VonMarcus Giebelschließen
Droht ein Machtkampf zwischen Kreml und Geheimdienst? In Russland scheint angesichts der internen Gemengelage derzeit nichts unmöglich.
Moskau – In Russland sind Verhaftungen von Kreml-Kritikern nicht erst seit Beginn des Ukraine-Kriegs ein probates Mittel der Führung um Wladimir Putin. Dass jedoch mit Michail Poljakow der Administrator eines Kreml-freundlichen Telegram-Kanals festgenommen wurde, lässt zumindest vermuten, dass in Moskau derzeit ein noch rauerer Wind weht. Deutet sich womöglich sogar ein Machtkampf zwischen dem politischen Führungszirkel und dem Geheimdienst an?
Denn Poljakow, dem bis zu 15 Jahre hinter Gittern drohen, machte Karriere beim FSB. Dort fungierte er sogar als Offizier. War also ein hohes Tier. Nun wird ihm Erpressung in großem Stil vorgeworfen, wie das unabhängige russische Medium Mediazona berichtet. Er soll mit seinem Team von einem Unternehmen insgesamt 40 Millionen Rubel – rund 390.000 Euro – für die Löschung von unliebsamen Beiträgen auf Telegram verlangt haben, ist dem Telegram-Kanal Baza zu entnehmen. Die betreffenden Beiträge sollen von einem anderen Unternehmen stammen.
Russland und der FSB: Ex-Geheimdienstler Poljakow verhaftet - wegen Telgram-Kanal?
Unter anderem soll Poljakow selbst einen Telegram-Kanal mit dem Namen Kreml-Wäscherin geführt haben. Wie das unabhängige Investigativ-Portal Important Stories von einer Quelle erfahren haben will, überwachte der Ex-Geheimdienstler regierungsnahe Telegram-Kanäle im Einvernehmen mit Sergej Kirijenko, seines Zeichens stellvertretender Leiter der russischen Präsidialverwaltung.
Außerdem soll Poljakow mit Alexei Goreslavskij zusammengearbeitet haben. Dieser ist Leiter des ANO Internet Development Institute. Unter Goreslavskijs Führung werde die Kreml-Agenda in Medien und sozialen Netzwerken verbreitet. Folglich müsste auch Poljakow ganz in Putins Sinne agiert haben – und ist womöglich doch beim Präsidenten in Ungnade gefallen.
Laut Important Stories wird dem Ex-FSBler zur Last gelegt, ohne Zustimmung der Führung auf Kreml-freundlichen Telegram-Kanälen „Geschäfte zu machen“. Beobachter interpretieren den Vorgang bereits als Hinweis auf eine Eiszeit zwischen Kreml und Geheimdienst.
Russland und Telegram: Sprachnachricht von vermeintlichem Soldaten lässt aufhorchen
Braut sich da wirklich etwas zusammen? Eine Auseinandersetzung mit dem mächtigen FSB kann Putin nach den vielen Rückschlägen in der Ukraine und der mithilfe vom belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko gerade noch abgewendeten Meuterei der Wagner-Söldner nicht gebrauchen.
Zumal offenbar weiter die Befürchtung umgeht, Jewgeni Prigoschins Aufstand könnte in den eigenen Reihen Nachahmer finden. So zitiert die FAZ aus einer Sprachnachricht, die bei Telegram kursiert. Darin soll ein angeblicher Soldat klarstellen, dass seine Einheit ihre Stellungen verlassen würde, um ihrem General Michail Teplinski beizustehen, sollte diesem die Absetzung oder Schlimmeres drohen. Der Generaloberst kommandiert die russischen Luftlandetruppen, bereits im Januar hatte es Meldungen gegeben, der in der Ukraine geborene 54-Jährige müsste seinen Posten räumen. Erst im April war er offiziell ins Kampfgebiet zurückgekehrt.
Zuletzt sorgte die Entmachtung des Kommandeurs der 58. Armee für Aufsehen. Iwan Popows Absetzung wurde ebenfalls von einer Sprachnachricht auf Telegram begleitet. Er war nur einer von zahllosen Generälen, die Opfer des großen Stühlerückens der russischen Militärführung wurden. Unantastbar scheinen einzig die vor allem von Prigoschin öffentlich in den Senkel gestellten Sergej Schoigu und Waleri Gerassimow, als Verteidigungsminister und Generalstabschef federführend verantwortlich für das Desaster, das einmal als dreitägige militärische Spezialoperation begann.
Video: Russisches Militär wirft weitere Top-Kommandeure raus
Russland und die Kriegsblogger: „Generalstab besitzt schon lange keine Autorität mehr“
Das angeschlagene Duo scheint mit aller Macht seine Köpfe retten zu wollen. Doch wie lange geht das noch gut? Es scheint mehr und mehr zu brodeln in Russlands Elite.
Der in der Ukraine geborene pro-russische Kriegsblogger Juri Podoljaka, dem 2,8 Millionen Menschen auf Telegram folgen, schrieb dort etwa über die Absetzung von Generalmajor Wladimir Seliverstow, Kommandeur der 106. Luftlandedivision. Dieser habe aus denselben Gründen seinen Hut nehmen müssen wie Teplinski und Popow. Dazu kritisierte der Journalist: „Gemessen an der Liste der bereits abgesetzten Kommandeure (und die intelligentesten werden abgesetzt) sieht unser Generalstab die größte Bedrohung nicht beim Feind, sondern in der Untergrabung seiner eigenen Autorität, die er, seien wir ehrlich, unter den eigenen Leuten schon lange nicht mehr besitzt.“
Es werde jedoch in der Führung immer noch nicht wahrgenommen, dass „ein Kampf um die Existenz Russlands“ entbrannt sei. Deshalb betont Podoljaka mit Blick auf den noch gestoppten Wagner-Marsch auf Moskau: „Ich habe große Angst vor einer Wiederholung der Ereignisse vom 23. und 24. Juni. Denn die Probleme, die dazu geführt haben, sind im vergangenen Monat nicht nur nicht gelöst worden, sondern haben sich sogar spürbar verschlimmert.“
Russland und der Ukraine-Krieg: Verweigern Generäle Gerassimow die Gefolgschaft?
In der FAZ wird zudem der anonyme Telegram-Kanal WTschK-OGPU zitiert. Dieser verfügt über 760.000 Follower und mutmaßlich über Quellen unter ranghohen Militärs. Demnach soll nach der Rede Popows unter Generälen, die keine „Parkettgeneräle“ seien, eine „Kettenreaktion“ in Gang gesetzt worden sein: Sie wollen sich Gerassimow nicht mehr unterordnen. Folglich drohe ein Verlust der Lenkbarkeit der Armee. Allerdings werde demnach eine Entlassung des Generalstabschefs nicht erwogen, „weil damit nur die Entwicklung eines Appetits von Forderungen der Kommandeure provoziert wird, worauf unweigerlich eine Wiederholung des Prigoschin-Szenarios folgt“. Sitzt der Generalstabschef also fest im Sattel, gerade weil er auch in eigenen Reihen so stark in der Kritik steht?
Die Furcht vor einem neuen Aufstand ist jedenfalls spürbar. Womöglich war die Verhaftung von Poljakow auch eine Reaktion auf die sich aufheizende Gemengelage. Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) mutmaßt, es gehe dem Kreml darum, Spekulationen über interne politische Entscheidungen vor dem Hintergrund von Prigoschins Meuterei zu unterdrücken. Denn genau damit machten sich die Telegram-Kanäle, die Poljakow zugerechnet wurden, einen Namen. Und im Kreml wohl trotz ihrer öffentlich verbreiteten Zuneigung keine Freunde. (mg)


