein anderes industrielles Infrastrukturprojekt, das zwei Länder so stark und so lange aneinanderbindet, wie ein Atomkraftwerk“, präzisiert der deutsche Atomexperte Mycle Schneider. „Russland finanziert den Bau durch Kredite und kann über Akkuyu in die Türkei hineinregieren.“ Nach dem Geschäftsmodell „Build-Own-Operate“ (BOO) sind Planung, Bau, Betrieb, Brennstoff, Abfallentsorgung für mindestens 60 Jahre fest in russischer Hand. Im Gegenzug zahlt die türkische Regierung 15 Jahre lang einen bestimmten Betrag je produzierter Kilowattstunde. Ankara umgeht so das Investitionsrisiko, hat gegenüber Rosatom aber auch wenig mitzureden.
Die Türkei begibt sich freiwillig in eine jahrzehntelange technologische Abhängigkeit – mit politischen Konsequenzen auch für den Westen. Rosatom besitzt das Monopol für die nuklearen Brennelemente der Reaktoren; ein Grund, warum die russische Atomindustrie bisher nicht von den Russland-Sanktionen erfasst wurde. Ungarn und Bulgarien betreiben Rosatom-Reaktoren; Konzerne aus den USA und anderen westlichen Ländern produzieren wichtige Komponenten für die russischen AKW.
Sanktionen gegen zwei russische Banken, die wesentlich an der Akkuyu-Finanzierung beteiligt sind, zeitigten keine erkennbare Wirkung. Laut Bloomberg hat Russland der Türkei sogar mindestens 15 Milliarden Dollar für Akkuyu überwiesen. Kredite, welche die klamme türkische Zentralbank zur Stabilisierung der Landeswährung Lira vor den Wahlen verwendete. Russische Kredite kommen auch bei weiteren Rosatom-Projekten in der Region ins Spiel:
- Ägypten: In El Dabaa am Mittelmeer westlich von Alexandria errichtet Rosatom seit Juni 2022 zwei Reaktorblöcke vom Typ WWER-1200, zwei weitere Blöcke sollen folgen.
- Iran: In Buschehr am Persischen Golf ist ein Rosatom-Reaktor vom Typ WWER-1000 seit 2011 in Betrieb. Ein zweiter Reaktorblock wird seit 2019 von Rosatom errichtet.
- Jordanien: In Qasr Amra nahe Amman waren zwei Reaktorblöcke vom Typ WWER-1200 nach dem BOO-Modell geplant, wurden aber 2018 wegen zu hoher Kosten gestoppt. Derzeit werden Pläne für zwei kleinere Rosatom-AKW erwogen.
- Saudi-Arabien: Für die möglichen Standorte Umm Huwayd oder Kor Duweihin am Golf nahe Katar erhielt Rosatom 2019 den Auftrag für eine Machbarkeitsstudie.
Die Bedingungen für die Kooperationen sind unbekannt
Welche politischen Verpflichtungen die Türkei und Ägypten gegenüber Russland möglicherweise eingegangen sind, ist ebenso intransparent wie Einzelheiten der Sicherheitsarchitektur. „Das ist ein Projekt zwischen Erdoğan und Putin, und was die miteinander ausgemacht haben, weiß keiner“, sagt der Atomexperte Schneider. „Ähnliches gilt für El Dabaa.“
Die Anrainerstaaten Griechenland und Zypern sind alarmiert; Zypern liegt nur 90 Kilometer von Akkuyu entfernt und wäre bei einem AKW-Unfall unmittelbar betroffen. Anfragen der griechischen Regierung in Ankara blieben unbeantwortet. Derzeit sehe man in der Region das größte Risiko in einer großflächigen radioaktiven Verseuchung, sagt der zyprische Energie- und Klimaexperte Theodoros Christoudias vom Cyprus Institute in Nikosia. „Doch wir haben absolut keine Informationen über die Sicherheit von Akkuyu und El Dabaa.“ Sein Institut entwickelt computergestützte Risikoanalysen für verschieden schwere Unfälle. „Die russischen AKW im Dreieck Türkei-Jordanien-Ägypten gefährden die Sicherheit des gesamten östlichen Mittelmeerraums“, sagt er.
Atomkraftwerke in einer konfliktreichen Region
Zudem gebe es nur wenige Regionen auf der Welt, die so intensiv und so oft von Kriegen und Terrorismus geplagt seien wie der Nahe Osten, so der Wissenschaftler. „In der Ukraine sahen wir, dass Russland sogar das AKW Saporischschja angegriffen hat.“ Während des iranisch-irakischen Kriegs flogen die Iraker 1987 mehrfach Luftangriffe auf die AKW-Baustelle in Buschehr; 2010 wurde das Computersystem des AKW mit dem Virus „Stuxnet“ angegriffen. 2017 behaupteten die jemenitischen Huthis, sie hätten das im Bau befindliche AKW Barakah in Katar mit einer Rakete attackiert.
Und dann sei da noch die Sache mit der Bombe, sagt Christoudias. Man habe es in der gesamten Region mit Autokraten zu tun, die ihre technologische Fortschrittlichkeit durch den Wunsch ausdrücken wollten, eine Nuklearmacht zu werden, obwohl billige Solarenergie im Überfluss vorhanden sei. Doch haben die Präsidenten der Türkei, Ägyptens und Saudi-Arabiens ihr Recht betont, ebenfalls Nuklearwaffen zu entwickeln, falls dies anderen Mächten in der Region gelinge.
„Energiesicherheit steht klar nicht im Vordergrund“, sagt Theodoros Christoudias. „Es geht um das Prestige, aber im Hintergrund steht auf lange Sicht auch der Wunsch, Atomwaffen zu bekommen. Und der erste Schritt zur Bombe ist der Aufbau einer zivilen Nuklearindustrie.“ Russland gehe mit seiner Atompolitik ein hohes Risiko ein.
