Unklare Lage nach Assad-Sturz

Russland zieht Kriegsschiffe ab: „Putins große Flucht“ aus Syrien

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Baschar al-Assad hat Syrien den Rücken gekehrt. Werden ihm die dort stationierten Einheiten von Wladimir Putin folgen? Bilder deuten darauf hin.

Damaskus – In Syrien durfte sich Wladimir Putin in den vergangenen Jahren beinahe wie zu Hause fühlen. Schließlich hätte sich Diktator Baschar al-Assad ohne die Zusammenarbeit mit Moskau wohl kaum so lange an der Macht halten können. Russland lieferte als wichtigster Unterstützer im Bürgerkrieg Waffen. Zudem sind eigene Militäreinheiten in dem Land stationiert, das seit mehr als zehn Jahren nicht zur Ruhe kommt.

Nach dem Umsturz, für den eine Rebellenallianz verantwortlich zeichnet, suchte al-Assad in seiner Not das Weite und kam nun augenscheinlich bei Putin unter. Was aber bedeutet das für Russlands Rolle in Syrien? Endet auch die Zeit von Moskaus Einfluss in Damaskus abrupt?

Wohin nur mit den in Syrien stationierten Schiffen? Wladimir Putin soll die Evakuierung des Hafens von Tartus befohlen haben.

Putin in Syrien: Zieht Kreml-Chef nach Assads Flucht seine Truppen ab?

Offiziell fühlt sich Russland vor Ort weiter gebraucht und denkt nicht an einen Abzug. So sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow laut Tass vor Reportern, Russland stelle „Kontakte zu denjenigen her, die die Sicherheit seines Militärs in Syrien gewährleisten können“. Die russische Nachrichtenagentur schrieb zudem unter Bezugnahme auf eine Quelle aus dem Kreml, die „bewaffneten Führer der syrischen Opposition“ würden die Sicherheit russischer Stützpunkte und diplomatischer Institutionen garantieren. Darauf will sich Putin aber offenbar nicht verlassen.

Jüngste Satellitenbilder lassen zumindest reichlich Raum für Spekulationen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet etwa, dass Aufnahmen des Unternehmens Planet Labs vom Montag (9. Dezember) zeigen, wie drei Schiffe der russischen Mittelmeerflotte etwa 13 Kilometer nordwestlich der Basis in Tartus vertäut waren.

Es handelte sich um zwei Lenkwaffenfregatten und einen Öltanker. Vom Rest der Flotte fehle jede Spur. Auf früheren Bildern von BlackSky und Planet Labs seien fünf Schiffe und ein U-Boot der Russen in Tartus zu sehen gewesen. Noch am 5. Dezember hätten diese allesamt im Hafen gelegen.

Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels

Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt. In ganz Syrien versammeln sich Menschen, um den Sturz der syrischen Regierung zu feiern.
Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt und hat das Land verlassen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Im ganzen Land versammeln sich Menschen wie hier in der Hauptstadt Damaskus auf den Straßen. Sie feiern den Sturz der syrischen Regierung und das Ende der über 50 Jahre andauernden Herrschaft der Assad-Dynastie.  © dpa/DIA Photo/AP | Ugur Yildirim
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Menschen durchwühlten die Privatwohnung des geflohenen Machthabers Baschar al-Assad.
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Der im Jahr 2000 verstorbene Hafez Assad war der Vater Baschar al-Assads und herrschte von 1970 bis zu seinem Tod über das Land. Bürgerinnen und Bürger strömten auch in den Präsidentenpalast und in eine Privatwohnung des geflohenen Machthabers. © dpa/AP | Hussein Malla
Menschen gehen durch die Hallen des Präsidentenpalastes des syrischen Präsidenten, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Der Präsidentenpalast wird nach dem Sturz Baschar al-Assads in Syrien zu einem Publikumsmagenten. Hunderte Menschen strömten in den Protzbau des Ex-Präsidenten und wandelten durch die Hallen. © Hussein Malla / dpa
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama.
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads.
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads. © dpa/AP | Emrah Gurel
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt eine riesige Menschenansammlung in Aleppo.
Ein von Maxar zur Verfügung gestelltes Satellitenbild zeigt feiernde Menschen auf den Straßen Aleppos. © dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern.
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee.
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee. © dpa/AP | Emrah Gurel
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien.
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien. © dpa/AP | Omar Albam
Ein Bild von Baschar al-Assad in der Stadt Hama ist durchlöchert von Kugeln.
496721846.jpg © Omar Albam / dpa
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren.
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren. © dpa/AP | Omar Albam
Nachdem syrische Rebellen Hama erob ert haben, fliehen Menschen aus der Stadt.
Nachdem syrische Rebellen Hama erobert haben, fliehen Menschen aus der Stadt. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © Hussein Malla / dpa
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo.
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo. © Anas Alkharboutli / dpa
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist.
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt.
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt. © dpa/IMAGESLIVE via ZUMA Press Wire | Juma Mohammad
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee.
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee. © IMAGO/Rami Alsayed
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt.
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt. © dpa/AP | Omar Albam
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad, Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, liegt auf einem von Oppositionskämpfern zerstörten Fliesenboden in Aleppo. © dpa/AP | Omar Albam
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama.
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug.
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft.
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz.
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz. © dpa | Andreas Arnold

Putin und seine Schiffe in Tartus: Erste Anzeichen einer Evakuierung schon Tage vor Assads Sturz

Bereits am 3. Dezember hatte das Portal Naval News von ersten Anzeichen einer Evakuierung russischer Kriegsschiffe aus Syrien berichtet. Am Tag zuvor habe eines der Schiffe – der Tanker „Jelnja“ – abgelegt, Informationen würden darauf hindeuten, dass weitere oder auch alle Schiffe dem Beispiel folgen würden.

Der unabhängige Marine-Analyst Droxford Maritime twitterte: „Das Schiff wird wahrscheinlich das Mittelmeer verlassen. Es besteht jedoch die realistische Möglichkeit, dass die Abfahrt mit der sich verschlechternden Lage in Syrien zusammenhängt.“ Obendrein war die syrische Flotte vor Tartus auch von Israel attackiert worden, wodurch auch Putins Schiffe in Gefahr gerieten.

Der auf Karten und Satellitenbilder spezialisierte Analyst Brady Africk vom American Enterprise Institute (AEI) postete eine Aufnahme, auf der noch drei Schiffe im Hafen zu sehen sind. Diese soll am 6. Dezember entstanden sein.

Bild aus einer für Russland besseren Zeit: Im Februar 2022 ließ Wladimir Putin vor Tartus eine Militärübung abhalten.

Russland nach Assads Sturz: Putins Kriegsschiffe aus syrischem Hafen verschwunden

Nun verglich der Business Insider Satellitenaufnahmen von Maxar, einem weiteren Dienstleister. Noch am 5. Dezember lagen demnach alle sechs Schiffe in Tartus vor Anker. Am Montag waren sie verschwunden und auch am Dienstag blieb die Anlegestelle im Hafen verwaist. Demnach wurden mindestens zwei der Fregatten mehrere Kilometer von der Küste entfernt gesichtet.

Es sei nicht klar, ob sie zurückkehren werden. Womöglich hätten sie sich aus Sicherheitsgründen aus dem Hafen entfernt. Auch die Nachrichtendienste des ukrainischen Verteidigungsministeriums meldeten sich zu der Entwicklung zu Wort. Auf ihrem Telegram-Kanal schrieben sie von „Putins großer Flucht“, die „beschämend“ sei.

Nicht nur würden die Schiffe aus Tartus abgezogen, sondern auch Waffenreste per Flugzeug vom Stützpunkt Hmeimim abtransportiert werden. Letzterer liegt auf dem Internationalen Flughafen Basil al-Assad – benannt nach dem verstorbenen älteren Bruder des langjährigen Machthabers – nahe Latakia an der Mittelmeerküste. Er wird intensiv genutzt, um Militäreinheiten nach Afrika zu bringen oder von dort zurückzufliegen.

Dieses Bild ist wohl Vergangenheit: Auf syrischen Straßen waren russische Soldaten in den vergangenen Jahren oft nicht weit entfernt.

Putin und die Flucht aus Syrien: Laut Ukrainern kommen weitere russische Schiffe zur Hilfe

Als erstes seien die „hohen Tiere“ geflohen. So habe bereits General Alexander Tschaiko, der erst vor einer Woche das Kommando über die russischen Militärs in Syrien übernommen habe, das Weite gesucht. Für eine schnellere Evakuierung der Ausrüstung seien Schiffe der Ostseeflotte herangezogen worden.

In einem weiteren Post am Dienstag folgten zusätzliche Enthüllungen. Vom Luftwaffenstützpunkt Hmeimim würden die Flugplätze Uljanowsk, Tschkalowski und Priwolschski angeflogen. Derweil seien zwei in der Stadt Baltijsk in Kaliningrad liegende Schiffe – der Massengutfrachter „Sparta II“ und das Kriegsschiff „Alexander Schabalin“ – angewiesen worden, sich bereit zum Auslaufen in Richtung Tartus zu machen. Die Nordflotte entsende die „Alexander Otrakowski“ und die „Ivan Gren“ ins Mittelmeer.

In Tartus seien bereits hunderte russische Spezialeinheiten eingetroffen, um den Rückzug voranzutreiben. Die Reste des stationierten Kontingents seien frustriert und deprimiert, würden ihre Unzufriedenheit mit ihren Befehlshabern zum Ausdruck bringen. Ein Kritikpunkt sei die schlechte Organisation.

Sind sich nun näher, als ihnen lieb sein kann: Baschar al-Assad (l.) floh nach dem Ende seines Regimes in Syrien nach Moskau zu Wladimir Putin. (Szene von Assads Moskau-Besuch im Juli 2024)

Assads Sturz und die Folgen für Russland: Verliert Putin an Einfluss in Afrika?

Wegen des seit mehr als zweieinhalb Jahren laufenden Ukraine-Kriegs hat Kiew ein besonderes Interesse daran, russische Rückschläge öffentlich zu machen. Und das wäre ein Abschied aus Syrien allemal.

Der Think Tank Critical Threats Project vom AEI verwies in einem Gastbeitrag für das Institute for the Study of War (ISW) bereits am 4. Dezember auf die Folgen eines Sturzes von al-Assad für Putin. Ein Ende dessen Regimes würde „den strategischen Zielen des Kreml schaden, seine Macht im Mittelmeer und im Roten Meer auszuspielen und die Südflanke der Nato von Afrika und vom Mittelmeerraum aus zu bedrohen“.

Operationen in Afrika würden erschwert werden, denn Moskau stünde hier vor logistischen Herausforderungen. Das sei aber noch nicht alles: „Der Zusammenbruch von Assads Regime würde zudem der weltweiten Wahrnehmung Russlands als effektiver Partner und Beschützer schaden und möglicherweise Russlands Partnerschaften mit afrikanischen Autokraten und seinen daraus resultierenden wirtschaftlichen, militärischen und politischen Einfluss in Afrika gefährden.“ (mg)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Russian Look, Twitter/@bradyafr

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