Wie steht die junge „Generation Putin“ zum Ukraine-Krieg? Ein Experte erklärt im Interview mit Merkur.de das Dilemma, in dem Russlands Jugend steckt.
München/Berlin - Die junge Generation in Russland wird auch „Generation Putin“ genannt: Nie haben sie einen anderen Machthaber als den russischen Präsidenten Wladimir Putin erlebt, der das Land seit dem Jahr 2000 fest im Griff hat. Doch wie treu stehen junge Russen hinter Putin und dessen Propaganda – und wie positionieren sie sich zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine?
Dr. Felix Krawatzek vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien forscht zu Jugend und generationellen Wandel in Russland und beschäftigt sich dabei vor allem mit den 18- bis 34-Jährigen. Im Interview mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA gibt er einen Einblick in die politische Kultur dieser Generation.
Herr Krawatzek, können Sie einschätzen, wie die Stimmung unter russischen jungen Menschen zum Ukraine-Krieg ist?
Das ist schwer zu überblicken. Der Staat in Russland versucht den Eindruck zu erwecken, dass die Jugend komplett loyal ist. Man kann daher leicht den Eindruck gewinnen, dass sie wie ein Mann hinter dem Ukraine-Krieg steht. Aber es ist klar, dass Jugendliche nicht nur das aufnehmen, was man ihnen vorgibt. Das Problem ist, dass Alternativen im öffentlichen Diskurs kaum anzutreffen sind, weil die Gesellschaft unheimlich überwacht ist. Die Teilnahme an Protest und auch kritischer Online-Diskurs wird hart bestraft. Durch die Videoüberwachung weiß der Staat genau, wer auf der Straße protestiert hat.
Das klingt nach einer Überwachung wie in China.
China ist das große Vorbild Russlands, was die gesellschaftliche Überwachung betrifft. Russland ist zwar noch nicht so weit, aber das ist das Ziel. Viele junge Leute sehen auch an ihren Freunden, was es für Folgen hat, wenn man sich gegen den Krieg positioniert: Strafen und Schikanen. Es drohen unangenehme Gespräche an der Universität oder in der Arbeit, oder auch der Entzug des Studienplatzes. Daran liegt es wohl auch, dass es zu Beginn des Kriegs noch Proteste gab, aber seitdem Stille herrscht.
Es gibt aber natürlich auch junge Menschen, die die Propaganda von oben übernehmen. Wie viele das sind, kann man nur schätzen. Ich würde vielleicht sagen, dass rund ein Drittel der jungen Leute den Krieg wirklich unterstützt, aber das ist keine gesicherte Zahl, weil wir momentan Forschung zu solchen Themen in Russland nicht durchführen können.
Dr. Félix Krawatzek ist Politikwissenschaftler und leitet den Forschungsschwerpunkt „Jugend und generationeller Wandel“ am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin.
Russlands Jugend und der Ukraine-Krieg: Viele flüchten ins Private - oder ins Ausland
Wie ist allgemein die politische Stimmung unter der jungen russischen Generation?
Im November 2021 haben wir Erhebungen in zwei russischen Großstädten durchgeführt, die bereits gezeigt haben, dass sich die Jugend völlig entfernt hat von der Politik. Es herrscht Apathie, Desillusion und ein Mangel an Vertrauen, dass in Russland irgendetwas über den politischen Weg erreicht werden kann. Der Glaube ist weitverbreitet: Was immer man auch macht, es hat keine Relevanz.
Was sind die Folgen davon?
Entweder die innere Migration, also der Rückzug ins Private. Man passt sich an, muss ja irgendwie weiterleben und versucht, den Krieg möglichst weit von sich wegzuschieben. Oder man emigriert ins Ausland, wie es viele in Russland seit Kriegsbeginn getan haben. Umfragen habe gezeigt, dass 90 Prozent derer, die Russland verlassen, den Ukraine-Krieg ablehnen.
Wie ist die Haltung speziell zum russischen Präsidenten Putin? Die junge Generation hat nie einen anderen Präsidenten erlebt als ihn.
Es ist nicht so, dass die Begeisterung für Putin besonders groß ist. Es existiert bei einer deutlichen Mehrheit der jungen Leute die Meinung, dass er schon zu lange an der Macht ist und viele fühlen sich durch die Verfassungsreform von 2020 durchaus von ihm verraten. Aber andererseits gibt es keine Vorstellung darüber, wer eine Alternative zu Putin sein könnte. Es konnte sich ja auch kein Politiker jemals als ernsthafte Alternative präsentieren.
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Informationen jenseits Putins Propaganda: „Für die meisten ist die Tür zu“
Wenn jemand alternative Medien nutzt, dann sind es natürlich die Jugendlichen. Plattformen wie das unabhängige russische Onlinemagazin Medusa sind relativ beliebt. Das Problem ist aber: Diese Seiten sind in Russland gesperrt und die Nutzung verstößt gegen das Gesetz. Man braucht einen VPN-Zugang, und dafür eine Kreditkarte. Für die meisten ist damit die Tür zu, um an alternative Quellen heranzukommen.
Gibt es die Chance, dass junge Menschen Informationen aus den sozialen Netzwerken an die ältere Generation weitertragen und damit eventuell zu einem Umdenken beitragen?
Da muss man sehr skeptisch sein. Die Jungen rennen da keine offenen Türen ein. Wir sehen momentan eher, dass es zu Brüchen zwischen den Generationen kommt. Die Verwerfungen zwischen Eltern und den Kindern sind teils enorm groß.
Junge Generation in Russland: „Der Ukraine-Krieg kommt bis ins Wohnzimmer“
Welche Ängste existieren bei der Jugend, selbst in den Ukraine-Krieg ziehen zu müssen? Seit der Teilmobilmachung im September ist die Sorge bestimmt gestiegen.
Diese Angst ist enorm. Vor der Teilmobilmachung war der Ukraine-Krieg für viele Menschen eine Sache der Außenpolitik, die für sie keine persönliche Relevanz hat. Jetzt ist der Krieg zu den Russen nach Hause gekommen, bis in ihre Wohnungen. Die Emigrationswelle ist mit der Teilmobilmachung sprunghaft angestiegen. Auch Menschen, die vorher keine Migrationsabsichten hatten, haben sich dann dafür entschieden. Mittlerweile hat sich dieser Exodus wieder normalisiert, aber es kommt vielleicht noch eine zweite Welle.
Befürchten die Menschen auch eine Generalmobilmachung?
Ja, diese Befürchtung hat man in Russland. Das würde viele Leute nicht überraschen. Im Augenblick wird jedoch von staatlicher Seite noch versucht, den Krieg von den urbanen Zentren fernzuhalten. Die Einberufungszahlen zum Beispiel in Moskau sind viel geringer als in abgelegeneren Regionen, wo viele ethnische Minderheiten leben. Man versucht so auch, den Teil der jungen Bevölkerung, der am ehesten gegen den Krieg auf die Straße gehen würde, nicht direkt damit zu konfrontieren.