VonStefan Schollschließen
Russlands Ex-Präsident Medwedew versucht, seine liberale Geschichte vergessen zu machen.
In einem Weltkrieg gäbe es keine Sieger. „Man kann es nicht als Sieg ansehen, wenn atomarer Winter ausgebrochen ist, Millionenstädte in Ruinen liegen und eine Unmenge Leute umgekommen sind.“ Dmitrij Medwedew warnte unlängst in einem Artikel für die Zeitung „Rossijskaja Gaseta“ vor dem Atomkrieg, mit durchaus vernünftigen Worten. Aber schon ein paar Sätze später flirtete er wieder mit der Bombe: „So eine Apokalypse ist nicht nur möglich, sondern auch völlig wahrscheinlich.“
Dmitrij Medwedew, 57, früherer Präsident Russlands, ist inzwischen für seinen Gossenslang bekannt. Westliche Politiker:innen im Allgemeinen nennt er „unverschämte englische Schweine und das übrige von ihnen kommandierte Vieh“, den US-Präsidenten im Besonderen einen „alten, verfaulenden Stumpf, der an Demenz leidet“. Mit dem nuklearen Erstschlag droht Medwedew, verheiratet, ein Sohn, jetzt alle paar Wochen.
Man war anderes von ihm gewohnt. Ein Leningrader Akademikersohn, erst Vorzeigestudent des liberalen Jura-Professors Anatolij Sobtschak, dann Rechtsexperte Wladimir Putins. Putin ging später nach Moskau, nahm Medwedew mit, Putin wurde Präsident, Medwedew durfte als Vizepremier allerlei Reformen in Angriff nehmen. Auch wenn er wesentlich demokratischer gesinnt war als sein Chef, ahmte er sogar seine Stimme nach. Und 2008 kürte Putin ihn zu seinem Nachfolger – für vier Jahre.
Medwedew war ein angenehmer Präsident. Die Wirtschaft brummte, Medwedew bemühte sich vorsichtig, das Wahlrecht zu liberalisieren. In dem programmatischen Artikel „Vorwärts Russland“ schwärmte er von Russlands künftigen politischen System: „Es wird der politischen Kultur freier, kritisch denkender und selbstsicherer Menschen entsprechen.“ Aber Putin, damals Premier, behielt die Zügel in der Hand. Und am Ende der Amtszeit erklärte er Medwedew, er werde selbst wieder Präsident. „Die Weltlage ist schwierig, Dima“, soll er ihm gesagt haben. „Dir könnte das Land verloren gehen.“
Immer wieder gedemüdigt
Der gedemütigte Medwedew wurde zum Regierungschef degradiert. Medwedew war ein blasser Premier, aber er gab sich auch nach der Annexion der Krim noch friedfertig. Ein Jahr später folgte die nächste Erniedrigung, Putin entließ ihn auch als Premier, Medwedew wurde zum „Stellvertretenden Vorsitzenden des Sicherheitsrats“ ernannt. Ein Amt, eigens für ihn geschaffen, so wie 2022 der „Stellvertretende Vorsitzende der Kriegsindustriellen Kommission“, beide Posten sind nach Ansicht von Politolog:innen ziemlich überflüssig. Auch als Vorsitzender der Staatspartei „Einiges Russland“ blieb Medwedew isoliert, bei den Duma-Wahlen 2021 fand sich auf der Parteiliste kein Platz für ihn.
Medwedew ist so etwas wie der Prügelknabe des politischen Establishments geworden. Laut dem Portal „meduza.io“ schießt Medwedew jetzt verbal Salvenfeuer gegen die Ukraine und den Westen, weil er nach Kräften versuche zu beweisen, er stehe trotz seiner vergangenen liberalen Reformpläne fest zu Putin.
Aber als Chinas Staatschef Xi Jinping im März Moskau besuchte und die Delegationen beider Länder angetreten waren und die Präsidenten erwarteten, erschien nach langen Minuten – Dmitrij Medwedew. Er schüttelte erst allen Chinesen, dann allen Russen die Hand, ließ sich dabei Zeit, als wäre er Putin selbst. „Es war klar, wer hier heute das Sagen hatte“, schrieb die Zeitung „Kommersant“ über Medwedews Auftritt. In solchen Momenten scheint durchaus möglich, dass Putin seinen nie aufbegehrenden Getreuen einmal wieder als möglichen Nachfolger betrachten könnte.
