Russland zieht Kriegsschiffe ab: „Putins große Flucht“ aus Syrien
VonMarcus Giebel
schließen
Baschar al-Assad hat Syrien den Rücken gekehrt. Werden ihm die dort stationierten Einheiten von Wladimir Putin folgen? Bilder deuten darauf hin.
Damaskus – In Syrien durfte sich Wladimir Putin in den vergangenen Jahren beinahe wie zu Hause fühlen. Schließlich hätte sich Diktator Baschar al-Assad ohne die Zusammenarbeit mit Moskau wohl kaum so lange an der Macht halten können. Russland lieferte als wichtigster Unterstützer im Bürgerkrieg Waffen. Zudem sind eigene Militäreinheiten in dem Land stationiert, das seit mehr als zehn Jahren nicht zur Ruhe kommt.
Putin in Syrien: Zieht Kreml-Chef nach Assads Flucht seine Truppen ab?
Offiziell fühlt sich Russland vor Ort weiter gebraucht und denkt nicht an einen Abzug. So sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow laut Tass vor Reportern, Russland stelle „Kontakte zu denjenigen her, die die Sicherheit seines Militärs in Syrien gewährleisten können“. Die russische Nachrichtenagentur schrieb zudem unter Bezugnahme auf eine Quelle aus dem Kreml, die „bewaffneten Führer der syrischen Opposition“ würden die Sicherheit russischer Stützpunkte und diplomatischer Institutionen garantieren. Darauf will sich Putin aber offenbar nicht verlassen.
Jüngste Satellitenbilder lassen zumindest reichlich Raum für Spekulationen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet etwa, dass Aufnahmen des Unternehmens Planet Labs vom Montag (9. Dezember) zeigen, wie drei Schiffe der russischen Mittelmeerflotte etwa 13 Kilometer nordwestlich der Basis in Tartus vertäut waren.
Es handelte sich um zwei Lenkwaffenfregatten und einen Öltanker. Vom Rest der Flotte fehle jede Spur. Auf früheren Bildern von BlackSky und Planet Labs seien fünf Schiffe und ein U-Boot der Russen in Tartus zu sehen gewesen. Noch am 5. Dezember hätten diese allesamt im Hafen gelegen.
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels
Putin und seine Schiffe in Tartus: Erste Anzeichen einer Evakuierung schon Tage vor Assads Sturz
Bereits am 3. Dezember hatte das Portal Naval News von ersten Anzeichen einer Evakuierung russischer Kriegsschiffe aus Syrien berichtet. Am Tag zuvor habe eines der Schiffe – der Tanker „Jelnja“ – abgelegt, Informationen würden darauf hindeuten, dass weitere oder auch alle Schiffe dem Beispiel folgen würden.
Der unabhängige Marine-Analyst Droxford Maritime twitterte: „Das Schiff wird wahrscheinlich das Mittelmeer verlassen. Es besteht jedoch die realistische Möglichkeit, dass die Abfahrt mit der sich verschlechternden Lage in Syrien zusammenhängt.“ Obendrein war die syrische Flotte vor Tartus auch von Israel attackiert worden, wodurch auch Putins Schiffe in Gefahr gerieten.
Der auf Karten und Satellitenbilder spezialisierte Analyst Brady Africk vom American Enterprise Institute (AEI) postete eine Aufnahme, auf der noch drei Schiffe im Hafen zu sehen sind. Diese soll am 6. Dezember entstanden sein.
Russland nach Assads Sturz: Putins Kriegsschiffe aus syrischem Hafen verschwunden
Nun verglich der Business Insider Satellitenaufnahmen von Maxar, einem weiteren Dienstleister. Noch am 5. Dezember lagen demnach alle sechs Schiffe in Tartus vor Anker. Am Montag waren sie verschwunden und auch am Dienstag blieb die Anlegestelle im Hafen verwaist. Demnach wurden mindestens zwei der Fregatten mehrere Kilometer von der Küste entfernt gesichtet.
Es sei nicht klar, ob sie zurückkehren werden. Womöglich hätten sie sich aus Sicherheitsgründen aus dem Hafen entfernt. Auch die Nachrichtendienste des ukrainischen Verteidigungsministeriums meldeten sich zu der Entwicklung zu Wort. Auf ihrem Telegram-Kanal schrieben sie von „Putins großer Flucht“, die „beschämend“ sei.
Nicht nur würden die Schiffe aus Tartus abgezogen, sondern auch Waffenreste per Flugzeug vom Stützpunkt Hmeimim abtransportiert werden. Letzterer liegt auf dem Internationalen Flughafen Basil al-Assad – benannt nach dem verstorbenen älteren Bruder des langjährigen Machthabers – nahe Latakia an der Mittelmeerküste. Er wird intensiv genutzt, um Militäreinheiten nach Afrika zu bringen oder von dort zurückzufliegen.
Putin und die Flucht aus Syrien: Laut Ukrainern kommen weitere russische Schiffe zur Hilfe
Als erstes seien die „hohen Tiere“ geflohen. So habe bereits General Alexander Tschaiko, der erst vor einer Woche das Kommando über die russischen Militärs in Syrien übernommen habe, das Weite gesucht. Für eine schnellere Evakuierung der Ausrüstung seien Schiffe der Ostseeflotte herangezogen worden.
In einem weiteren Post am Dienstag folgten zusätzliche Enthüllungen. Vom Luftwaffenstützpunkt Hmeimim würden die Flugplätze Uljanowsk, Tschkalowski und Priwolschski angeflogen. Derweil seien zwei in der Stadt Baltijsk in Kaliningrad liegende Schiffe – der Massengutfrachter „Sparta II“ und das Kriegsschiff „Alexander Schabalin“ – angewiesen worden, sich bereit zum Auslaufen in Richtung Tartus zu machen. Die Nordflotte entsende die „Alexander Otrakowski“ und die „Ivan Gren“ ins Mittelmeer.
In Tartus seien bereits hunderte russische Spezialeinheiten eingetroffen, um den Rückzug voranzutreiben. Die Reste des stationierten Kontingents seien frustriert und deprimiert, würden ihre Unzufriedenheit mit ihren Befehlshabern zum Ausdruck bringen. Ein Kritikpunkt sei die schlechte Organisation.
Sind sich nun näher, als ihnen lieb sein kann: Baschar al-Assad (l.) floh nach dem Ende seines Regimes in Syrien nach Moskau zu Wladimir Putin. (Szene von Assads Moskau-Besuch im Juli 2024)
Assads Sturz und die Folgen für Russland: Verliert Putin an Einfluss in Afrika?
Wegen des seit mehr als zweieinhalb Jahren laufenden Ukraine-Kriegs hat Kiew ein besonderes Interesse daran, russische Rückschläge öffentlich zu machen. Und das wäre ein Abschied aus Syrien allemal.
Der Think Tank Critical Threats Project vom AEI verwies in einem Gastbeitrag für das Institute for the Study of War (ISW) bereits am 4. Dezember auf die Folgen eines Sturzes von al-Assad für Putin. Ein Ende dessen Regimes würde „den strategischen Zielen des Kreml schaden, seine Macht im Mittelmeer und im Roten Meer auszuspielen und die Südflanke der Nato von Afrika und vom Mittelmeerraum aus zu bedrohen“.
Operationen in Afrika würden erschwert werden, denn Moskau stünde hier vor logistischen Herausforderungen. Das sei aber noch nicht alles: „Der Zusammenbruch von Assads Regime würde zudem der weltweiten Wahrnehmung Russlands als effektiver Partner und Beschützer schaden und möglicherweise Russlands Partnerschaften mit afrikanischen Autokraten und seinen daraus resultierenden wirtschaftlichen, militärischen und politischen Einfluss in Afrika gefährden.“ (mg)